Ein Teil im Ganzen

 


 

Ich bin ein Teil im Ganzen

des einen Universums.

Ich bin ja nicht das Ganze,

bin nur ein kleiner Teil.


 

Will ich nun abgeteilt

vom großen Ganzen sein,

mein eigenes Ganzes sein,

mich selbst zum Ganzen machen?


 

Will ich verbunden bleiben,

will ich mich selbst verbinden

als Teil mit anderen Teilen

und mit dem einen Ganzen?


 

Kein Teil lebt durch sich selbst.

Er lebt nur durch das Ganze.

Denn nur das Ganze lebt

allein durch sich in sich.


 

Wenn ich als Teil versuche,

all-ein durch mich zu leben,

all-ein in mir zu leben,

dann töte ich mich ab.


 

Ich leb' als Teil nur, wenn

ich mich mit Anderen teile,

ich mit den Anderen teile

im einen großen Ganzen.


 

Drum blähe dich nicht auf!

Bleib' demütig, bescheiden!

Maß dir nicht maßlos an,

was nur gebührt dem Ganzen,


 

nicht einem kleinen Teil,

der nur mit anderen Teilen,

der nur durch andere Teile

im Ganzen leben kann.


 

Und doch:

Von Worten ist ja meistens

auch wahr ihr Gegenteil:

Ich muss als Teil im Ganzen

auch selbst ein Ganzes sein,

das in sich Teile hat,

doch mehr ist, größer ist

als alle seine Teile,

ein Organismus, der

mehr ist als die Organe,

ein Ich, das größer ist

als seine Seelenkräfte,

Gedanken und Gefühle - 

ein Ganzes, das die Teile

zusammenfügt zu Einem.


Ich muss durchaus auch gut

für diese Einheit sorgen,

mein Eigen-Sein als Ganzes,

mich darum kümmern, dass 

sie nicht verfällt, zerfällt,

sie nicht erkrankt und stirbt.

Im Mosaik des Lebens,

des einen, großen Ganzen

ist jedes Steinchen wichtig,

darf nicht verloren geh'n,

darf nicht zerstückelt werden

zu Splittern und zu Staub.

Es ist als Ganzes wertvoll

für das noch größere Ganze.

 

 

Ein Mensch muss beides sein:

Ein Teil im großen Ganzen

und selbst geeintes Ganze.

Und beides ganz zu leben,

das ist ein schwieriger Tanz,

ein Tanz auf schmalem Seil.

Fast jeder stürzt oft ab,

auf beiden Seiten oder

anscheinend nur auf einer,

muss dennoch weiter tanzen

bis er es sicher kann,

bis er ein Künstler ist

auf diesem schmalen Seil.

 


 

Die Anregung zu diesem Gedicht verdanke ich (natürlich) Ken Wilber. 

Der hat ja die Verschachtelung von sich aufhebenden Ganz-Teilen in einer aufsteigenden Hierarchie in seinem Werk klar und ausführlich dargestellt.

 

Publiziert am: Donnerstag, 28. Mai 2026 (18 mal gelesen)
Copyright © by Rudolfo Kithera

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