Keine Feier ohne Geier
Es tauchte auf der Feier
von Pinguin und Pinguine
auch auf ein alter Geier
als später, letzter Gast.
"Ich muss doch kommen", sprach
ganz selbstbewusst der Geier.
"Denn wie das Spruchwort sagt,
gibt 's nur mit mir ne Feier.
So wander' ich von Fest zu Fest,
bleib' nicht am selben Ort:
Nur selten schlafe ich zu Haus;
denn meistens bin ich fort.
Doch anders als die Vettern -
als Bussard, Adler, Habicht -
bin ich als Gast nicht gern geseh'n;
und das versteh' ich nicht.
Es ist doch auch der Falke
ein Räuber so wie ich.
Warum dann ehrt man ihn,
und ächtet grundlos mich.
Es ist nun wohl mein Schicksal,
dass ich verachtet bin.
Doch kann ich nicht erkennen
darin nen tieferen Sinn.
Ich bin 's ja schon gewohnt.
Es wird wohl auch so bleiben:
Sobald ich wo erscheine,
will man mich schnell vertreiben.
Ich will auch heute hier
ja gar nicht lang verweilen,
werd' schon nach kurzer Zeit
erneut von dannen eilen
zum nächsten Fest, der Hochzeit
von Gänserich und Gans.
Wie sie heißt, weiß ich nicht,
doch glaube, er heißt Franz.
Auch dort werd' ich ja wieder
nicht gern gesehen sein,
hab' halt nen schlechten Ruf -
wie Elster, Ratte, Schwein.
Doch werd' ich ja gebraucht
auf jeder Hochzeitsfeier.
Nur ich mach sie ja ganz,
der unbeliebte Geier."
Kommentar:
Gestern noch ein Ungetüm,
bin ich heute ein Getüm;
gestern noch ein Ungeheuer,
bin ich heute ein Geheuer.
Gestern floh man noch vor mir
wie vor einem Leprakranken,
wies mich ab vor jeder Tür
hinter sicher hohe Schranken.
Heute ist das alles anders.
Freundlich spricht man jetzt mit mir,
nähert sich mir ohne Argwohn,
hält mich für ein liebes Tier.
Heute lebe ich viel schöner
als Getüm, nicht Ungetüm.
Heute - nicht mehr Ungeheuer -
bin ich froh, jetzt als Geheuer.
Publiziert am: Montag, 02. Februar 2026 (32 mal gelesen)
Copyright © by Rudolfo Kithera
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