Abstieg oder Durchgang
(geschrieben während des volkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine und des ebenso völkerrechtswidrigen Angriffs Israels und der USA auf den Iran)
In einem Roman von Luise Rinser sitzt Mirjam aus Magdala, Maria Magdalena, Jahrhunderte nach dem Tod und der Auferstehung ihres Rabbis Jeshua von Nazareth immer noch in der provenzalischen Höhle,
in die sie sich als Einsiedlerin zurückgezogen hat.
Die einst so treue, glaubensstarke Gefährtin, die tapfer unter dem Kreuz stehen blieb, die Lieblingsschülerin, die mutig die Botschaft des Meisters verkündete, ist inzwischen wütend, enttäuscht und verzweifelt.
Sie sieht, was aus der Friedensbotschaft Jeshuas geworden ist, wie Rom sie in ihr Gegenteil verkehrt hat.
U.A. erfährt sie von einem Ereignis, das bekanntlich eine Zeitenwende in der abendländischen Geschichte eingeleitet hat.
Während eines der bei den Römern so häufigen Bürgerkriege sieht einer der um den Kaiserthron kämpfenden Armeeführer namens Constantinus vor der entscheidenden Schlacht angeblich ein
Kreuz und einen Schriftzug "In hoc signo vinces" (In diesem Zeichen wirst du siegen). Er lässt daraufhin das Christuszeichen und die Inschrift auf die Schilde seiner Soldaten malen, gewinnt auch den Kampf vor den
Toren Roms, an der Milvischen Brücke über den Tiber, und wird durch diesen Sieg Imperator, Oberbefehlshaber über sämtliche Legionen, die gesamte römische Militärmacht.
(Dieser Constantinus wurde ja später der Große genannt, weil er der christlichen Kirche den Weg zunächst zur Gleichstellung mit und dann als römische Staatsreligion den Vorrang vor allen
anderen Glaubensgemeinschaften ebnete. Geschichtliche Ehrentitel werden immer von den Siegern vergeben.)
Mirjam sieht: Im Zeichen des Kreuzes, an dem Jeshua für den Frieden aller Menschen miteinander gestorben ist, führen jetzt Menschen Krieg gegen andere Menschen.
Im Namen des Menschensohns morden Menschen Menschen.
Das Rad der Geschichte scheint sich nicht vorwärts und aufwärts zum Licht zu drehen, sondern rückwärts und abwärts in immer tiefere Finsternis, und sie sieht niemanden, der dieses Sinken aufhalten könnte.
Mirjam schreit, sie schlägt ihren Kopf an den Felsen und ersehnt den Tod.
Da hört sie eine Stimme: "Mirjam!". Sie kennt diese Stimme. Sie will sie nicht hören.
Zum zweiten Mal: "Mirjam!". Sie flüchtet, weiter in die Dunkelheit der Höhle.
Die Höhle wird hell, von Licht erfüllt.
Zum dritten Mal: "Mirjam". Nun antwortet sie: "Rabbi!"
"Du willst mich verlassen, Gefährtin? Du willst abspringen vom Rad, hinein in die selige Leidlosigkeit,
während ich das Gewicht der Erdenmaterie hinaufzuziehen mich abmühe.
Du lässt mich allein? Du verlässt den Platz unterm Kreuz, an dem ich hänge?
Was quälst du dich ab mit der Frage: Wo ist das Friedensreich.
ICH BIN das Friedensreich."
"Mag sein" ... "Aber wir merken davon nichts. Wo ist der verheißene Friede?"
"Denkst du immer noch in Jahrhunderten? Denk in Jahrtausenden!
Das Werk der Befreiung hat erst begonnen. Der Aufstieg der Menschheit dauert sehr lange, Mirjam."
"Die Menschheit versucht ihn schon so lange, Rabbi."
"Lang? Der Mensch ist jung auf dieser Erde."
"Jung? Wir Juden sind ein altes Volk, ein uraltes."
"Es gibt ältere. Und alle sind Kindervölker. Sie proben das Leben und den Aufstieg."
"Ich sehe Abstieg, Rabbi."
"Was du als Abstieg siehst, ist Durchgang."
"Du bist geduldig, Rabbi."
"Meine Liebe ist geduldig. Hochreißen möchte ich den Menschen, bis in die Sphäre des Höchsten möchte ich ihn ziehen mit der Macht meiner Liebe.
Dorthin muss er gelangen, denn von dorther stammt er.
Mirjam, du wirst den Aufstieg leisten, die Menschheit wird ihn leisten, und du wirst bleiben, bis er geleistet ist und das Friedensreich sich gründet."
Dann schweigt die Stimme. Das Licht erlöscht - langsam, um nicht zu erschrechen mit plötzlicher Dunkelheit.
(frei nach Luise Rinser, Mirjam, S.330-332)
Diese Mut machende Botschaft Jeshuas kann vielleicht etwas einer Gefahr entgegenwirken, die in einer Zeit wie der heutigen droht.
Auch heute kann es ja so erscheinen, als drehe sich das Rad der Menschheit zurück und abwärts:
als herrsche in der Welt nicht wohltätiger Frieden, sondern Gewalt und Krieg, der skrupellose Machtmissbrauch der Mächtigen,
bei dem nicht mehr das Völker-Recht, das den Schwächeren schützt, sondern allein das Recht des Stärkeren gilt.
In einer solchen Zeit können Menschen sehr leicht den Glauben an die Menschheit verlieren,
den Glauben daran, dass sie fortschreitet.
In einer solchen Zeit ist es wichtig, nicht zu vergessen:
Die Menschheit wird sicher vorwärts und aufwärts geführt - vom Menschensohn.
In einer solchen Zeit ist die Botschaft Jeshuas an Mirjam in der Höhle wichtig:
Was wie Abstieg und Rückschritt aussieht, ist alles nur Durchgang, letztlich bedeutungsloser Durchgang
auf dem Aufstieg und Fortschritt der Menschheit hin zum Frieden,
zum vollen Mensch-Sein, das der Menschensohn schon verkörpert, schon immer verkörpert hat.
Publiziert am: Sonntag, 19. April 2026 (18 mal gelesen)
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