Überblick



An Marko

(Nicht Hamlet)

(Tears in heaven - Eric Clapton)

Töte den Tod!


Ein guter Tag zum Sterben

Erschaffe jetzt das Jetzt!

Dieser Augenblick


Schirm und Sandalen

Weg gehen, hier bleiben

Fang’ an, hör’ auf

Der Weg des Ich-Bin

Aufgehoben

Leichtes Sein

Abgestiegen, um aufzusteigen

(Lucifer - Christian Morgenstern)

(Vox humana - Manfred Kyber)

(Gebet an den Schutzheiligen - Karoline von Günderrode)

(Vox coelesta - Manfred Kyber)


zum "Vater unser"



Anders träumen

Klein und groß

(aus "Ein Kurs in Wundern")

(Unendlich klein, unendlich groß)

(Unterschiedliche Gottesvostellungen)


Schlecht, besser, gut

Glücklich


Heilige Welt

(Ja - Conrad Ferdinand Meyer)


Paradies ohne Schlangen – Licht ohne Schatten

Spiegel und Schatten


Meister und Schüler

Glauben und Wissen

Im Schlafen wach sein, im Wach-Sein schlafen

Jeder Mensch

Wissen, wer ich bin – Wissen, wer du bist

Es gibt

Formlos formend


Paradoxien

Verrückt (Irrlicht im Irrenhaus)

(Es lebe das Laster - Udo Jürgens)

(Der Weise auf dem Steckenpferd - Rumi)

(Die Leine abschneiden - Nikos Kazantzakis)

(Komm, Heller, komm - André Heller)


ein Fluss

Sei!








An Marko


Du hast gelebt für Berge und für Schnee.

Durch Schnee der Berge bist du auch gestorben.


Du brachst an diesem Freitag Morgen (dem 26. April 2019), von der Finsteraarhornhütte auf. An der Konkordiahütte kamst du nicht mehr an.

Vielleicht hattest du vorher – vorsichtig, wie du ja fast immer warst, den Hüttenwart nach der Wetterlage gefragt.

„Lawinenwarnstufe drei: Das ist nichts Besonderes. An den Bergen etwas Nebel, etwas Wind. Nichts, was Lawinen begünstigt. Man kann es noch wagen, los zu gehen.“

Also gingst du los – mit der Gruppe, die du führtest.

Vorsichtig: 50 Meter Abstand zwischen jedem von euch; damit schlimmstenfalls nur einer von einer Lawine erfasst wird, die anderen noch helfen oder Hilfe holen können.

Doch dann kam sie – noch schlimmer – mit übermächtiger Wucht und einer Schnelligkeit, die Entkommen unmöglich machte: Eine Lawine, die euch alle vier überrollte und unter sich vier Meter tief begrub.

Als du hoch in den Bergen starbst,

las ich gerade weit entfernt Spinoza.

Ich spürte nicht, dass du gerade starbst.

Ich merkte gar nicht, dass die Zeiger

der Uhren stehen blieben und die Zeit erstarrte.


Dein Tod war so, wie ich ihn dir gewünscht hätte - 50 Jahre später. Du hast - wenn überhaupt - nur kurz gelitten. Der Tod kündigte sich nicht an durch düstere Wolken. Aus heiterem Himmel traf er dich. Die Lawine riss dich aus einem glücklichen Leben, an einem glücklichen Tag. Wäre es ein Tag nach 50 Jahren gewesen, es wäre „ ein guter Tag zum Sterben“ gewesen.

Auf dem Kalender, den du uns zu Weihnachten geschenkt hast, fällt mein Blick auf das Bild zum Mai: Drei Menschen in den Bergen, offensichtlich in lebensfrohem Einklang miteinander, freudig gelöst und beschwingt – du, deine Frau, dein Kind.

Du selbst – für dich allein – hattest noch nicht den „Gipfel“ deines Lebens erreicht:

Du hattest ja noch Touren zum Kilomandscharo und zum Mount Everest geplant.

Bereitwillig hätte ich dem Universum mein eigenes Leben zum Tausch angeboten für deins.

Vor mir liegen ja keine Berge mehr, die ich ersteigen wollte.


Doch war es nur das Schicksal, das

- blind um sich schlagend -

gerade dich zufällig traf?

Passt dieser Tod nicht doch zu deinem Leben?

Nach zähem ersten Kampf gewannst du es.

Mit Mut dem Kampf gestellt hast du dich oft.

Mit Tapferkeit musstest du überwinden deine Angst.

Du warst gekrönt jetzt mit dem Lorbeerkranz des Siegers.

Als Triumphator standest du in deinem Wagen.

Da stieß dich eine jähe Windbö in die Tiefe.

Der Sturz, der hat dir das Genick gebrochen.

Es war ein letzter Kampf, der keiner war,

nicht zu gewinnen war.


Eine großartigere Kulisse für ein Sterben hättest du dir nicht aussuchen können.

Es war eine Szenerie, die auch der beste Regisseur nicht besser hätte aussuchen können. Du bist gestorben in einer erhabenen Gletscherwelt, in „ewigem“ Eis und Schnee bist du in die Ewigkeit gegangen.



Doch kann der Tod nur Zukunft hindern, Hoffnungen vernichten.

Er kann ja nicht Vergangenheit zerstören.

Ich danke dir für all die Freude,

die wir gemeinsam hatten an so vielen Tagen,

die du mir gabst in deinen Erdenjahren.

Die Bilder davon kann mir keiner nehmen,

sie sind ein Schatz, der mir für immer bleibt.


Mein Glaube sagt mir, dass es dich noch gibt -

(Was ich noch glauben muss, darfst du schon wissen.)

schon jetzt noch mehr im Glück als du auf Erden warst.

Ein strahlend weißer Körper hat mit Übermacht

dich los gelöst von deinem eigenen Körper,

der ein Gefängnis war für Seele und für Geist.

Du gehst – von Engeln sanft geleitet –

befreit nun weiter einen sicheren Weg,

auf dem es heller wird bei jedem weiteren Schritt.

Ich, der dir Vater war für 38 Jahre,

gönn´ dir, dass du dich nahst dem EWIGEN VATER.

Du gehst ins Licht, dich muss ich nicht beweinen.

Beweinen muss ich die, die hier im Schatten bleiben.

Bei denen fehlst du, klafft jetzt eine Lücke,

ein tiefer Graben, den dein Tod aufriss.

Ich bitte dich, hilf uns mit Jenseitskräften,

ihn hier im Diesseits wieder aufzufüllen,

die Wunden deines Todes notdürftig zu heilen.


Ich seh' das liegen, schon etwas verfallen,

was von dir hier auf Erden übrig blieb;

und hab' ein Bild dazu - tröstend erhaben:

ein Schiff, wertvoll mit neuer Fracht beladen,

das wieder gleitet raus auf s offene Meer.

Noch fährst du langsam, bist ja noch im Hafen,

bist noch gebunden an die Regeln, die hier gelten.

Doch - deines Zieles sicher - strebst du schon zurück

in deine Heimat: unbegrenzte Weiten.

Freu dich: bald kannst du volle Fahrt aufnehmen,

wirst wieder schnellen durch die Wogen, die dein Element.


Wenn stimmt, was ich las bei Spinoza,

als du gerade starbst in Bergen,

kühn zum Himmel ragend,

geschah zu diesem Zeitpunkt einfach nur:

Gott als Lawine wirkte ein auf Gott als dich.

Auch du bist ja ein starker Ausdruck seiner Wirkungskraft.

Gott spielte mit sich selbst und für sich selbst ein Spiel –

gelassen, friedvoll, heiter,

ruhend in sich selbst.



Dein Tod hat mir noch einmal klar gemacht,

wie wichtig das Leben ist,

wie wertvoll das Leben ist,

wie wichtig es ist, es wertvoll zu leben.

Der Tod hat dich gehindert, hier weiter auf der Erde zu leben,

das Leben zu lieben und Liebe zu leben.

Uns hindert nichts daran.

Und wir sollten es in jedem Augenblick tun.

Denn dein Beispiel zeigt:

Es ist nicht sicher, dass wir es im nächsten Augenblick noch können.









Kommentar:



Am Grab


Wichtig am Grab ist nicht,

was in ihm liegt,

was - nur noch äußere Hülle -

sich nicht mehr regt,

nur noch verfallen kann.


Wichtig am Grab ist das,

was - schwebend über ihm -

durch äußere Hüllen ungehindert sehen kann,

was sich in unserer Seele regt -

nicht nur am Grab.



Wer nicht mehr hier ist,

ist nicht nicht mehr da.

Er ist mehr da als er hier da war.


Das Leben nach dem Sterben ist nicht toter,

ist nicht ärmer.

Im Tot-Sein leben ist lebendiger,

ist reicher.









Der Tod ist nicht der Augenblick der tiefsten Ohnmacht.

Der Tod, der ist der Augenblick der höchsten Macht.

Im Tod geht nicht ein Körper elendig zugrunde.

Er ist der feste Grund für Geist, der neu erstrahlt.

Im Tod hört nicht ein Weg für immer auf.

Im Tod geht ein Weg weiter in die Ewigkeit.

Der Tod ist nur ein Ort, den ich durchschreite

auf einem Weg durch unbegrenzte Weite.

Der Tod ist wichtig als der Zeitpunkt unseres Sieges.

Doch wichtiger noch als der Sieg ist doch der Sieger.

Im Tod werd' ich nicht taub für alle Zeit.

Im Tod begint die ZEIT erneut zu sprechen,

erklingt für mich wieder das Weltenwort,

für das mein Ohr verschlossen war - nur kurze Zeit,

verschlossen war durch scheinbar dichte Mauern.


Sei doch nicht mitgenommen von des Todes Leid!

Lass dich mitnehmen zu des Toten Freude!





Tears in heaven


Would you know my name,
if I saw you in heaven?
Would it be the same,
if I saw you in heaven?
I must be strong
and carry on,
'cause I know, I don't belong
here in heaven.

Would you hold my hand,
if I saw you in heaven?
Would you help me stand;
if I saw you in heaven?
I'll find my way
through night and day,
'cause I know, I just can't stay
here in heaven.

Time can bring you down,
time can bend your knees.
Time can break your heart,
have you begging please,
begging please.

Beyond the door
there's peace, I'm sure.
And I know, there'll be no more
tears in heaven.

Would you know my name,
if I saw you in heaven?
Would it be the same;
if I saw you in heaven?
I must be strong
and carry on,
'cause I know, I don't belong
here in heaven -
'cause I know, I don't belong
here in heaven.

(Eric Clapton)





Übersetzung









Lieber Eric:

Ja!

Auch du wirst irgendwann in den Himmel gehören.

Dann wirst du dort deinen Sohn treffen.

Und er wird wissen, wer du bist.

Du wirst ihn erkennen.

Er wird deinen Namen nennen.

Es wird nicht dasselbe sein.

Es wird schöner sein.

Es wird wahrer sein.

Es wird besser sein.


Und es wird keine Fragen mehr geben -

nur noch Antworten.

Es wird keine Tränen mehr geben -

nur noch Frieden.






PS.

Natürlich weiß ich das nicht aus eigener Erfahrung.

Ich lebe ja noch.

Ich bin nicht erleuchtet, auch nicht eingeweiht.

Ich glaube es, weil ich es gehört habe -

von denen, die sagen, dass sie es wissen;

denen ich vertraue,

dass sie sich nicht täuschen,

dass sie mich nicht belügen.

Ein Sinn für Wahrheit tief in meinem Inneren

gibt mir jedoch die sichere Gewissheit,

dass ich das, was ich höre, nicht nur glaube,

dass es mich nur erinnert, in mir auferweckt,

was ich schon kenn', was ich schon immer wusste.

Glauben ist nicht ein Notersatz für Wissen.

Es ist der Mut, zu tun das, was man weiß.




Vertiefendes:










Sein oder nicht sein; das ist hier die Frage.

(als letzte Worte) Der Rest ist Schweigen.

(Shakespeare, Hamlet)



Nicht Hamlet


Sein.

Ohne Frage.

Kein Rest.

Kein Schweigen.








In den folgenden Zeilen

geht es nicht um das Sterben des Körpers in der Welt der Körper.

Es geht um ein anderes Sterben.

Es geht um ein Sterben vor dem Sterben.

Es geht um das Sterben des Egos vor dem Sterben des Körpers.




Töte den Tod!


Nur das, was jetzt ist, ist lebendig.

Lass alles, was nicht jetzt ist, tot!

Lass es so tot sein, wie es ist!

Es ist schon tot, es ist noch tot,

gehört dem Tod, lass es dem Tod!



Besieg' den Tod!

Sei selbst der Tod!

Töte den Tod als Tod!


Etwas zu wollen, was nicht jetzt ist,

was nicht mehr ist, was noch nicht ist,

das ist der Tod, das ist der Tod allein.

Wenn du das willst, was tot ist - schon und noch - ,

dann willst du, dass der Tod dich tötet.

Dann tötet dich der Tod tatsächlich auch,

schon jetzt - nicht erst am Ende deiner Erdenjahre.

Wenn du dies Wollen jedoch sterben lässt in dir,

dann tötest du den Tod, dann tötest du die Zeit.

Lass doch den Tod im ewigen Augenblick sterben,

jetzt und immer, immer jetzt,

weil er stets dir begegnet,

dir, der im ewigen Augenblick ist,

dir, der im ewigen Augenblick lebt!



Kommentar:

„Ich sage, Unkonzentriertheit allein ist Tod;

ständiges Vermeiden von Unkonzentriertheit nenne ich Todlosigkeit....

Wer sie (die Gelüste) mit Aufmerksamkeit niederschlägt, immer wenn sie auftauchen wollen -

weil er sie missachtet, entsteht bei ihm kein auf sie gerichtetes Bewusstsein -,

der wird selbst Tod;

denn wie der Tod vertilgt er sie bei ihrem Auftauchen. ....

Das von Zorn und Habgier verblendete Herz,

das ist der eigentliche Tod,

der hier in deinem Körper wohnt.

Derjenige, der weiß, dass der Tod so entsteht,

der fürchtet sich nicht vor dem Tod,

indem er fest in der Erkenntnis steht.

Für ihn wird der Tod

in den Objekten der Sinne vernichtet,

so wie der dem Tod Verfallene vernichtet wird,

wenn er mit den Objekten der Sinne in Berührung kommt.“

(Mahabharata, Buch V, 42, 4-14)








Noch einmal - aus einem anderen Blickwinkel:

Ein guter Tag zum Sterben


Ich denke wie die alten Indianer:
„Heute ist doch ein guter Tag zum Sterben.“
Nicht, weil ich Gold und Silber in den Händen halte,
sondern weil nichts mehr vor den Händen liegt,
wonach zu greifen sich noch scheinbar lohnt.


Die Götzen, die es gab, sind alle fort, endlich gestorben -
nicht mit Gewalt vertrieben und im Kampf getötet,
sondern gelangweilt freiwillig gegangen,
verhungert und verdurstet eingeschlafen,
weil ich sie nicht mehr durch Beachtung an mich band,
sie zwar noch wahr-, jedoch nicht länger ernst nahm,
nicht mehr durch Wichtigkeit ernährte und am Leben hielt.
Bestimmt wird es mal wieder neue geben,
vielleicht schon bald; es gibt so viele Götzen.
Doch heute ist kein einziger mehr da,
kein einziger, der lügt: „Ich wende Not.“


Nichts trübt daher mein Glück, stört meinen Frieden;
kein Traum, der mich verführt, kein Ziel, das täuschend lockt,
auch keine Frage, die auf Antwort drängt.
Ich blick´ auf nichts, was offen bleibt, zurück,
nichts, was noch wartet darauf, dass ich es gestalte,
niemand, der wartet darauf, dass ich etwas sage.


So gut wie heute wird kein Tag mehr werden.
Von nun an kann es nur noch abwärts geh’n.
Der Strom der Zeit, er sollte nicht mehr weiterfließen,
zum sel’gen Glück des ewigen Augenblicks gerinnen,
das, was jetzt da ist, so erstarren, wie es ist.
Die Uhren müssten heute einfach stehen bleiben,
das Rad der Stunden dürfte sich nicht weiterdreh’n.
Wäre das möglich, es wär wunderschön.








Kommentar:


"Sollte", "müsste", "dürfte nicht" und "wäre" -

das, was sein "könnte", das ist nicht genug.

Nur das, was wirklich da ist, gibt tatsächlich Frieden.

Warum bleibt denn die Uhr nicht wirklich steh'n?

Muss ich erst sterben, um im ewigen Glück zu leben?

Kann ich denn nicht schon jetzt in seliger Freude bleiben,

im Diesseits hier, nicht erst im Jenseits dort?

Ich kann - doch nur, wenn ich dazu bereit bin,

mein Leben zu beenden, mich jetzt selbst zu töten,

bevor ich später irgendwann als Körper sterbe.

Ich kann nur dann Wege im Nicht-Weg enden,

den Fluss der Zeit in Nicht-Zeit sterben lassen.

wenn ich auch mich ins Nicht-Ich sterben lasse.

Dann kann ich auf dem Weg geh'n ohne mich,

auch gehend auf dem Nicht-Weg stehen bleiben.

Erst dann, wenn ich ab jetzt als Nicht-Ich bin,

kann ich schon in der Zeit in Nicht-Zeit leben,

jenseits der Zeit im Glück des Jetzt verweilen,

auch wenn ich weiterschreite in der Zeit.

Doch wenn ich weiter leben will mit mir,

wenn ich mich weiter leben lassen will,

dann wird aus Nicht-Zeit zwingend wieder Zeit,

und aus dem Nicht-Weg müssen wieder Wege werden.

Dann kann das Glück nicht mehr für immer bleiben,

dann wechselt wieder Leiden ab mit Freude,

verwandelt wieder Freude sich in Leid.






Solange ich noch glaube, sobald ich wieder meine, dass ich ein von Anderen abgetrenntes Einzelwesen bin, das einen Weg durch die Zeit geht, eine Vergangenheit und eine Zukunft hat, ein gutes oder schlechtes Gewissen, Ängste und Wünsche, zieht mich das Festhalten an diesem Glauben wieder aus dem Glück des ewigen Augenblicks heraus, lässt mich nicht länger in ihm bleiben.



Wenn das Ego geboren wird,

stirbt das ewige Leben.

Wenn das Ego stirbt,

wird das ewige Leben geboren.



Das Ego ist der Tod.

Das Ego erfindet sich.

Das Ego erfindet sich Getrennt-Sein im Raum.

Das Ego erfindet sich die Zeit.

Doch, was das Ego erfindet,

sind alles nur Lügen:

Es gibt kein Getrennt-Sein im Raum.

Es gibt keine Zeit.

Dann gibt es auch nicht - den Tod.

Es gibt nur ewiges Leben.









Erschaffe jetzt das Jetzt!


Erschaffe nicht für später!

Erschaffe nichts, was dauert,

nichts dafür, dass es bleibt!


Erschaffe für das Jetzt!

Erschaffe das, was jetzt entsteht

und was auch jetzt vergeht!


Erschaff’ im Jetzt das Jetzt!

Erschaffe jetzt für jetzt!


Erschaff’ dein Atmen und dein Sehen,

dein Denken und dein Gehen!













Dieser Augenblick

Es hat gelohnt sich jeder Augenblick,

wenn dieser Augenblick sich lohnt,

wenn dieser Augenblick genug ist.

Und lohnen wird sich jeder weit' re Augenblick.

Doch wenn sich nicht lohnt dieser Augenblick,

wenn dieser Augenblick dir nicht genug ist,

dann hat sich nie ein Augenblick gelohnt,

und es wird nie ein Augenblick sich lohnen.

Lass' diesen Augenblick sich lohnen!

Lass' diesen Augenblick genug sein!

Bleibe ihm treu, opfer' ihn nicht,

lass' ihn nicht ungefüllt vergeh' n!

Wenn du verrätst jetzt diesen Augenblick,

verrätst du insgesamt das ganze Leben.








Wie schwierig es ist, immer in der Nicht-Zeit zu bleiben, sogar für Menschen, die fast nichts anderes tun als das zu üben, zeigt die folgende Geschichte:




Schirm und Sandalen


Sie handelt von einem Zen-Mönch, der schon lange den Weg der Achtsamkeit gegangen, auf ihm weit gekommen, in der Kunst, immer in der Gegenwart zu leben, schon weit fort-geschritten ist. Seit sieben Jahren ist er Abt seines eigenen, von ihm damals neu gegründeten Klosters. Damals, vor sieben Jahren, hatte sein Meister ihn, seinen begabtesten Schüler, damit beauftragt, ein Tochterkloster zu gründen. Er hatte den Meister und das alte Kloster verlassen und seitdem nicht mehr wiedergesehen, weil das Gründen des neuen Klosters seine Zeit und Aufmerksamkeit voll in Anspruch genommen hatte, keinen Spielraum für etwas anderes ließ. Jetzt aber war die Zeit des Aufbaus vorbei, das Kloster stand, nach den Versuchen und Irrtümern, der Unruhe und den Aufregungen der Anfangsjahre hatte das Klosterleben zu seinem geregelten Gang und ruhigen, stetigen Gleichmaß gefunden. Jetzt war die Zeit da, mal wieder seinen alten Meister und sein altes Kloster zu besuchen. Und der Abt freute sich sehr darauf.

Dennoch ließ er sich von seiner Vorfreude auf das, was vor ihm lag, nicht davon abbringen, sich mit aller Hingabe und Aufmerksamkeit um das zu kümmern, was jetzt da war, hier da war, ihn ansprach, weil es be-achtet werden wollte, ihn aufforderte, es mit seinen Händen zu ergreifen: die Blumen, die Wasser brauchten, das Brot, das fertig gebacken war und aus dem Backofen gezogen werden wollte. Und er kümmerte sich weiterhin mit der gleichen Fürsorge um jeden einzelnen seiner Mönche, der mit einem Anliegen zu ihm kam, antwortete mit der gleichen gelassenen Ruhe und Geduld auf die Fragen seiner Schüler. Seit Jahrzehnten hatte er sich darin geübt, mit der Aufmerksamkeit bei dem zu bleiben, was jetzt da war, in der Gegenwart zu leben, jenseits von Hoffnung und Furcht. Das war sein Weg gewesen, viele Jahre lang. Auch auf der Reise ließ er sich nicht dazu verleiten, schon mit seinen Gedanken vorwegzueilen, in freudvolle Phantasien über die Zukunft abzuschweifen, sich schon vorzustellen, wie er in seinem alten, aus früheren Zeiten wohlvertrauten Kloster ankommen würde, das so lange sein Zu-Hause gewesen war; oder sich schon vorzustellen, wie er seinem Meister gegenübertreten würde, wie er ihm stolz von der gelungenen Neugründung berichten würde. Nein, er ließ sich nicht dazu verführen, schon in seinen Gedanken an das Ziel der Reise voraus zu eilen. Er blieb auf dem Weg, da wo er jetzt war, bei den Blumen, die ihn mit ihren prächtigen Farben erfreuten, bei den reifen Himbeeren am Wegrand, die gepflückt werden wollten, bei dem Hund, der ein paar Schritte neben ihm herlief und ihn begleitete, bei dem alten Mann, der durstig auf einem Stein saß und etwas Wasser brauchte, bei der jungen Frau, die ihn neugierig etwas fragte und der er freundlich antwortete, obwohl es ihm als Mönch eigentlich verboten war, bei dem kleinen Kind, das um ihn herumsprang und mit ihm spielen wollte.

Aber als er sich jetzt tatsächlich dem Tor des Klosters näherte, auf den letzten Schritten vor dem Ziel, wurde die Vorfreude und sein Wunsch, den geliebten und verehrten Meister wiederzusehen, zu groß. Er blieb nicht in der Gegenwart, er war mit seinem Geist schon in der Zukunft, malte sich aus, wie der Meister ihn freudig begrüßen würde, wie er ihn sofort voller Interesse nach dem neuen Kloster fragen würde. Ein Mitbruder, der ihm sehr nahe gestanden hatte, öffnete ihm das Tor, mit den freudig erstaunten Augen des Wiedererkennens. So wie es Brauch war, zog er seine Schuhe aus und schlüpfte in eines der Sandalenpaare, die für Gäste bereit standen. Und da es geregnet hatte, klappte er seinen Schirm zusammen und stellte ihn irgendwo an die Wand, während sein Geist schon einige Augenblicke voraus war, beim Wiedersehen mit dem Meister, dem er mit Ungeduld entgegensah. Er musste auch tatsächlich nur einige Sekunden warten, da kam der Meister auch schon auf ihn zu. Man hatte ihn sofort von seiner Ankunft unterrichtet und er hatte sich auch, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, von seinem Platz erhoben, um seinen ehemaligen Lieblingsschüler in Empfang zu nehmen. Trotz seiner eigenen ungeduldigen Erwartung bemerkte der Abt noch, dass sein Meister zwar mit schnellen, entschlossenen Bewegungen auf ihn zuschritt, seine Bewegungen aber trotzdem nicht hastig wirkten. Er strahlte bei aller zielstrebigen Bewegtheit eine innere Unbewegtheit aus, so, als würde sich nicht eine Person, sondern das ganze Universum sich in sich selbst bewegen. Der Abt stellte fest, dass sein Meister ihn immer noch, immer wieder in ehrfürchtiges, hochachtungsvolles Erstaunen versetzen konnte. Wie er erwartet hatte, begrüßte der Meister ihn auch herzlich und erkundigte sich mit mitfühlender Fürsorge danach, wie es ihm ging. Dann aber geschah etwas, womit der Abt nicht gerechnet hatte. Der Meister fragte ihn nicht, wie er vermutet hatte, nach der gut gedeihenden Klostergründung, sondern etwas ganz anderes: „Sag mal, hast du deinen Schirm rechts oder links von deinen Schuhen abgestellt?“ Der Abt stellte erschrocken fest, dass er das nicht wusste. Als er den Schirm an die Wand lehnte, war er für einige wenige Augenblicke mit seiner Aufmerksamkeit nicht bei dem, was er tat, sein Geist war nicht da, wo sein Körper war, er war geistes-abwesend gewesen. Er hatte sich von seiner Vorfreude verleiten lassen, hatte für einen kurzen Moment den Weg der Achtsamkeit verlassen. Da merkte der Abt, dass er noch nicht würdig war, ein eigenes Kloster zu leiten, wurde noch einmal für sieben Jahre Schüler bei seinem Meister und kehrte erst dann in sein Kloster zurück.




Wenn du, lieber Leser, meinst, dass es sich trotz dieser wenig ermutigenden Erfahrung lohnt, in der Nicht-Zeit zu leben, und das üben willst, findest du HIER einige Anregungen dazu







Wenn ich den Bindestrich in

"Weg und Nicht-Weg"

weg lasse,

dann bleibt noch

"weg und nicht weg"

übrig.

Das hat mich zu folgendem Gedicht angeregt:




Weg gehen, hier bleiben


Auf dem Weg, da gehe ich.

Auf dem Weg bleib’ ich nicht da.

Ich gehe von hier weg.

Und das, was hier ist, bleibt mir nicht,

ist nicht mehr da, ist weg.


Auf dem Nicht-Weg geh’ ich nicht.

Auf dem Nicht-Weg bleib' ich da.

Ich geh nicht von hier weg.

Auch wenn ich gehe, bleib’ ich da.

Und das, was hier ist, bleibt bei mir,

es ist noch da, nicht weg.









Fang’ an, hör’ auf!



Fang’ manchmal an!

Hör’ manchmal auf!



Fang’ manchmal an und höre wieder auf!

Hör’ manchmal auf und fange wieder an!

und


Fang’ manchmal an und höre nie mehr auf!

Hör’ manchmal auf und fange nie mehr an!




Fang niemals an, aufzuhören!

Hör’ niemals auf, anzufangen!

und


Hör’ immer auf, anzufangen!

Fang’ immer an, aufzuhören!




Kommentar:

Wenn es ansteht,

für immer anzufangen,

für immer aufzuhören,

dann fang' jetzt an,

dann hör' jetzt auf!

Entscheide dich jetzt!

Worauf willst du warten?

Es gibt keinen Grund, zu warten.


Für einen Wert, für ein Ideal kannst du dich immer entscheiden. Auch jetzt. Warum dann nicht jetzt?
Du kannst dich jetzt entscheiden, neugierig zu sein, hilfsbereit zu sein, großzügig zu sein.
Neugieriger, hilfsbereiter, großzügiger.
Du kannst jetzt die Richtung wählen, in die du gehen willst;
den Leuchtturm, auf den du zugehen willst:

Ab jetzt für immer.







Der Weg des Ich-Bin


Um das Ich-Bin zu finden,

muss ich mich überwinden.

Ist das Ich-Bin gefunden,

ist „mein“ und „dein“ verschwunden.




PS:

„Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,

befreit der Mensch sich, der sich überwindet“

(Goethe)




Wenn es mir nicht mehr darum geht,

meinen Weg zu gehen,

fange ich an, den WEG zu gehen.


Dann bin ich auf dem WEG,

auf dem Weg des Ich-Bin,

bin ich der WEG,

der Weg des Ich-Bin.










Aufgehoben


Jeder Weg hört auf im EINEN.

Jeder geht im EINEN weiter.

Jeder ist erhöht im EINEN.


Im EINEN WEG

sind alle Wege

aufgehoben.






Leichtes Sein


Das, was ist, hat nie „Probleme“,

für das Sein ist alles leicht.

Denn es gibt nichts zu gewinnen.

Da zu sein, ist ja erreicht.


Und es gibt nichts zu verlieren.

Denn das Sein kann nicht vergeh’ n,

kann nicht aus sich selber fallen,

kann nur ewiglich besteh’ n.


Nichts ist schwierig, alles einfach,

willst du alles sein, was ist.

Doch du machst dir alles schwierig,

wenn du, was du bist, vergisst,

weniger als alles sein willst,

weniger als was du bist.


Nur wer glaubt, dass er getrennt sei

von dem Ganzen, das jetzt ist,

der macht sich das Da-Sein schwierig,

weil er dann vergänglich ist.




PS:

Ich muss kein Selbst-Vertrauen haben,

kann einfach Seins-Vertrauen sein.

Ich muss nur darauf bauen,

dass das, was da ist, ist.

Ich bin dann selbst Vertrauen,

das selbst-verständlich ist.



















Abgestiegen, um aufzusteigen


Einst war ich IHM sehr nah, war reiner, klarer Geist,

bin jedoch jetzt gefallen, abgrund-tief gesunken,

zu einer Seele, die – gefangen und gebunden –

in einem starren, groben, trägen Körper haust

und nicht mehr weiß, wie sie denn wirklich heißt.

Ich hab’ den Becher, voll mit schwerem Blei, getrunken,

der mich mein wahres Selbst sofort vergessen ließ.

Ich bin vom hohen Himmel abgestiegen auf die Erde,

wo ich nicht einfach unbefangen das bin, was ich bin,

wo ich durch Irrtum lerne, wachse, leidend etwas werde.


Ich war mal Höhe, bin jetzt leider Tiefe.

Ich war mal Licht, bin jetzt statt dessen Glut.

Ich war mal einer, der die Wahrheit schaut,

und der – von ihr gelenkt – sie dann auch tut.

Jetzt bin ich einer, der mit blinden Augen handelt,

ohne zu wissen: „Ist es richtig? Ist es gut?“,

der sich verstrickt in viele „Wenn“ und „Aber“,

der nicht mehr sicher in sich selber ruht.


Mein Leben war ein leichtes munteres Spiel,

von Nöten nicht bedrückt, von Zwängen nicht bedrängt,

und nicht beängstigt, unbeschwert von Sorgen.

Jetzt jedoch wieg' ich lang schon viel zu viel,

belaste mich mit Schuld, denke zu oft an morgen.


Warum sperrt der ERHABENE mich denn ein

in diesen engen Kerker, diese düstere Gruft?

Warum darf ich denn nicht mehr bei IHM sein?

Warum schickt er mich fort, als wäre ich ein Schuft?


Gewiss folgt er auch dabei seinem Plan,

den ich nicht kenn’, den ich nur dunkel ahn’.

Vielleicht weil’ ich getrennt von IHM und ferne,

damit ich für den Himmel etwas lerne,

was ich nur auf der Erde lernen kann:

Ihm nicht in SEINER Gegenwart zu dienen,

wo ich mich SEINER Liebe, SEINEM Licht

von IHM durchdrungen nicht entziehen kann und will,

sondern wo Abstand von IHM mir die freie Wahl lässt,

mich für IHN zu entscheiden – und auch nicht.







Kommentar




Lucifer


»Ich will mein Licht vor eurem Licht verschließen,

ich will euch nicht, ihr sollt mich nicht genießen,

bevor ich nicht ein Eigenlicht geworden.

So bring ich wohl das Böse zur Erscheinung,

als Geist der Sonderheit und der Verneinung,

doch neue Welt erschafft mein Geisterorden.


Aus Widerspruch zum unbeirrten Wesen,

aus Irr-tum soll ein Götterstamm genesen,

der sich aus sich – und nicht aus euch – entscheidet;

der nicht von Anbeginn in Wahrheit wandelt,

der sich die Wahrheit leidend erst erhandelt,

der sich die Wahrheit handelnd erst erleidet.«


(Christian Morgenstern)




Vox humana

Nieder stieg ich zu vergessen,

was ich einst im Licht besaß

und doch nie bewusst besessen,

weil ich es noch nie vergaß.

Durch Vergeßnes muss ich dringen,

selber muss ich, geistgeweiht,

in Erinnerung erringen

meines Wesens Wesenheit.

Graben muss ich Grabeshügel,

sterben lassen, was erstarb,

bis der Freiheit Flammenflügel

sich mein eignes Ich erwarb.

Bis die Worte in mir reden,

die ich unbewusst gewusst,

bis in mir der Garten Eden

mein wird in der eignen Brust.

(Manfred Kyber, Genius astri)




"Im Urbeginn war die Welt mit all ihren Wesen von der einheitlichen Kraft des Guten, das zugleich das Bildende und Schöpferische war, durchwaltet. Die hierarchischen Wesen standen uneingeschränkt im dienenden Verhältnis zur Gottheit. Auch der Mensch war unmittelbar der Gottheit zugewandt - auf dieser Schöpfungsstufe lebte er in einem Zustand, den die Bibel ,das Paradies` nennt. Nie wäre es ihm möglich geworden, innere Freiheit und Selbständigkeit zu gewinnen, wenn dieser Zustand angedauert hätte. Wie das Kind nur in der Trennung von der Mutter sich selbst finden kann, so der Mensch in der ,Abwendung' von der Gottheit.

Wohin aber hätte er sich abwenden können, wenn überall die Gottheit waltete? Es musste ein Freiraum entstehen, in dem das göttliche Wirken nicht zur Geltung kam, und in dem solche Wesen wirkten, die nicht mehr unmittelbar von dem Göttlichen durchdrungen waren."

( Hans-Werner Schroeder, Mensch und Engel)
















Gott sei Dank! müssen wir den Weg zurück zum VATER, diesen Weg des Wieder-Findens und

Wieder-Erinnerns, nicht alleine gehen:







Gebet an den Schutzheiligen



Den Königen aus Morgenlanden

ging einst ein hell Gestirn voran,

und führte treu sie ferne Pfade

bis sie das Haus des Heilands sahn.

So leuchte über meinem Leben,

lass glaubensvoll nach dir mich schaun,

In Qualen, Tod und in Gefahren

lass mich auf deine Liebe traun.

Mein Auge hab ich abgewendet

von allem was die Erde gibt,

(was - Anmerkung von Rudolfo - gar nicht nötig ist)

und über alles was sie bietet

hab ich dich, Trost und Heil, geliebt.

Dir leb' ich, und dir werd' ich sterben,

drum lasse meine Seele nicht,

und sende in des Lebens Dunkel,

mir deiner Liebe tröstlich Licht.

O, leuchte über meinem Leben!

ein Morgenstern der Heimat mir,

und führe mich den Weg zum Frieden,

denn Gottes Friede ist in dir.

Lass nichts die tiefe Andacht stören,

das fromme Lieben, das dich meint,

das, ob auch Zeit und Welt uns trennen,

mich ewig doch mit dir vereint.

Da du erbarmend mich erkoren,

verlasse meine Seele nicht,

O Trost und Freude! Quell des Heiles!

Lass' mich nicht einsam, liebes Licht!

(Karoline von Günderrode)



Du musst doch, Karoline, gar nicht bitten.

Wenn du ihn bittest, zweifest du an ihm.

Was du erflehst von ihm, tut er doch sowieso,

tut er ja schon von selbst aus freien Stücken.

Dank' ihm doch einfach, trauend seiner Treue,

dank' ihm für das, was er aus ew' ger Liebe tut!








Vox coelesta

Lasst euch helfen, lasst euch halten,

aufwärts zieht der Engel Heer,

vielgestaltige Gestalten,

Mächte, Throne und Gewalten -

aufwärts zum kristallenen Meer.

Aller Mühe, allem Ringen

gibt die heilige Schar Geleit.

Jedes Wesen zu durchdringen,

breitet schirmend seine Schwingen

eine Bruderwesenheit.

Lasst euch helfen, Helferhände,

sind euch segnend zugesellt,

schaffen rastlos ohne Ende

eurer Seelen Sonnenwende

und die Osternacht der Welt.

.....

(Manfred Kyber, Vox coelesta)










zum "Vater unser"


Die Scharen aller Geister, die hier gegenwärtig -

nicht nur die lichten, selbst die dunklen gar -

verbeugen voller Ehrfurcht sich vor IHM,

der immer da ist, der uns immer nah ist,

durch den, in dem, für den wir sind,

wenn wir uns wenden an IHN mit den Worten,

die er durch seinen SOHN uns einst selbst gab.












Anders träumen

Sieh erst: Ich bin noch da,

bin immer noch beim VATER,

ich ging nur fort im Traum.

Wache erst auf und sieh!


Träume den Traum dann anders!

Kehre zurück zu IHM!

Bleib‘ auch im Traum beim VATER!

Du träumst dann glücklich weiter.







Kommentar:


Wenn ich schlafe, muss ich träumen,

bin in meinem Traum gefangen,

kann nicht wählen, ob ich träume,

kann nicht wählen, was ich träume,

kann nicht träumen, was ich will.


Wenn ich wach bin, kann ich träumen,

kann ich auch mein Wach-Sein träumen,

wählen, ob ich träumen will,

träumen, was ich träumen will.











Klein und groß



Du must dich nicht erheben,

aus Unrat, Müll und Mist,

musst nicht erhoben werden,

weil du erhaben bist:

der Sohn des Allerhöchsten,

der alles ist, was ist.


Und der in seinem Geiste

alles, was ist, erdacht.

Du bist bereits sein Erbe,

Teilhaber seiner Macht.


Bleibe in seinem Glanze!

Vergiss nicht, wer er ist!

Bleibe in seiner Größe!

Bleibe doch, was du bist!
(Vergiss nicht deine "Sohnschaft".

dass du bist, was er ist!)


Wenn du das Kleine groß machst,

machst du dich selber klein,

glaubst nicht mehr deine Größe,

nicht mehr, sein Sohn zu sein.


Lass doch das Kleine klein sein,

so, wie es nun mal ist,

sonst kannst du nicht mehr du sein,

vergisst du, wer du bist.


Zwänge dich nicht in Gassen,

in die kein Licht rein fällt!

Bleibe nicht in der Enge,

die dich gefangen hält!

Leb’ unter freiem Himmel

im offenen, weiten Feld!













Kommentar:


Wer wichtig nimmt, was klein ist,

wird engstirnig und kleinlich.


Wer ernst nimmt, was zum Lachen ist,

der macht sich lächerlich.






Zwei Merksätze:

Erstens: Rege dich nie über Kleinigkeiten auf!

Zweitens: Es gibt nur Kleinigkeiten.


PS:

Ich rege mich nie aus dem Grund auf, den ich meine.

Ich rege mich auf, weil ich etwas sehe, was nicht da ist.

Ich rege mich auf, weil ich eine bedeutungslose Welt sehe.

(Ein Kurs in Wundern, Lektionen 5, 6 und 12)








Gib dich nicht mit Kleinheit zufrieden. Vergewissere dich aber, dass du verstehst, was Kleinheit ist und warum du dich nie mit ihr zufrieden geben könntest. Kleinheit ist das Angebot, das du dir selbst machst. Du bietest dies statt Größe an und akzeptierst es. Alles in dieser Welt ist klein, denn es ist eine Welt, die aus Kleinheit gemacht ist im seltsamen Glauben, dass Kleinheit dich zufrieden stellen kann. Wenn du nach irgendetwas in dieser Welt im Glauben strebst, dass es dir Frieden bringen wird, setzt du dich selbst herab und machst dich blind für die Herrlichkeit. Kleinheit und Herrlichkeit sind die Wahlmöglichkeiten, die deinem Streben und deiner Wachsamkeit offen stehen. Du wirst immer die eine auf Kosten der anderen wählen.


Was du jedoch nicht merkst, ist, dass jedes Mal, wenn du deine Wahl triffst, diese Wahl die Bewertung deiner selbst ist. Entscheide dich für Kleinheit, und du wirst keinen Frieden haben, denn du wirst dich als seiner unwürdig beurteilt haben. Und was immer du als Ersatz dafür anbietest, ist eine viel zu armselige Gabe, um dich zu befriedigen. Es ist sehr wichtig, dass du die Tatsache akzeptierst – und zwar freudig akzeptierst – dass es keine Form von Kleinheit gibt, die dich je zufrieden stellen könnte. Es steht dir frei, so viele zu erproben, wie du willst, doch damit wirst du lediglich deine Heimkehr verzögern. Denn du wirst nur in der Größe zufrieden sein, die dein Zuhause ist.

(Ein Kurs in Wundern, Kapitel 15, III, 1.-2.)








Unendlich klein, unendlich groß


Leb‘ nicht als Kreis, beschränkt durch seinen Umfang,

der durch sich selbst innen und außen trennt.

Lebe als Punkt, ein Kreis, unendlich klein,

der keinen Nicht-Kreis, nichts als Anderes kennt.

Der Punkt hat nichts, und deshalb ist er alles.


Und sei zur selben Zeit unendlich groß!

Lass‘ dich doch auch eine Gerade sein,

die aus Unendlichkeit geht zur Unendlichkeit!

Sei keine Strecke, die hier anfängt und dort aufhört,

auch wenn sie lang ist, endet in der Zeit!


Sei nicht begrenzt, nicht endlich groß und klein!

Sei grenzen-frei, lass‘ dich unendlich sein -

unendlich klein und groß!













Schlecht, besser, gut


Es ist am schlechtesten, zu meinen:

Alles ist schlecht und bleibt auch schlecht.

Und das, was schlecht ist, wird nie gut.


Schon besser ist, beherzt zu glauben:

Auch das, was schlecht ist, wird noch besser.

Und alles wird am Ende gut.


Am besten jedoch ist, zu wissen:

Alles ist schon jetzt das Beste.

Alles war schon immer gut.







Kommentar.


Wer auch das Gute schlecht macht,

macht nicht das Schlechte gut.



Ein Abt wurde mal gefragt:

„Glauben sie denn auch an die Hölle, nicht nur an den Himmel?“

Er antwortete:

„Natürlich glaube ich auch an die Hölle.

Und natürlich glaube ich auch, dass keiner in ihr leben wird.



Die Welt, ..., ist nicht unvollkommen, oder auf einem langsamen Wege zur Vollkommenheit begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick vollkommen.

(Hermann Hesse, Siddharta)




Sei kein Pessimist! Das ist schlecht.

Sei lieber ein Optimist! Das ist besser.

Sei ein „Optimalist“. Das ist am besten. Das ist gut.







Glücklich


Glücklich ist,

wer schnell vergisst,

was nicht mehr zu ändern ist.


Glücklich ist,

wer nicht vergisst,

dass gar nichts zu ändern ist.


Glücklich ist,

wer nie vergisst,

dass alles gut ist wie es ist.










Heil(ig)e Welt


Nur das, was heilig ist, ist heil.

Nur der, der heiligt, heilt.

Nur, das, was heil ist, ist auch heilig.

Nur der, der heilt, der heiligt.

Un-heil kann nicht heilig sein,

Un-heiliges nicht heil.


Die Welt ist nicht heil.

Es gibt in ihr viel Un-heil.

Die Welt ist nicht heilig.

Wo sie glänzt im Heiligen-schein,

ist sie oft schein-heilig.


Die Welt kann heiler werden, doch nicht heil.

Sie kann zwar heiliger, jedoch nicht heilig werden.

Die Welt wird niemals heil und heilig sein.

Was selbst nicht heil ist, kann auch nicht heil machen.

Ich kann daher nicht heil werden durch die Welt.

Was selbst nicht heilig ist, kann auch nicht heilig machen.

Ich kann daher nicht heilig werden durch die Welt.


Kann ich denn dann heil werden in der Welt?

Kann ich dann heilig werden in der Welt?


Auch ohne Welt kann ich nicht heil, nicht heilig werden.

Ohne die Welt bin ich nicht ganz, nicht heil.

Wenn ich nicht heil bin, bin ich auch nicht heilig.


Ist es denn dann unmöglich, jemals heil zu werden?

Und kann ich dann auch niemals heilig sein?


Wenn ich die Welt nur so seh', wie sie mir erscheint;

wenn ich in der Welt nur die Welt seh,

kann ich in ihr nicht heil, nicht heilig werden.


Doch das, was in der Welt nicht heil, nicht heilig ist,

ist - Gott sei Dank! - nur scheinbar wirklich,

ist nicht wirklich wirkend,

ist nicht wirklich wichtig



Ich kann durchaus heil werden, heilig werden in der Welt.

Ich muss dafür nur in der Welt durch das hindurch,

was scheinbar in der Welt ist,

das sehen, was wirklich in der Welt ist, wirkend in der Welt ist,

jedoch nicht durch die Welt, nicht von der Welt ist:

des Allmächtigen Liebeswille.


Über die Welt herrscht eine Macht,

die nicht von der Welt ist:

alles durchdringend,

gegenwärtig in Allem,

in allem wirklich,

durch alles wirkend.


Der, der die Welt durch Heilig-Sein geheilt hat,

kam nicht von der Welt.

Er kam für die Welt in die Welt

aus seinem Reich über der Welt.

Und seine Heil-Macht

herrscht jetzt in der Welt

auch durch die Welt

über die Welt.


Folg in der Welt nicht dem, was von der Welt ist!

Diene nicht dem, was in der Welt nicht heil, nicht heilig ist!

Bete nicht an, was weder heil noch heilig macht!

Nimm nicht das wichtig, was nicht wirklich ist!


Gehorche der Liebe, dien` ihrer Macht!

Dann folgst du dem, was heilig ist,

was heilig macht,

schon in der Welt,

auch durch die Welt.










Kommentar:


Ja


Als der Herr mit mächt`ger Schwinge

durch die neue Schöpfung fuhr,

folgten in gedrängtem Ringe

Geister seiner Flammenspur.


Seine schönsten Engel wallten

ihm zu Häupten selig leis,

riesenhafte Nachtgestalten

schlossen unterhalb den Kreis.


"Eh ich euren Reigen löse",

sprach der Allgewalt' ge nun,

"Schwöret , Gute, schwöret, Böse,

meinen Willen nur zu tun!"


Freudig jubelten die Lichten.

"Dir zu dienen, sind wir da!"

die zerstören, die vernichten,

die Dämonen, knirschten: "Ja."

(Conrad Ferdinand Meyer)






Die Lehrer GOTTES haben Vertrauen in die Welt, weil sie gelernt haben, dass sie nicht durch die Gesetze regiert wird, die die Welt erfunden hat. Sie wird regiert durch eine Macht, die in ihnen, aber nicht von ihnen ist. Es ist diese Macht, die alle Dinge sicher bewahrt. Es ist diese Macht, durch die die Lehrer GOTTES auf eine Welt schauen, der vergeben ist.

(Ein Kurs in Wundern, Handbuch für Lehrer, 4., I., 1., 4-7 )





Im Film Lou Andreas-Salome der Regisseurin Cordula Kablitz-Post hört die Titelheldin als Kind die Predigt des Pastors: "Niemand muss sich fürchtem. Gott ist überall."

Mit der scheinbaren Frage "Dann ist Gott also auch in der Hölle?" wirft sie dem für sie unglaubwürdigen Prediger einen wütenden Blick zu und verlässt entschlossen protestierend die Kirche.


Ja! Er ist auch in der Hölle.

Die Hölle gibt es nicht.

Was Hölle zu sein scheint, ist nur die scheinbare Abwesenheit dessen,

der in Wirklichkeit überall anwesend ist.





"Was gibt es in dieser komplizierten Welt außer Ihm, der einfach ist wie ein alef ( der erste Buchstabe des persischen Alphabets, ein einziger senkrechter Strich) ?

Nichts, nichts."

(Rumi, Matnawi, 1. Buch, 1514)







Paradies ohne Schlangen -

Licht ohne Schatten


Im Paradies, bekannt als La Gomera,

nach einem wundervollen, mängelfreien Tag,

krächst nachts im Traum grellgelb ein Papagei:

„Pass lieber auf! Hier gibt´s auch eine Schlange.

Und das, was glänzt, das ist nicht immer Gold.

Und mancher Apfel ist vielleicht vergiftet.“


Erschreckt wache ich auf,

finde nur langsam in die Wirklichkeit zurück -

die einfach ist: Hier gibt es keine Schlangen;

auch keine Äpfel, die durch Gift gefährden;

Hier gibt es auch kein falsches Gold,

das mich durch Glanz täuscht und betrügt.

Das alles gibt es nur in meinem Traum,

nur von mir selbst und für mich selbst geschaffen.


Ich werde irgendwann für alle Zeit erwachen

aus dumpfen Schlaf und angsterfülltem Traum,

der Dunkelheit der Nacht zum klaren, hellen Tag,

an dem ewig die Sonne friedvoll ruhend strahlt.

Dann werde ich für immer ohne Zweifel wissen:

die Wirklichkeit ist Licht,

dem nichts entgegensteht.

Die Wirklichkeit ist Licht

ganz frei von Schatten.





Kommentar:


Nicht das Licht erschafft den Schatten.

Das, was sich dem Licht entgegenstellt,

was das Licht behindert,

was dem Licht entgegensteht -

ein Gegenstand –,

das erschafft den Schatten.


„Da, wo viel Licht ist, ist viel Schatten“,

ist Unsinn, stimmt nicht, ist nicht wahr.

Nur da, wo viel das Licht behindert,

ist viel Schatten.


Schatten ist nicht das Gegenteil von Licht.

Auch im Schatten ist noch Licht -

nur weniger.


Erleuchtung heißt:

Von Licht erfüllt sein,

so ausgefüllt von Licht,

dass kein Platz bleibt für die Dunkelheit.

Erleuchtung heißt:

Wirklich das Licht seh´n,

das Licht seh´n, wie es wirklich ist.

Sehen: „Nur das Licht ist wirklich.

Das, was sich ihm entgegenstellt,

anscheinend ihm entgegensteht,

anscheinend den Schatten wirft,

ist nur täuschende Erscheinung,

ist nicht wirklich, ist nur scheinbar.

Das Licht ist all-durchdringend, all-umfassend.

Es gibt keinen Teil, der sich ihm entgegensetzt.

Es hat kein Gegen-teil,

steht nicht im Gegensatz,

so wie das Leben, wie die Liebe,

so wie Gott.





„Ich wurde vom Zwitschern eines Vogels draußen vor dem Fenster geweckt. Nie zuvor hatte ich einen solchen Klang gehört. Meine Augen waren immer noch geschlossen, und ich sah das Bild eines kostbaren Diamanten. Ja, wenn ein Diamant ein Geräusch machen könnte, dann würde sich das so anhören. Ich öffnete meine Augen. Das erste Licht der Morgendämmerung sickerte durch die Vorhänge. Ohne jeden Gedanken wusste ich, fühlte ich, dass es über das Licht viel mehr zu erfahren gibt, als wir ahnen. Diese weiche Helligkeit, die durch die Vorhänge sickerte, war Liebe selbst. Tränen stiegen mir in die Augen. Ich stand auf und ging im Zimmer umher. Ich erkannte das Zimmer, und doch wusste ich, dass ich es nie zuvor wirklich gesehen hatte. Alles war frisch und unberührt, als ob es gerade erst entstanden wäre. Ich nahm einige Dinge in die Hand, einen Bleistift, eine leere Flasche, voll Wunder über die Schönheit und Lebendigkeit von allem.

An diesem Tag ging ich in der Stadt umher, voller Staunen über das Wunder des Lebens auf der Erde, so als wäre ich gerade erst in diese Welt hineingeboren worden.“ (Eckhart Tolle, Jetzt)






Der Kurs zielt nicht darauf ab, die Bedeutung der Liebe zu lehren, denn das ist jenseits dessen, was gelehrt werden kann. Er zielt vielmehr darauf ab, die Blockaden zu entfernen, die dich daran hindern, dir der Gegenwart der Liebe, die dein angestammtes Erbe ist, bewusst zu sein. Das Gegenteil von Liebe ist Angst, doch was allumfassend ist, kann kein Gegenteil haben.

Dieser Kurs kann daher ganz einfach so zusamengefasst werden:

Nichts Wirkliches kann bedroht werden.

Nichts Unwirkliches existiert.

Hierin liegt der Frieden Gottes.

(Ein Kurs in Wundern, Einleitung)









Spiegel und Schatten



Spiegel und Schatten sind beide

neben dem Ersten ein Zweites.



Gibt es denn überhaupt ein Zweites?

Ist Wirklichkeit nicht Eines ohne Zweites,


Sie ist doch Ein-tracht, trägt nur sich,

kein Kleid, ist nackt und bloß?

Sie ist als eines alles, ohne Nachbarn,

in sich geeint und einig, fugenlos.


Das Zweite ist nur wirklich durch das Eine.

Und auch das Zweite ist in Wirklichkeit das Eine.


Versuch’ nicht, die Zwei weg zu lassen!

Versuch' nicht, aus zwei eins zu machen!

Sieh einfach die Zwei einfach!

Sieh, dass sie schon eins ist,

dass auch die Zwei eins ist!

Sei eins auch mit der Zwei!





Spiegelbilder

Schattenbilder










Meister und Schüler


Mein Meister sagte zu mir damals,

als ich als Schüler noch zu seinen Füßen saß:

„Der Schüler sollte nichts Persönliches behalten wollen.

Jedoch der Lehrer sollte das Persönliche beim Schüler seh’ n.“

Ich war damals ein Schüler, bin es immer noch.

Doch war für Andere ich schon Lehrer, war auch Meister.


Ich sah damals Persönliches bei Schülern und bei Lehrern;

sah es bei mir und wollt’ es nicht behalten,

vertraute darauf, dass ja auch mein Meister

es sah und dabei half mit seinen weisen Worten

es loszulassen, um es los zu werden;

sah auch, dass meine Schüler mir dabei nicht helfen konnten.

Ich steckte auf derselben Leiter fest wie sie,

doch lagen meine Sprossen über ihren.

Loslassen konnte auch der Meister nicht für mich.

Das konnte ich nur selbst, musste ich selber tun.

Wohl wissend, dass ich selbst noch Schwächen hatte – auch als Meister,

half ich doch meinen Schülern, ihre aufzugeben.

Und auch bei meinem Meister sah ich Schwächen,

die er anscheinend noch nicht überwunden hatte.


Keine Person ist heute mehr mein Meister.

Und jeder Mensch kann heut’ mein Lehrer sein.

Auch von Verrückten, Schurken, Kindern kann ich etwas lernen.


Es sagte schon mein Meister zu mir damals,

als ich als Schüler noch zu seinen Füssen saß:

„Natürlich hab’ auch ich noch einen Lehrer.

Das ganze Universum, das ist heut’ mein Meister.“







Glauben und Wissen

Einer meiner Aikido-Meister, Curtis Sensei , sagte uns einmal:

"Ein Guru sprach einmal zu 500 seiner Schüler,

,Fünf von euch werden erleuchtet noch in diesem Leben.´

Dann gibt es nur eine Frage:

,Wer sind die anderen vier?' "

Das ist Glaube.

Das ist das Ideal des Mittelalters.



"Ich zweifle, also denke ich.

ich denke, also bin ich."

(René Descartes)

Das ist Wissen durch Zweifel.

Das ist das Ideal der Neuzeit.



Wir brauchen heute beides.

Wir brauchen Glauben wieder,

Wissen durch Zweifel weiter.






PS.
(wie schon gesagt:)

Glauben ist kein Notersatz für Wissen.

Glauben ist der Mut, zu tun das, was ich weiß.


Und:


Glaub' nicht, dass nur dein Glaube wahr ist -

die eine, einzige Wahrheit!

Es gibt ja viele Glauben.

Glaub', dass sie nur zusammen wahr sind -

die eine einzige Wahrheit!i










Im Schlafen wach sein, im Wach-Sein schlafen


An irgendeinem Tag werd’ ich erwachen.

Die Frage ist nicht : ob. Sie ist nur wann.

Ich kann dann immer lächeln, über alles lachen.

Es gibt nichts mehr, was mich betrüben kann.


Doch wann das sein wird, kann ich dir nicht sagen.

kann dir auf diese Frage keine Antwort geben;

muss es nicht jetzt schon wissen, werd’ es ja erfahren:

vielleicht noch heute, schon im nächsten Leben,

vielleicht auch erst nach vielen Tausend Jahren.




Erwachen aus dem Traum der Illusionen,

das ist einschlafen, ohne einzuschlafen.

Der, der zur Wirklichkeit erwacht ist,

der schläft, ohne zu schlafen,

bleibt auch im Schlafen wach.


Erwachen aus dem Traum der Illusionen,

das ist aufwachen, ohne aufzuwachen.

Der, der zur Wirklichkeit erwacht ist,

der wacht auf, ohne aufzuwachen,

bleibt auch im Wachsein schlafend.



An irgendeinem Tag werd´ ich ein Buddha sein.

Dann werd´ ich nie mehr schlafen, immer wach sein.

Dann werd´ ich nie mehr wach sein, immer schlafen.

Dann werd´ ich schlafend wach sein

und im Wach-Sein schlafen.















Jeder Mensch



Jeder Mensch ist ein Mensch wie jeder Mensch.

Nicht mehr.



Und



Jeder Mensch ist GOTTES SOHN wie jeder GOTTESSOHN.

Nicht weniger.







Kommentar


Ein Mensch,

der bei mir nur das Licht und nicht den Schatten sah,

(vielleicht hab’ ich den Schatten ja auch gut versteckt)

sagte einmal zu mir:

„Was sind Sie für ein Mensch!“


Und ich sagte zu ihm:

„Ein Mensch – genau wie Sie;

kein Engel und kein Teufel (auch kein Tier),

wie jeder Mensch mit Licht und Schatten,

Stärken und Schwächen;

manchmal ein Held, manchmal ein Feigling,

manchmal Genie und manchmal Stümper;

wie jeder Mensch mit Augen, Händen, Kopf und Herz;

einfach ein Mensch – nichts sonst.“




Ein bekannter Kollege eröffnete manchmal einen Workshop

mit folgenden Worten:

„Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden:

Ich bin Gott!“


Pause. Betretenes Schweigen.


Dann fuhr er fort:

„Und das ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere ist:

Ihr seid auch Gott - jeder von euch.“




Jeder von uns ist Sohn Gottes,

war es immer, wird es immer sein.

Wir haben es nur vergessen.

(jedenfalls ich – und ich nehme an, auch du, lieber Leser)

Wir sind eingeschlafen

und wissen im Traum nicht mehr, wer wir sind.

Und jeder von uns ist dabei, wieder aufzuwachen.

Jeder von uns wird irgendwann erwachen

und wird dann wieder wissen, wer er ist.







Wissen, wer ich bin - Wissen, wer du bist


Solang du denkst, ich hätte einen Namen,

wirst du nicht wissen, wer ich bin.

Solang du denkst, du hättest einen Namen,

wirst du nicht wissen, wer du bist.

Solang du denkst, du hättest einen Namen,

wirst du nicht wissen, wer ich bin.

Solang’ ich denk, du hättest einen Namen,

werd’ ich nicht wissen, wer du bist.

Solang’ ich denk’, ich hätte einen Namen,

werd’ ich nicht wissen, wer ich bin.

Solang’ ich denk’, ich hätte einen Namen,

werd’ ich nicht wissen, wer du bist.



Erst wenn ich weiß, dass ich bin,

dass ich der „Ich-Bin“ bin,

werde ich wissen, wer ich bin.


Erst wenn du weißt, dass du bist,

dass du der „Ich-Bin“ bist,

wirst du wissen, wer du bist.


Und erst, wenn ich weiß, wer ich bin,

werde ich auch wissen, wer du bist.


Und erst wenn du weißt, wer du bist,

wirst du auch wissen, wer ich bin.







Es gibt



Es gibt nicht den, der Wilfried heißt.

Es gibt auch nicht Sieglinde.


Es spricht ein Ich, das sich Sieglinde nennt,

zu einem Ich, das sich für Wilfried hält.


Es hört ein Ich, das sich für Wilfried hält,

zu einem Ich, das sich Sieglinde nennt.


Es spricht ein Ich zu einem Ich.

Es hört ein Ich zu einem Ich.


Es gibt ein Ich, das sprechen will.

Es gibt ein Ich, das hören will.


Es gibt ein Sprechen und ein Hören.


Sonst nichts!







Formlos formend


Alle Formen sind vergänglich;

keine bleibt so, wie sie ist:

Wenn du triumphierend jubelst,

vergiss nicht, dass du sterblich bist!

Nur das Formlose ist ewig,

bleibt für immer, was es ist.

Was in dir ist formlos formend,

ist das, was du wirklich bist.










Paradoxien

Wenn ich nicht weiß, dass ich schlafe,

schlafe ich.

Wenn ich weiß, dass ich nicht wach bin,

werde ich wach.

Wenn ich nicht sehe, dass ich blind bin,

bin ich blind.

Wenn ich sehe, dass ich blind bin,

sehe ich.

Wenn ich sage, dass ich die Wahrheit sage,

lüge ich.

Wenn ich sage, dass ich lüge,

sage ich die Wahrheit.



Kommentar:

Wenn ich glaube, dass ich schon wach bin,

kann ich nicht wach werden.

„So verläuft das gewöhnliche Leben des Menschen im Schlaf,

im Schlaf des wahren Ichs,

und das erste Hindernis für das Erwachen dieses Ichs .... ist,

dass der Mensch diesen Schlaf nicht sieht.“

(Jean Vaysse, Unterwegs zum Selbst, S 135)



„Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“

(Heinz von Förster)








Verrückt

(Irrlicht im Irrenhaus)


Sei doch nicht irgendein Quijano,

der irgendwo in der la Mancha lebt,

engstirnig kleinlich und erbärmlich sicher,

in einem Dorf, das keiner kennt,

das keiner kennen muss, das keiner kennen will!

Sei doch der heldenhafte Don Quijote,

der kühne „Ritter von der traurigen Gestalt“,

der Windmühlen bekämpft, die er für Riesen hält,

der ganzen Welt für alle Zeit ruhmreich bekannt!

Verzauber’ doch die schlichte Bauernmagd Aldonza

in Dulcinea von Toboso, deine Herzens-Dame!


Die Welt, die dir vor Augen liegt,

die ist banal und phantasielos nüchtern.

Die Welt, die du erschaffst mit deinen inneren Augen,

die ist phantastisch und erhaben schön.

Verlasse doch die triste Welt des Nieselregens!

Glaube nicht nur an das, was deine Augen seh’ n!

„Die Wirklichkeit ist für die Augen unsichtbar.“

(Antoine de Saint-Exupéry)

Lebe verrückt im Nebelwald der Geister und Gespenster!






Sei doch ein Irrlicht, schwirrend durch ein Haus,

wo irrend und verwirrt nur Irre leben,

wo jeder das glaubt, was es gar nicht gibt,

wo jeder will, was gar nicht möglich ist.

wo jeder, der dort wohnt, in seinem Wahn lebt,

was jedoch keiner wissen will, was keiner weiß,

Sei du doch der, der weiß, dass er verrückt ist!

Wenn ein Verrückter, der nicht weiß, dass er verrückt ist,

dumm überheblich zu dir sagt: „Du bist verrückt“,

dann sage einfach ruhig lächelnd:

„ja, ich weiß.“






Kommentar


Er war eben so,
war völlig daneben.
Er hat nie geraucht,
ging nie einen heben.
Statt Vinho und Gambas,
Vollmilch und Brot,
und was hat er davon?
Denn nun ist er tot...




Er saß wie ein Geier
auf seinen Moneten,
er ließ es nie krachen
auf diesem Planeten.
War immer versichert
für jegliche Not
und ich trinke auf ihn,
denn nun ist er tot...


Es lebe das Laster,

denn wer brav ist
wird nirgendwo vermisst.
Erst recht wenn er daran gestorben ist.




Er ging nie zum Aufriss
in heiße Lokale,
machte niemanden an
und niemals Randale.
Kein Cocktail am Strand
im Abendrot...
Er tut mir so leid,
denn nun ist er tot...




Er hat das Finanzamt
niemals beschummelt,
Und hätt' er 'ne Frau,
hätt' er sie nie befummelt.
Er war nie im Bett
mit Blond oder Rot.
Und jetzt ist es zu spät,
denn nun ist er tot...



Es lebe das Laster, ...


Er aß sich nie satt
und war trotzdem nicht schlank.
Er fuhr nie ans Meer,
denn die Sonne macht krank.
Alkohol war tabu,
weil das die Leber zerstört.
Er ist von innen vertrocknet
und von außen verdörrt.



Es lebe das Laster, ...


(Udo Jürgens, Es lebe das Laster)






Sorbas schüttelte den Kopf: „Nein, Chef, du bist nicht frei. Die Leine, an die du gebunden bist, ist etwas länger als die der Anderen. Das ist die ganze Geschichte. Du hast eine lange Leine, du gehst, du kommst, du glaubst frei zu sein, aber du schneidest die Leine nicht ab. Und wenn man die Leine nicht abschneidet...“

Ich werde sie eines Tages abschneiden!“sagte ich trotzig, weil seine Worte eine offene Wunde in meinem Innern berührten, die schmerzte.

„Das ist sehr schwer, Chef, sehr schwer. Dazu braucht es ein Bisschen Verrücktheit, hörst du? Nämlich alles zu riskieren. Du aber hast einen handfesten Verstand, er ist dein Verderben. Der Verstand ist ein Krämer, er führt Buch: So viel habe ich ausgegeben, so viel eingenommen; das ist der Gewinn, das ist der Verlust. Er ist ein guter Geschäftsmann, er setzt nicht alles aufs Spiel. Er sorgt immer für Reserven. Er schneidet die Leine nicht ab, nein, der Spitzbube hält sie im Gegenteil fest in der Hand. Wenn sie ihm entgleitet, ist der arme Schlucker verloren. Aber kannst du mir sagen, wonach schließlich das Leben schmeckt, wenn du die Leine nicht abschneidest? Nach Kamillentee, ja, nach Kamillentee, nicht nach Rum, der dich umwirft!“

Er schwieg, goss sich ein, ließ das Glas aber stehen.

„Du musst entschuldigen, Chef, ich bin nur ein einfacher Bauer. Die Worte bleiben an meinen Zähnen hängen wie der Schlamm an den Füßen. Ich kann nicht schöne Redensarten formen und Höflichkeiten sagen. Ich kann es nicht. Du aber, du verstehst es.“

Er leerte sein Glas und sah mich an.

„Du verstehst es!“ wiederholte er heftig, als ginge der Zorn mit ihm durch. „Das ist dein Verderben! Wenn du es nicht verstündest, wärest du glücklich. Was mangelt dir schon! Du bist jung, du hast Geld, du bist gescheit, du bist gesund, du bist ein guter Kerl, dir mangelt nichts. Donnerwetter! Nichts außer einem, das ist ein Stück Übergeschnapptheit! Und wenn dir das fehlt, Chef...“

Er wiegte den dicken Kopf und schwieg von neuem. Um ein Haar hätte ich jetzt geheult. Was Sorbas sagte, war richtig.

Als Kind hatte ich tolle Pläne, übermenschliche Wünsche gehabt. Ich saß allein und seufzte, weil mir die Welt zu eng erschien.

Mit der Zeit wurde ich langsam vernünftiger. Ich setzte mir Grenzen, ich begann, das Mögliche vom Unmöglichen, das Menschliche vom Göttlichen zu unterscheiden. Ich ließ meinen Papierdrachen steigen, aber ich hielt ihn fest.

(Nikos Kazantzakis, Alexis Sorbas)






Als vernünftig gilt oft, sich anzupassen: an die Spielregeln, Konventionen, Normen und Erwartungen der Gesellschaft, der man angehört.

Doch diese „Vernünftigkeit“ trägt dazu bei, (Macht) Verhältnisse aufrechtzuerhalten, die ungerecht und damit letztlich unvernünftig sind:


Komm, Heller, komm


Die gnädigen Frauen und gnädigen Herren,
die "Küss die Hand" Marionetten,
sie wollten mich immer adoptiern
und meine Seele retten.



Sie haben mir auf die Schulter geklopft
und lächelnd gesagt: „Sei gescheit,
verdirb dir's nicht mit aller Welt!
Allein kommt niemand weit.



Die sich so schrecklich ernst gebärden,
sind letztlich lächerlich.
Willst du dir nicht dein Spiel gefährden,
geh mit uns auf den Strich.“



So haben sie geredet und so reden sie noch heute.


„Komm, Heller komm, du musst dich arrangieren,
Sei kein junger Don Quichotte (!), gewöhn dich endlich an Manieren.
Komm, komm Heller, komm, lass dich nicht zu lang bitten.
Wenn wir dich nicht mit Küssen schaffen,
schaffen wir dich mit Tritten.“



Denn merke, wer das Denken nicht attackieren kann, attackiert den Denkenden.


Die gnädigen Frauen und gnädigen Herren,
die charmanten Charaktereunuchen.
Sie wollten mich so schrecklich gern,
auf ihrem Konto buchen.



Denn selbst das kleinste Körnchen Sand,
hemmt spürbar das Getriebe.
Wer Dauerschläfer dauernd stört,
übt Anti-Nächstenliebe.



Der Bürger hat sein altes Recht,
auf Bretter vor dem Kopf.
Evolution ist Wasserspülung,
und Reaktion der Topf.



Das meinen die, die meinen, sie hätten eine Meinung.


„Komm, komm Heller, komm, du musst dich arrangieren.
Sei kein junger Don Quichotte, gewöhn dich endlich an Manieren.
Komm, komm, komm Heller komm, lass dich nicht zu lang bitten.
Wenn wir dich nicht mit Küssen schaffen,
schaffen wir dich mit Tritten.



Komm, komm, komm Heller komm, du musst dich arrangieren,
Sei kein junger Don Quichotte, gewöhn dich endlich, endlich an Manieren.“

(André Heller)










Lass’ die Vernünftigkeit der Menschen los!

Sie ist die Klugheit des Vergleichens und Bewertens,

lehrt dich das Kämpfen und Besiegen,

rät zum Gewinnen und Behalten!

Find die Vernunft, die bei den Engeln gilt!






Der Weise auf dem Steckenpferd


Ein Händler, der wegen lohnender Geschäfte in eine fremde Stadt gereist ist, fragte den Handelspartner, in dessen Haus er für die Nacht untergekommen ist: „ Gibt es in dieser Stadt einen Mann, der für seine Vernünftigkeit, Weitsicht und Weisheit bekannt ist? Ich stehe vor einer wichtigen Entscheidung und suche jemanden, der mir dazu einen guten Rat geben kann.

„ Der Gastfreund antwortete: „In dieser Stadt gibt es keinen vernünftigen Mann. Der einzige Vernünftige ist einer, der verrückt zu sein scheint. Er reitet mit den Kindern auf einem Steckenpferd herum. Du findest ihn draußen vor den Toren auf den Feldern.“

Der Händler ging also auf die Felder hinaus, und bald sah er auch schon den Gesuchten, der tatsächlich inmitten einer Schar johlender Kinder auf seinem schlichten Holzpferd ritt. Als er sich auf Hörweite genähert hatte, sprach er ihn mit den Worten an:

„ Ehrwürdiger Vater, der ein Kind geworden ist: Erlaube mir, dir eine wichtige Frage zu stellen! Denn ich vertraue darauf, dass du mir eine weise Antwort geben kannst.“

Der Reiter auf dem Steckenpferd antwortete: „Klopfe nicht an meine Tür, denn sie ist verschlossen. Heute ist nicht der Tag, um Geheimnisse zu offenbaren.“ Er wendete sein Holzpferd, um mit den Kindern in eine andere Richtung davonzureiten.

Der Händler, der sich nicht so schnell abwimmeln lassen wollte, rief ihm hinterher: „Du, der auf dem Steckenpferd reitet, wende dein Pferd doch noch einmal in meine Richtung!“

Der Reiter folgte seiner Bitte und sagte: „ Höre, sag kurz und bündig, was du wissen willst! Mein Pferd ist ungestüm und wild. Beeil dich, sonst tritt es dich!“

Der Fremde sagte: „ Ich möchte eine Frau aus dieser Stadt heiraten. Welche würde zu einem Mann wie mir passen?“

Der Reiter auf dem Steckenpferd antwortete: „ Es gibt drei Arten von Frauen auf der Welt. Wenn du die erste heiratest, ist sie vollständig dein. Die Zweite ist halb dein und halb getrennt von dir. Und die Dritte, die ist überhaupt nicht dein. So, jetzt hast du meine Antwort gehört. Tritt zur Seite, denn sonst tritt dich mein Pferd, dass du stürzt und nie wieder aufstehst!“ Und er wendete sein Pferd und ritt mit den Kindern davon.

Der Händler rief ihm nach: „Bitte erkläre mir, was du mit deiner Antwort meinst. Du hast gesagt, dass es drei Arten von Frauen gibt. Welche denn?“

Der Reiter antwortete aus der Ferne: „ Das Herz der Frau, die vor der Ehe mit dir noch nicht verheiratet war, wird völlig dir gehören. Die, die halb dein ist, ist die Witwe. Und die, deren Herz gar nicht dir gehört, ist die geschiedene Frau mit einem Kind; sie wird ihre ganze Liebe auf dieses Kind richten. Und jetzt lass mich in Ruhe. Die Kinder sind schon ungeduldig.“

Der Fremde aber sagte: „ Warte noch einen Augenblick! Ich habe noch eine zweite Frage, die mir auf der Seele brennt. Sei so gnädig mir gegenüber, mir darauf eine Antwort zu erteilen!“

Der Weise auf dem Holzpferd ritt wieder ein Stück auf ihn zu und sagte: „ Gut, da du mich mit höflicher Bescheidenheit darum bittest, will ich dir die Antwort nicht verweigern. Doch beeile dich! Die ungeduldigen Kinder haben schon meinen Poloball vom Boden aufgehoben und sind schon mit ihm weggelaufen. Ich muss schnell hinter ihnen her eilen.“

Der Fremde fragte: „Wie ist es möglich, dass du wie ein Hort der Weisheit sprichst und wie ein Wahnsinniger handelst? Warum versteckst du dich hinter dieser Verrücktheit?“

Darauf antwortete wiederum der Mann auf dem Holzpferd: „Meine Mitbürger wollten mich zum Richter in dieser Stadt machen. Ich erhob Einspruch. Denn ich bin ein Gottsucher, und die irdische Vernunft und das scharfsinnige Urteil über die Welt und die Menschen sind ein Hindernis auf dem Weg zu der göttlichen Weisheit, die der menschlichen Vernunft oft widerspricht. Doch sie bestanden weiter darauf und sagten: „Es gibt niemanden in dieser Stadt, der so gelehrt und weise ist wie du. Solange du da bist, wäre es ein Unrecht, wäre es verboten, wenn ein dir Unterlegener bei und Recht sprechen würde. Da blieb mir keine andere Wahl als so zu tun, als sei ich verrückt .“

Der Weise wendete sein Pferd und ritt ohne ein weiteres Wort davon, dem Ball und den Kindern hinterher.




Wer unter Menschen etwas erreichen will,

muss richtig und gerecht urteilen.

Wer Gott erreichen will, muss aufhören, zu urteilen.

Denn Gott ist kein Richter, der urteilt und verurteilt.

Seine Gerechtigkeit ist Barmherzigkeit.

Er lässt seine Sonne scheinen über Gerechte wie Ungerechte.



PS:

Rumi, der diese Geschichte aus dem Matnawi geschrieben hat,

war anscheinend in der Lage, zu urteilen und nicht zu urteilen.

Er war Richter im Dienst des Seldschuken-Sultans von Konya.

Er hat in der Welt etwas erreicht und war in der Lage, Gott zu erreichen.







Ein Fluss

Ein Fluss ist Wandlung, keine Dauer.

Was fließt, geht weiter, bleibt nicht stehen,

bleibt nicht sich gleich wie eine Mauer.

Wasser, das strömt, ist nie dasselbe,

lebt als Entstehen und Vergeh' n.


Doch etwas ist sogar in ihm beständig,

etwas in ihm bleibt doch sich selber gleich:

Das Wasser in ihm, das ist immer anderes.

Sonst wäre er ein Tümpel oder Teich.

Und immer fließt ein Fluss zum Meere hin.

Er bleibt beharrlich seinem Ziele treu,

das ihm Bestimmung ist und letzter Sinn.



Dass er nicht gleich bleibt, ist die halbe Wahrheit,

dass er sich nur verwandelt, trügerischer Schein.

Ein Fluss ist Wandlung, die für immer dauert,

ist Werden, und ruht auch im Sein.
















Sei!


Sei Quelle, die mündet im Meer!

Sei Buddhas Blume!

Sei!



Kommentar:


Buddha sprach nicht(s);

hielt hoch eine Blume.

Einer verstand;

und lächelte.


Es gibt viele Blumen.

Jede ist anders.

Alle sind schön.

Alle vergeht n.