Überblick



Offen


Rhythmus

Draußen im Regen


Gewicht

Spatz und Taube

Verdreht

Wo ist das Gold?

Der Leuchtturm
(Sonne und Mond)

Ohne Ziel


Zwischen Wegen

Besuch beim alten Weisen

(Das andere Ufer - Manfred Kyber)

Fließen

Ja, ich will

Daheim und unterwegs

An dir

(Rhein und Donau)

(Erasmus von Rotterdam - Stefan Zweig)

Worms


Alle Wege führen (immer wieder) nach Rom

Kirchentüren


Wenige und viele


Berg-Gipfel, Berg-Flanken

Felswand und Sandstrand

Sithonía

Strebet ohne Unterlass

(Seele und Geist)

Du hast verdient, zu lieben

Liebe mit Freude

Wer nicht genießen kann

Sterne

Beziehung

Geben und nehmen

(Vom Geben - Kahlil Gibran)

Glück

Fragen

Gut

Anders

Ergreifen und stehen lassen

Gehe neben

Weg und gegen, zu und bei

Zwei Söhne

Vermeiden

(Das Monster auf der Brücke)

Offenheit in Grenzen

Dresden

Unbesiegbarkeit

Eingesperrt und ausgesperrt

Wachttürme schützen nicht

Hand und Wand

Geh bis an deine Mauer


Gegner, nicht Feind

Wer (nicht) kämpft


Die Wirklichkeit geschieht

Langkofelblick

Violett

(Sonnenuntergang)

Ziegenfüße - Menschenfüße


Wirklichkeit und Wahrheit

Wahr und schön

Wahrheit

(Was(nicht) gesagt werden kann)

Am Ende gleich

(Gedichte von der verrückten Wolke - Ikkyù)


Die letzte Zeile

An Karoline

( Hochrot - Karoline von Günderrode)

( Der Selbstmord - Christian Fürchtegott Gellert)

Leben und Tod – beides

(Der K.d.R. - Manfred Kyber)

Ein Weg


Falsche Wege

Richtungen

Im Ruhestand

Kennen und Können


Flache Wege, steile Wege

Noch immer - nicht mehr


Ein guter Tag zum Sterben

Zuletzt - Stine Andresen


Silvester

Immer weiter

Durchgang


Fluch und Segen











Offen


Ein Kind ist uns geboren.

Was wird aus ihm mal werden?

Wozu ist es erkoren?

Was will es hier auf Erden?

Wird es viel mit uns lachen?

Bringt es uns mehr zum Weinen?

Lässt es Kanonen krachen,

heller die Sonne scheinen?

Lebt es mal mehr im Dunkeln?

Lebt es mal mehr im Licht?

Wir können es nur munkeln.

Wir wissen es doch nicht.

Das ist noch alles offen,

liegt noch im Nebeldunst.

Wir können jetzt nur hoffen

auf seiner Sterne Gunst.
















Rhythmus

Manchmal kann ich – leicht wie Watte -

auf der siebten Wolke schweben.

Und zu anderen Zeiten muss ich

schwer wie Blei am Boden kleben.


Manchmal geht was von alleine,

und du machst es - „nur mal eben“.

Manches musst du mit viel Aufwand

und mit Mühe dir erstreben.


Wenn du auch mal Neues wagst,

geht dir auch mal was daneben.

(Um auf Glatteis auszurutschen,

musst du dich erst darauf begeben.)


Gegen manche düstere Macht

kann ich mich mit Mut erheben.

Doch dem Unbesiegbaren,

kann ich mich nur noch ergeben.


Mal ruht die Seele friedlich still,

mal lässt das Schicksal sie erbeben.

Mal steht der Weinstock nackt und kahl,

mal hängt er üppig voller Reben.


Ein „Auf-und Ab“, ein „Hin-und Her“,

schwingender Rhythmus ist das Leben.


weitere Zeilen









Draußen im Regen



Die Tür ist hinter mir ins Schloss gefallen.

Jetzt komme ich nicht mehr ins Haus zurück.

Ich habe einen einzigen falschen Schritt gemacht.

Der stört jetzt meinen Frieden, trübt mein Glück.


Doch bleibe ich ja trotzdem Herr im Haus.

Auch vor der Tür verliere ich mein Wohnrecht nicht.

Der Fehltritt sperrt mich nicht für immer aus.

Ein Hausverbot erteilt mir kein Gericht.


Doch in der Kälte draußen ist es jetzt nicht nett.

Es regnet stark, ich werd ganz nass und frier.

Wie schön wär jetzt ein heißer Grog im Bett?

Ich wäre gerne anderswo, nicht hier.


Der Nachbar hat nen Schlüssel, ist grad in der Stadt.

Wenn er zurück ist, schließt er auf und lässt mich rein.

Dann steig ich in die Wanne, nehm ein warmes Bad.

Dann wird die Welt für mich wieder in Ordnung sein.


So gibt es vieles, was man lieber anders hätte,

man sich nicht wünscht, was man nicht haben muss.

Dass man nicht bleiben kann an seiner Lieblingsstätte,

man draußen warten muss im Regenguss.


Das ist nicht wirklich schlimm, ist nur nicht angenehm.

Es ist nicht schön, nicht unbedingt ergötzlich.

Es ist nicht einladend, ist störend, unbequem.

Doch selten nur ist, was geschieht, entsetzlich.


Nur selten können wir etwas nur schwer ertragen.

Nicht oft geschieht etwas, was schrecklich ist;

was Herzen bricht, verzweifelt lässt verzagen;

was man nur schwer nach langer Zeit vergisst.


Meistens geschieht nicht das, was uns erschreckt.

Das, was nur stört, das ist auch oft belebend,

ist etwas, was aus trägem Schlummer weckt;

was schwierig ist, das ist auch oft erhebend.


Was uns nicht zittern lässt, was uns nicht lässt erbeben,

uns nicht das Rückgrat bricht, nicht raubt den Mut,

das ist nicht wirklich wichtig für das Leben,

das ist nicht schlimm, oft sogar letztlich gut.














Gewicht


Warum wird denn mein Körper schwer,

wenn ich was schwierig find‘,

wenn ich was wichtig nehm‘ ?


Der Körper folgt dem Geist,

tut, was der Geist ihm sagt.

Dann, wenn ich etwas schwierig find‘,

dann hört er: „Werde schwer!“

Dann, wenn ich etwas wichtig nehm‘,

versteht er: „Mehr Gewicht!“











Ein Spatz in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dach

(Sprichwort)



Spatz und Taube


Wenn ein Spatz in deiner Hand sitzt,

wenn keine Taube auf dem Dach ist,

auch keine Taube durch die Luft fliegt,

dann greife nach dem Spatz!

Dann halte fest den Spatz!

Ohne den Spatz ist nichts in deiner Hand.

Ohne den Spatz ist deine Hand nur leer.


Doch sieh den Spatz als Spatz!

Sieh in dem Spatz nicht eine Taube!

Der Spatz ist keine Taube, ist ein Spatz.

Und durch dein Sehen wird der Spatz auch keine Taube.

Auch durch dein Greifen wird der Spatz zu keiner Taube.

Er ist ein Spatz und bleibt ein Spatz,

wird keine Taube.


Wenn eine Taube auf dem Dach sitzt,

wenn eine Taube durch die Luft fliegt,

dann lass den Spatz doch los!

Halte den Spatz nicht länger fest!

Solang’ der Spatz da ist,

kann keine Taube kommen.

Der Platz in deiner Hand ist ja besetzt.

Nur eine leere Hand ist frei für eine Taube.








Verdreht



Von dem Boden konnte man essen.

Es lag da immer was.



Vor dem Klo

und nach dem Essen

Hände-Waschen nicht vergessen!


Ich mache eine Wasserkur.

Ich trinke alles außer Wasser.





Sein Gewissen war makellos rein.

Er hatte es nie benutzt.

(aus der Zeitung)




Er war ein Kerl wie ein Baum.

Man nannte ihn Bonsai.

(Spruch auf einrm T-Shirt)


Frau, oben hart und unten weich,

sucht

Mann, oben weich und unten hart.

(Partnerannonce)



Teurer Rat ist gut,

guter Rat nicht billig.

(frei nach Karl Valentin)





„Huhuhu“

scheuste das Grinsal,

schwanzte den Kniff ein

und astete von Hüpf zu Hüpf.



Der Nitter splackt.

Das Splatter nickt,

wenn splitternackt

die Natter splickt.

(Erich Mühsal, Schüttelreime)



In der Nacht sind alle Katzen grau.

Wau wau, wau wau.



"Der Hund ist völlig harmlos.

Hüte dich vor dem Frauchen."

(Scherz-Schild)



Auf dem Schild stand: „Vorsicht! Kinder“

„Ja sind denn Kinder so gefährlich?“



Meine Tante, Frau Bebatte, (*)

welche niemals Kinder hatte,

las vertieft im Tagesblatte:

„Ein verschuldeter Mulatte,

welcher dreizehn Kinder hatte,

aß vor Hunger eine Ratte,

welche 19 Junge hatte.“ –

Tante wurde weich wie Watte.

„Nein“, rief sie, „die arme Ratte!“

(*) soll Babette heißen

(Joachim Ringelnatz, von mir leicht geändert)




Auf einem Brunnenrand sitzt eine Froschmutter mit ihrem Froschkind.

Sie liest ihm gerade das Märchen vom Froschkönig vor:

„Und da verwandelte sich der trockene Prinz in einen wunderbar nassen Frosch.“

(nach einem Bilderwitz)



"Klau' dieses Buch" stand auf dem Deckel.

Ich klaute es.

Es wurde mir geklaut.




Man kann für jede Lösung ein Problem finden.


Das, was für jedes Wesen Nacht ist,

darin ist wach der Selbst-Beherrscher.

Das, worin wach sind alle Wesen

ist für den Weisen, der sieht, Nacht.

(Bhagavadgita II, Vers 69)

























Engel in Schwarz

Licht ist unten, Dunkles oben













Wo ist das Gold?

„Babylon Berlin“:

Auf dem Berliner Güterbahnhof steht ein Zug mit hochbrisanter Fracht:

Giftgas, geschmuggelt für die illegale Schwarze Reichswehr.

In einem der Waggons jedoch soll etwas anderes liegen: Gold.

Der russische Geheimdienst ist hinter ihm her und die Mafia.

Aber keiner weiß: In welchem Wagen ist das Gold?

Außer eine. Die, die es weiß, vertauscht die Wagennummern.

Die „Goldjäger“ finden zunächst nur das tod-bringende Gas.

Nach vielem Hin und Her werden sie schließlich doch fündig

– gleichzeitig gemeinsam und gegeneinander.

Im Inneren eines Kessels liegen anscheinend Goldbarren.

Doch was Gold zu sein scheint, ist nur Kohle, dünn vergoldet.

Enttäuscht – wütend schleudert der sowjetische Botschafter einen der vergoldeten Kohleziegel gegen die rußgeschwärzte Wand des Waggons.

Der Wurf hinterlässt auf dem Kessel eine Schramme, die goldfarbig aufleuchtet.

Der Werfer sieht es nicht.
Viielleicht sieht er es auch, gibt ihm aber keine Bedeutung - oder eine falsche.

Wenn er es sähe und richtig deutete, fiele es ihm wie Schuppen von den Augen.

Ihm leuchtete plötzlich ein:

Das Gold ist nicht im Kessel.

Das Gold ist der Kessel.





„Wo ist das Gold?“

„Nicht da, wo du es suchst.

Wo du es suchst, ist es nicht da.

Doch vielleicht dicht daneben.


Es liegt nicht einfach offen auf der Straße,

auch nicht in dem, was glitzert und was glänzt.


Was du für reines Gold hältst,

ist oft nur hohler Schein.

Was außen wie Gold aussieht,

kann innen Kohle sein.


Es ist vielleicht von Ruß und Pech verdeckt.

Es ist vielleicht in Müll und Dreck versteckt.

Es liegt nicht im Gewinn, den du verbissen suchst.

Es liegt vielleicht in dem,

was du verbittert als Verlust verbuchst.




PS:
"Im Elend stirbt der Alchimist.

der Dumme findet Gold im Mist."
(aus "Senator-Rätsel", Nr. 265)







Der Leuchtturm

(Auch wenn ich ihn nicht seh’)



Mein Leuchtturm ist verschwunden,

der mir stets Führer war.

Ich stolper dennoch weiter.

Wohin ist mir nicht klar.



Ist er – vom Sturm entwurzelt –

versenkt ins graue Meer?

Als wäre ich betrunken,

taumel ich hin und her.



Der Leuchtturm steht noch immer

an seinem alten Ort.

Kein Blitz hat ihn getroffen,

kein Wind wehte ihn fort.



Ich kann ihn nur nicht sehen

aus diesem tiefen Tal,

in das ich mich verirrte

durch eine falsche Wahl.



Der Leuchtturm steht noch immer

da, wo er hin gehört.

Ich kann ihn nur nicht sehen –

von Fieberwahn verstört.



Ich kenn ja noch die Stelle,

an der er immer stand,

auch wenn ich ihn nicht sehe

durch dichte Nebelwand.



Wenn ich in diese Richtung

trotz allem weitergeh`,

dann werde ich ihn finden,

auch wenn ich ihn nicht seh’.






Kommentar:



Sonne und Mond

Die Sonne scheint nicht nur am wolkenlosen Himmel.

Auch hinter Wolken scheint verdeckt die Sonne


Rund ist der Mond nicht nur als Vollmond.

Auch wenn ich es nicht seh' , ist der Mond rund.


Die Sonne scheint nicht nur am lichten Tag.

Auch in der dunklen Nacht scheint anderswo die Sonne.






Ohne Ziel



Nichts mehr erreichen, nichts mehr schaffen,

was schon geschafft ist, reicht;

den Weg nicht durch ein Ziel beschweren;

nur ziellos geh’ ich leicht.


Ohne ein Ziel bin ich das Geh’n,

bleib ich im Gehen steh’n,

husche nicht viel zu schnell vorbei,

hab’ Zeit, wirklich zu seh’ n.


Ohne ein Ziel bin ich ganz hier,

bin nicht schon hier halb weg.

Ohne ein Ziel leb ich ganz jetzt,

absichtslos ohne Zweck.


Ich bin dann immer auf dem Weg,

kann mich ja nicht verirren.

Die Frage, ob der Weg noch stimmt,

kann mich nicht mehr verwirren;


kann mich dann sorglos treiben lassen,

weil es nichts gibt, was mich noch treibt,

nichts, was mich zieht, nichts, was mich drückt ,

das Uhrwerk einfach stehen bleibt.



Ich hab' dann alle Zeit der Welt,

muss das, was ist, nicht ändern.

Nicht lockt Erfolg, nicht reizt mich Geld,

nicht Glanz in Prunkgewändern.


Ich muss dann nichts mehr anders machen,

muss nur, was ist, ergreifen.

Ich führe fort, was schon geschieht,

lass’ es von selber reifen.

Ich kann, von keiner Macht gelenkt,

frei wehen wie der Wind.

Ich kann zu allen Orten schweifen,

da alle richtig sind.



Nicht wie ein Esel festgelegt

stur auf bekannte Spur;

offen für dies und auch für das,

beschränkt nicht auf ein „nur“.



Gehen ist dann des Gehens Zweck;

Ich geh' nur, um zu gehen;

will nicht dort hin, nicht von hier weg,

könnt hier auch bleiben stehen.


Nur weil es Spaß macht, reg’ ich mich,

reg’ mich, um mich zu regen,

bewege mich, weil ich es will -

auch frei von allen Wegen.



Ich drehe mich verrückt im Kreise,

hör' auf, wo ich beginn.

Jeder denkt ,,Der hat ne Meise.

Das macht doch keinen Sinn."


Der rennt doch nur im Kreis herum,

kommt doch nirgendwo hin."

Mit einem Ziel ist das sehr dumm,

bringt ja keinen Gewinn.

Ich kann mich um mich selber drehen

wirbelnd im raschen Tanz,

nicht abgebremst mit halber Kraft,

nein rauschhaft, voll und ganz.

Ohne ein Ziel kann ich auch einfach,

von Duft und Farbenpracht betört,

entzückt auf Blumenwiesen liegen,

vom Ruf zum Aufbruch nicht gestört.


Auf der Wiese ist nicht wichtig,

ob ich krieche, robbe, schleich’ .

Auch Stolpern, Straucheln sind hier richtig;

Selbst wenn ich stürz’, fall’ ich ja weich.

Selbst wenn ich dann am Boden liege,

zwingt mich doch nichts, schnell aufzusteh’ n.

Da, wo ich stürzte, bleib ich liegen;

Ich muss ja nicht rasch weiter gehen.




Ohne Ziel ist alles einfach.

Ohne Ziel ist alles Spiel.

Ohne Ziel ist nichts zu schwierig.

Ohne Ziel ist nichts zu viel.




Doch kann ich ja nicht immer

ziel-frei durch Wiesen geh' n,

kann auch nicht immer weg-frei

mich selbst im Kreise dreh' n,

brauch' wieder Wege, wieder Ziele:

Sonst bleibt mein Leben steh' n.





Kommentar




Gehen ohne ein Ziel, das geht nicht immer.

Es kann daher nicht letztlich darum geh' n,

ziel-los zu geh' n, von einem Ziel befreit.

Es geht darum, mit einem Ziel ohne ein Ziel zu sein.

Es geht darum, schon auf dem Weg am Ziel zu sein.

Es geht darum, während ich geh', das Ziel nicht fest zu halten,

es auf dem Weg nicht zu be-halten, nicht im Kopf zu halten,

sondern es los zu lassen und vorübergehend zu vergessen,

um meinen Geist nicht zwischen Weg und Ziel zu spalten.



.










Zwischen Wegen

Ich bleibe unentschlossen

zwischen den Wegen steh’ n.

Ich will mich nicht entscheiden.

Welchen soll ich nun geh’ n?


Für jeden spricht so vieles.

Für keinen spricht genug.

Wenn ich mir einen wähle,

fürchte ich Selbstbetrug;


fürchte, ich wähl nicht richtig,

wähl nicht den richtigsten.

Doch ist es denn so wichtig,

zu geh’ n den wichtigsten?



Ruhe ich auf der Liege,

steig’ noch mal in den Ring?

Ich kann es selbst nicht finden.

Frage ich das I Ging?



Kann ich nicht einfach weg-los

durch Blumenwiesen geh’ n?

Solange ich noch laufe ,

bleibe ich doch nicht steh`n.



Lass’ ich mich einfach treiben

wohin mich zieht der Sinn?

wo `s schön ist, einfach bleiben;

Es reicht doch, wo ich bin.



Ich kann mich nicht entscheiden,

muss es auch vielleicht nicht,

will nur nicht schaffen Leiden,

mich bringen vor `s Gericht.



Wenn ich das kann vermeiden,

ist jeder Weg zu geh`n,

führt mich nicht ins Verderben,

ist richtig und ist schön.



Kommentar:



Wenn man nirgendwo hin geht,

ist jeder Weg der richtige.

(Ikkyù)


Und:


Kein Wind weht günstig dem,

der nicht weiß, wohin er segeln will.








Besuch beim alten Weisen

Zu einem Alten, der des Zaubers mächtig,

kommt nachts ein Mann, mit Gütern reich gesegnet.

Der Alte fragt: „Warum kommst du zu mir?

Du hast doch alles. Was könnt’ ich dir geben.


Du hast doch Kupfer, Silber und auch edles Gold.

Was fehlt dir denn? Warum bist du nicht glücklich?


Du hast doch Wasser. Warum bist du durstig?

Du hast doch Brot. Warum bist du nicht satt?“


„Was ich nicht habe, ist der Stein des Weisen,

der reines Gold aus jedem Stoff erschafft.


Was ich nicht habe, ist das Lebenswasser,

das dem, der trinkt, den Durst für immer stillt.


Ich bin zufrieden, doch das reicht mir nicht.

Ich such’ das Glück, das währt für alle Zeit.


Das Leben wird erst wunderbar durch Wunder.

Und erst durch Zauber wird es zauberhaft.“


„Das, was du wünschst, das kann ich dir nicht geben.

Es liegt im Land, wo Zaubern nichts vermag.


Es gibt nur einen Menschen, dem das möglich ist.

Das bist du selbst, es liegt in deiner Macht.


Kein Anderer kann dir Stein und Wasser schenken.

Du musst sie selbst erschaffen, ganz aus eigener Kraft.





Kommentar:



Das andere Ufer

Es war einmal ein Sammler, der sammelte allerlei Seltsamkeiten aus fernen Ländern. Er sammelte auch alltägliche Dinge, aber dann hatten sie einen besonderen Sinn und ihre besondere Geschichte. Diese Geschichte der Dinge verstand der Sammler zu lesen wie wenige es verstehen, denn es ist keine leichte Kunst. So saß der Tage und Nächte unter all seinen Seltsamkeiten und las ihre Schicksale und er wusste, dass es Menschenschicksale waren, die daran hingen. Wie ein breiter Fluss flutete das arme verworrene Menschenleben um ihn herum, er stand an seinem Ufer und schaute mit erkenntnisreichen Augen, wie Welle um Welle an ihm vorüberzog.

Aber er wusste auch, dass ihm noch etwas fehlte: Er wusste, dass das menschliche Leben, in dem er so viel gelesen hatte, nicht nur das eine Ufer haben konnte, auf dem er stand und es betrachtete. Er wusste, dass es auch ein anderes Ufer haben musste, und das andere Ufer suchte er – wie lange schon! Aber er hatte es nicht gefunden. Einmal aber hoffte er es bestimmt zu finden. Er suchte in allen Läden der Städte, ob er nicht ein Ding finden würde, das ihm etwas vom anderen Ufer erzählen könne. Er war ja sein Leben lang ein Sammler und Sucher gewesen und hatte viel Geduld gelernt.

So kam er einmal in einer fernen Stadt im Süden in einen sehr merkwürdigen Laden. Der Laden war ein richtiger Kramladen des Lebens, denn es waren wohl alle Dinge darin vertreten, die man sich im menschlichen Leben nur denken konnte, von den seltensten Kostbarkeiten herab bis zu den geringsten Alltäglichkeiten. Und alle Dinge hatten, so wie es sich gehört, ihre eigene Geschichte.
Der Sammler besah sich alle die vielen Dinge mit großer Sachkenntnis. Manches gefiel ihm sehr und manches hätte er gerne gekauft, aber irgendwie erinnerte es ihn doch an etwas, was er schon einmal erworben hatte. »Dies ist wohl die seltsamste Sammlung der Dinge vom menschlichen Leben, die ich je gesehen habe«, sagte der Sammler, und da der Händler ihm kein gewöhnlicher Händler zu sein schien – denn er hatte etwas Stilles und Feierliches in seinem Wesen – so fragte er ihn, ob er nicht etwas habe, was ihm vom andern Ufer erzählen könne.
Der Händler war auch wirklich kein gewöhnlicher Händler. Er wusste zu gut, wie viel Leid und Tränen manche Dinge, die die Menschen bei ihm um teuren Preis erstanden, denen bringen mussten, die sie mit einer Inbrunst erwarben, als hinge ihr ganzes Leben davon ab. Es kam nicht oft vor, dass einer den richtigen Gegenstand bei ihm verlangte. Als nun der fremde Sammler den Händler nach dem anderen Ufer fragte, da lächelte der Händler und reichte ihm eine kleine Lampe von unscheinbarer Form, doch von sehr sorgfältiger Arbeit. Die Lampe aber brannte schon mit einer schönen bläulichen Flamme und brauchte nicht erst entzündet zu werden.
»Diese Lampe stellt man nirgends aus«, sagte der Händler, »man gibt sie nur denen, die nach dem anderen Ufer fragen.« – »Erzählt mir denn diese Lampe etwas vom anderen Ufer?«, fragte der Sammler und betrachtete die Lampe mit aufmerksamen und erstaunten Blicken, denn er hatte so etwas noch nicht in seiner Sammlung und er hatte es bisher auch nirgends gesehen. »Vom anderen Ufer darf dir die Lampe nichts erzählen«, sagte der Händler, »zum anderen Ufer musst du selber wandern, aber die Lampe wird dir leuchten und dir den Weg zum anderen Ufer weisen.«
Da dankte der Sammler dem Händler und fragte ihn, was er ihm für die Lampe zu zahlen habe. »Ich habe viele Gegenstände in meinem Laden, die man um billigen Preis erstehen kann«, sagte der Händler, »ich habe auch manche darunter, die um ein Königreich nicht zu haben sind. Aber die kleine Lampe, die du in der Hand hast, kostet nichts für den, der nach dem anderen Ufer fragte. Es ist deine eigene Lampe und es ist eine ewige Lampe – und sie wird dir den Weg zum anderen Ufer weisen.«

Da wurde der Sammler ein Wanderer. Er ließ alle die vielen seltsamen Dinge, die er bisher gesammelt hatte, hinter sich und wanderte dem Licht seiner ewigen Lampe nach, das andere Ufer zu suchen. Er sah viel Schönes auf seinem Wege, das er früher nicht gesehen hatte. Er sah, wie die Steine sich regten und formten, er schaute in die Träume der Blumen und er verstand die Sprache der Tiere. Allmählich aber wurde der Weg des Wanderers immer einsamer und verlassener, er stand allein in einer Einöde und vor sich erblickte er sieben steile, felsige Berge.
Die Lampe warf ihren Lichtschein auf seinen Weg und sie zeigte ihm an, dass er alle die sieben Berge besteigen müsse. So bestieg er alle sieben Berge und von jedem Berge hoffte er das andere Ufer zu sehen, aber er sah es nicht. Ein eisiger Neuschnee lag auf allen sieben Gipfeln. Mitten aber im Schnee blühte eine rote Rose, leuchtend wie ein Rubin. Die pflückte der Wanderer und nahm sie mit sich auf den Weg. Als er nun alle sieben berge bestiegen hatte und sich ihre sieben Rosen zum Kranz geholt hatte aus dem eisigen Neuschnee der Gipfel, da stand er vor einem dunklen Tor. Der Torhüter trat auf ihn zu und fragte ihn, was er wolle.
»Ich suche das andere Ufer«, sagte der Wanderer. »Was führst du mit dir auf deinem Weg?«, fragte der Torhüter. »Sieben rote Rosen und meine ewige Lampe«, sagte der Wanderer. Da ließ ihn der Torhüter in das dunkle Tor eintreten. »Es ist ein langes und dunkles Tor«, sagte der Torhüter, »du musst bis an sein Ende gehen, dann kommst du an das Meer der Unendlichkeit.« – »Ich will nicht an das Meer der Unendlichkeit«, sagte der Wanderer, »ich suche das andere Ufer. Das Meer der Unendlichkeit aber ist uferlos.« – »Du musst warten, bis die Sonne aufgeht, dann wirst du das andere Ufer sehen«, sagte der Torhüter.

Da ging der Wanderer durch das lange dunkle Tor hindurch und setzte sich am Meer der Unendlichkeit nieder, denn er war sehr müde geworden von seiner Wanderung. Das Meer der Unendlichkeit brandete zu seinen Füßen und über seinen wilden Wellen und dem einsamen Wanderer an seinem Gestade stand die gestirnte Nacht. Der Wanderer aber wartete und wachte bei seiner ewigen Lampe die ganze Nacht und es war eine so lange Nacht, dass er dachte, sie wolle gar kein Ende nehmen.
Endlich verblassten die Sterne, die brandenden Wellen wurden still und klar und über ihnen ging die Sonne auf. Im Licht der aufgehenden Sonne aber tauchte eine leuchtende Insel mitten aus dem Meer der Unendlichkeit empor. Da erkannte der Wanderer, dass es das andere Ufer war, das er gesucht hatte. Über das dunkle Tor kam eine Taube geflogen und zeigte dem Wanderer den Weg zur Insel und er schritt über das Meer der Unendlichkeit so sicher wie auf klarem Kristall hinüber zum anderen Ufer.

Vom anderen Ufer aber darf ich euch nichts weiter erzählen, so wenig als es die Lampe getan hat. Zum anderen Ufer muss ein jeder selber wandern im Licht seiner eigenen ewigen Lampe. Denn das Märchen vom anderen Ufer ist ein Märchen der Wanderer.

(Manfred Kyber, Märchen und Tiergeschichten)




Ein Anderer kann mir vielleicht einen Hinweis geben, welchen Weg ich wählen muss, um den "Stein der Weisen" und das "Wasser des Lebens" zu finden. Er kann als Weiser ein Weg-Weiser sein. Er kann mir vielleicht, als Antwort auf meine Frage, die Lampe zeigen, die mir den Weg beleuchtet - meine eigene Lampe, die der Künstler nur für mich geschaffen hat, schon vor aller Zeit, die die ganze Zeit nur auf meine Frage geartet hat, um mir bereitwillig dienen zu können auf dem Weg, die ich selbst alleine jedoch nicht als mein für mich bestimmtes Eigentum erkennen konnte. Doch ein Anderer, auch wenn er ein Zauberer und Weiser ist, kann den Weg nicht für mich gehen. Das kann nur ich selbst, muss ich selbst.







Fließen

Halte den Fluss nicht an!

Schiebe den Fluss nicht an!

Lass’ ihn einfach fließen!




Halte nicht an, was selber fließen will,

durch dich, durch andere fließen will!

Das ist anstrengend.

Schiebe nicht an, was selber fließen will,

durch dich, durch andere fließen will!

Das ist nicht nötig.

Schiebe nicht an, was selbst nicht fließen will,

durch dich nicht und durch andere nicht!

Das ist sinnlos.


Halte den Fluss nicht an!

Schiebe den Fluss nicht an!

Lass’ ihn einfach fließen!











Ja, ich will

(Auch)


Ich will,

dass es neben Geraden

auch Kreise und Spiralen gibt.


Ich will,

dass es nicht nur den Hauptweg,

auch Nebenweg und Umweg gibt,


und dass es außer Baumalleen

auch Heckenlabyrinthe gibt,


neben der schnellen Römerstraße,

die schnurgerad’ zum Ziele führt,


den schmalen Treidelpfad, gezwungen,

des Flusses Windungen zu folgen,


und auch die Gasse, die verleitet

zum Wein in urigen Tavernen.




Denn alle Wege führen letztlich -

der eine früh, der andere spät - ,

als Kreis, Gerade und Spirale,

doch irgendwann zum selben Ort,

der für uns stimmt

und wo wir hingehören,

weil wir für ihn bestimmt sind

und er uns gehört.







Daheim und unterwegs

Ich will ja, ich will ja, ich will ja nach Sevilla,

auch wenn es wär zu Hause bill’ger.

Doch ist es nicht nur mein Bestreben,

in Richtung Süden zu entschweben,

dorthin, wo oft die Sonne scheint,

(der Strand ist deshalb glühend heiß)

wo viele in die Nacht rein leben.


Ich will auch in die Gipfelhöhen

der Alpen, wo der Schnee so weiß,

und will mich auch zum Nordpol wenden -

nach Grönland, in das ewige Eis.


Warum nicht in die Ferne schweifen,

nur weil das Gute liegt auch hier,

nur weil es nah genauso schön ist,

es hier doch gibt sehr gutes Bier?


Es gibt hier viel, was gut, was schön ist,

aber nicht alles, was sich lohnt.

Es gibt den Mond von Wanne-Eickel,

der voll und rund am Himmel thront.


Es gibt den Reichswald, üppig grün,

auch roten Mohn und gelben Raps,

die auf den Feldern leuchtend blüh’n.

Um 11Uhr gibt es hier nen Schnaps.


Was es nicht geben kann hier, ist die Wüstennacht,

in der die Sterne funkeln hell und wunderbar,

unglaublich viele und erstaunlich nah,

auch nicht der kahlen Felsen Farbenpracht

auf die das Licht des Sonne fällt so rein und klar.



Doch bleibe ich auch gern zu Hause,

dort, wo es warm ist, doch nicht heiß,

wo jeder meinen Namen weiß,

dort, wo es kühl ist, doch nicht kalt,

im Herbst das Laub sich färbt im Wald,

wo ich nicht friere, ich nicht schwitze,

behaglich ich im Garten sitze.



weitere Gartenbilder








An dir


Caesar beging an dir den ersten Völkermord:

er metzelte zwei Stämme der Germanen nieder.

So machte er aus dir die streng bewachte Grenze Roms.

Doch nach 400 Jahren kamen sie viel stärker wieder.


An dir brachten die Alemannen und die Franken

(wegen der Franken endet mancher Ort an dir mit „heim“.)

trotz aller Gegenwehr Roms Macht ins Wanken.

Das war notwendig für den Fortschritt, musste sein.


Sie nutzten weiter, was einst baute Rom:

die festen Lager und die gut geschützten Städte.

In der Colonia erhebt sich kühn der Kölner Dom.

Auf Römergrund liegt auch der Dom zu Speyer.


Die Nibelungen zogen von dir weg zur Donau fort,

zu deiner großen Schwester, in den Untergang.

Noch immer liegt – man weiß nicht, wo – ihr Hort

auf deinem Grund verborgen und verloren.


Nicht nur der Meister Eckhardt war an dir daheim.

Erasmus kam von Rotterdam, von Bingen Hildegard,

(Thomas von Kempen passt nicht in den Reim),

Anna von Kleve, und auch Rembrandt hieß „van Rijn“.


An dir trinkt man hier Kölsch, trinkt man dort Alt,

man isst gern Sauerbraten, in der Pfalz Saumagen.

An deinen Hängen wächst nicht nur der Rieslingwein.

Auch Spätburgunder reift auf guten Lagen.


Dass Loreley an dir sich ihre Haare kämmte,

weiß schon die ganze Welt, das weiß ich nicht alleine.

Es ist etwas, was ich nicht mehr erzählen muss.

Das tat vor langer Zeit schon Heinrich Heine.


Was bist du heute, will ich dich jetzt fragen.

Du bist nicht mehr der Grenzfluss aus den Römertagen.

Du bist Europas stark belebte Mittelachse.

Die Türme, die an dir hoch in den Himmel ragen,

sind nicht mehr Burgruinen, sind jetzt Stromkraftwerke.

An deinem Lauf verdichten sich die Industrieanlagen.

In deinen Ballungsräumen ballt sich auch die Wirtschaftskraft.

Wer an dir wohnt und lebt, hat wenig Grund, zu klagen.





Kommentar:


Der Abstammung nach bin ich ein "Franke" vom Niederrhein, wenigstens mütterlicherseits. Meine Großeltern sprachen untereinander noch Klever Platt, eine niederfränkische Mundart. Weil ich ihn oft hörte, kann ich diesen Dialekt verstehen. Aber ich lernte nicht mehr, ihn auch zu sprechen, weil mein Vater als Vertriebener aus Hinterpommern kam und meine Eltern deshalb miteinander und mit mir nur Hochdeutsch sprachen. Und meine eigenen Söhne können Niederfränkisch weder verstehen noch sprechen. Das scheint das übliche Schicksal vieler Dialekte zu sein.

Ich bin viel gereist und wenigstens in Europa weit herumgekommen, doch gewohnt und gearbeitet habe ich immer am Rhein (oder jedenfalls in seiner unmittelbaren Nähe).

Geboren und zur Schule gegangen bin ich in Kleve, der alten Herzogsstadt, der Heimat der oben erwähnte Anna, unterhalb der Moräne, die hier seit der Eiszeit die Rheinebene begrenzt.

Studiert habe ich in Köln, der Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA), der alten Hauptstadt der römischen Unterrheinprovinz und mittelalterlichen "Hauptstadt" des "Heiligen römischen Reichs deutscher Nation".

Gearbeitet habe ich dann in Wesel, der wichtigen Hanse- und preußischen Festungsstadt.

Danach etwas flussabwärts in Rees.

Jetzt bin ich seit mehr als 20 Jahren in Xanten tätig, der ehemaligen Colonia Ulpia Traiana, die natürlich wie alle größeren Römerstädte in der Region auch am Rhein liegt.

Und seit mehr als 30 Jahren wohne ich in einem Dorf, das so nahe am Rhein liegt, dass man bei Westwind das Tuckern der Schiffe auf dem Fluss hört.



In meinen ersten Lebensjahren war der Rhein noch viel mehr als heute eine Grenze, die seine beiden Ufer trennte. Es gab noch keine Brücken zwischen Nijmegen (Nimwegen) und Wesel, nur Fähren. Nur selten kam ich auf die andere Rheinseite, die "gönne kant". Meine Eltern fuhren mit mir viel häufiger in das benachbarte niederrländische Gelderland - zum Einkaufen nach Nijmegen oder zum Waldbeerenpflücken in die Maasduinen - als ins Münsterland. Was auf der anderen Seite des Flusses lag, war unbekanntes Deutschland.

Später als Jugendlicher und junger Erwachsener wollte ich immer weg. Der Niederrhein war mir zu langweilig. Ich hatte Fernweh nach Ländern, die spektakulärer, großartiger waren, nach Hochgebirgen, Küsten, tiefen Schluchten - und nach Weltstädten, in denen was los war, in denen es viel zu sehen gab. Hauptsächlich zog es mich - wie meine fränkischen (und vielleicht römischen) Urahnen - nach Süden und Südwesten, nach Frankreich, Spanien und Italien.

Heute bin ich froh, am Rhein zu leben.

Wenn meine Enkelin zu Besuch kommt, die selbst ein paar Kilometer vom Strom entfernt bei Düsseldorf wohnt, fahren wir oft mit dem Fahrrad (der Niederrhein ist ja eine hervorragende Radfahrregion; nur in den Niederlanden gibt es eine noch bessere Infrastruktur für das "Fietsen") zu einer Stelle, wo eine Buhne den Rhein einengt und seine Strömung noch schneller macht, als sie sowieso schon ist. Oben auf dem Deich erinnert ein Steinkreuz daran, dass Churchill hier 1945 mit der britische Armee den Rhein überquerte. Eine beeindruckende riesige Kopfweide lädt dazu ein, beklettert zu werden. Wegen der Buhne kann man hier gefahrlos die Füße im Wasser baden. An anderen Stellen ist das lebensgefährlich. Viele haben schon die Strudel des Flusses unterschätzt und ihren Leichtsinn mit dem Leben bezahlt.

Vor allem gibt es hier fast immer etwas Interessantes zu sehen. Meistens fährt mindestens ein Schubkahn vorbei, schwerfällig, stark beladen und tief im Wasser liegend flussaufwärts, viel schneller durch die Wellen gleitend, entladen und von der Strömung getragen flussabwärts. Oft sind viele Schiffe gleichzeitig zu sehen. Auf keinem Fluss Europas ist der Schiffsverkehr ja so dicht und rege.

Diese Stelle am Rhein ist eine der Liebslingsorte meiner Enkelin. Und sie ist inzwischen auch zu einem meiner Lieblingsorte geworten.







Einige Bilder:

Speyer und Worms

Oppenheim und Mainz
Rheingau

oberes Mittelrheintal

unteres Mittelrheintal
am Mittelrhein
von Bonn nach Köln
am Niederrhein
in den Niederlanden









Worms


Im Einklang hörtest du das Lied der Christenheit,

doch auch der Zwietracht und des Zwiespalts schrillen Ton.

In deinen Mauern sahst du oft die Kraft der Einigkeit,

doch auch Verfall und Schwäche als der Trennung Lohn.


Schon Karl der Große weilte viel in dir.

Du warst wohl einer seiner Lieblingsorte.

Selbst seine Hochzeit feierte er hier.

Auch später hörtest du oft Herrscherworte.


Doch bist du auch die Stadt von Zwist und Streit,

an dessen Ende jeder weint und keiner lacht,

der Kopf und Herz verwirrt, durch Hass entzweit,

ein Racheengel schnell erneuten Kampf entfacht.


Der Zwist der –hildes war ein Quell von Leid.

Die Nibelungen gingen in die Falle.

Erwachsen nur aus Eitelkeit und Neid,

führte der Streit der Zwei zum Tod für alle.


Es tagte oft in dir geeint des Reiches Macht.

Von hier gebot der Kaiser allgemeinen Frieden,

von ihm mit starker, strenger Hand bewacht.

Doch wurden auch hier Geist und Welt geschieden.


In dir begann und endete das wütige Sich-Fetzen,

das zwischen Papst und Kaiser ablief um das Recht,

die Kirchenfürsten auf den Bischofsstuhl zu setzen.

Dass sie sich heftig stritten, war für beide schlecht.


Es machte keinen Sinn, sich zu bekriegen.

Da Geist die Welt braucht, Welt die Geistesmacht,

konnten sich beide Kräfte ja gar nicht besiegen.

Sie haben sich nur selbst geschwächt durch Bann und Acht.


In dir sprach Recht das höchste Reichsgericht.

Der Reichstag gab Gesetz, das alle band.

Doch sprach ein Mönch hier vor des Richters Angesicht:

"Ich hoer' allein auf Bibelwort und prüfenden Verstand."


Es flammte auf des eigenen Glaubens Licht.

Die Kunde davon flog schnell übers Land.

Es sagte Luther kühn: "Ich widerrufe nicht".

Schon bald entstand daraus ein Weltenbrand.


Du bist also die Stadt der Eins und auch der Zwei,

wo man einstimmig ruft und wo man widerspricht.

Nur selten fandest du Erlösung in der Drei,

die eins und zwei ist, und zugleich auch nicht.



PS:

Das Handeln Luthers zeigt uns nebenbei:

Die Eins ist nicht stets besser als die Zwei.

Die Menschen, die sich immer willig fügen,

sind doch als einfält' ge Mitläufer zu rügen.

Es ist nicht richtig, immer "Ja" zu sagen.

Manches muss man bei manchen auch verneinen.

Nicht alles darf man glauben, muss zu fragen wagen.

Manchmal muss man (sich) trennen, kann nicht alles einen.














Alle Wege führen (wieder) nach Rom


Verfallen zu Ruinen sind die Tempel

des Forums und des Palatins Paläste.

Der Kapitol ist heute ein Museum,

bewundert für den Reichtum seiner Schätze.

Von der Tribüne, wo einst Cato sprach,

gibt es jetzt nur noch kümmerliche Reste.

Was in dir wo geschah, bleibt jedoch unvergessen.

Man weiß, wo Cäsar starb, erdolcht von vielen Händen.

Genau am Tatort kann man jetzt gut essen.

Und wie er starb, das steht in manchen Bänden.


Kein Feind von außen konnte dich besiegen.

Das tatst du selbst in vielen inneren Kriegen,

aus Überheblichkeit und Eigensinn geboren.

Am engen Denken einer Kleinstadt hast du festgehalten,

dich sträubend gegen Wandel deinen Thron verloren.

Erst durch dich selbst geschwächt konnten auch hohe Mauern

dich gegen Goten und Wandalen nicht mehr schützen.

Dem, der sich selber schädigt, folgend seinen Zwängen,

dem können auch die besten Waffen nicht mehr nützen.


Germanenherrscher konntest du nicht hindern,

dich zu erobern mit Gewalt und zu berauben.

Was du oft selbst getan, geschah jetzt deinen Kindern.

Jetzt rächte sich die Saat, die du so lang gesät

durch Unterjochen, Sklaverei und Völkermord.

Die Strafe ließ dir Zeit, traf dich erst spät.

Das Rad des Schicksals wartete geduldig,

bis du dir selbst genommen deine Kraft und Macht.

Jetzt tagte der Gerichtshof, sprach dich schuldig.

Sein Urteil im Vergleich zur Tat war mild und sacht.


Durchaus gerecht wär es gewesen, für das Leid

rechtloser Menschenmassen und das Meer von Blut,

das du erbarmungslos vergossen hast mit Rohheit,

vernichtet wie Karthago zu verschwinden,

damit maßlose Gier begrenzt wird durch Vergänglichkeit.

Die Rächer jedoch ließen dich am Leben.

Du zahltest nur mit wenig Hab und Gut.

Sie raubten dir nur einen kleinen Teil der Beute,

die du einst selbst geraubt aus blindem Übermut.


Germanenheere wollten dich zwar plündern.

Sie wollten dich jedoch nicht ganz zerstören.

Geblendet von vergangenem Ruhm und Glanz

konntest du sie verzaubern und betören.

Sie ließen dich mit Großmut weiterleben.

Vielleicht war das nicht gnädig, war sogar gerecht.

Du hast nicht nur genommen, hast auch viel gegeben.

Das bürgerliche Recht ist dein Vermächtnis.

Und an der Mosel wachsen nur durch dich die Reben.

Was sich in dir bewährt hat, wollten sie bewahren

es sich zu eigen machen, für sich selber nutzen,

so dass es weiterwirkt auch noch nach vielen Jahren.


Von Norden zog so mancher deutsche König

zu dir, getrieben vom Verlangen,

der König unter Königen zu werden,

endlich die Kaiserkrone zu empfangen

vom Papst, dem Bischof Roms, dem Erben der Cäsaren.

Und Boten anderer Herrscher eilten her, damit er wisse,

dass eine Heidenflut bedroht das Christenland.

Sie wandten sich um Hilfe an den höchsten Priester,

damit ein Heer zur Rettung ward gesandt.

Und andere baten ihn, als Oberherr zu richten,

damit nicht Christen Christenblut vergießen,

lieber als Schiedsmann ihren Streit zu schlichten.

Dein Untergang war nur ein Übergang

zu anderer Größe, anderer Weltenmacht.

Aus Trümmern ist erstanden neue Pracht.

Die Macht des Schwertes, deiner Legionen,

die hast du selbst verspielt, hast du zu Recht verloren.

Sie ist verwandelt in die Glaubensmacht,

mit der dein Bischof herrschet über Weltregionen.


Du wurdest oft gezwungen, dich zu wandeln.

Dich selbst zu wandeln, warst du nicht bereit.

Du wolltest starr und stur fest halten am Alten,

das nicht mehr passte in die neue Zeit.

Was einmal galt, sollte für immer walten.

Du bist ein Sinnbild der Beständigkeit.




Du bist bewundert und verhasst seit Kindertagen,

gefürchtet und verehrt seit Tausenden von Jahren.

Doch nie warst du bedeutungslos, hattest du nichts zu sagen.

Du alte Stadt, die man die ewige nennt:

Du bist vielfach zu tadeln, bist vielfach zu loben,

Vielleicht bist du ja wirklich aus der Zeit gehoben.

Dein Licht ist warm, kaltblütig ist dein Schatten.

Es gab in dir viel kühnen Mut der Löwen,

gab auch viel Hinterlist der Schlangen und der Ratten.

Teils schwarz, teils weiß, nie grau sind deine Gaben.

Nur kräftige Farben kennst du, keine matten.

Sogar im Laster und Verbrechen bist du noch erhaben.

Du hattest, Roma, immer zwei Gesichter;

vielleicht, weil du - gelesen rückwärts, Amor bist.

Du brachtest Trauerflor, jedoch auch frohe Lichter,

das ganze Leben, wie es nun mal ist.

Gewalt und Liebe, das sind deine Seiten,

die du gezeigt in allen deinen Zeiten.

Du bist die Stadt, die nie gestorben ist,

in der man nie, was einmal war vergisst.

Du alte Stadt, zur Ewigkeit geboren:

Von beiden Kräften bist du auserkoren.

Pfleg' doch die eine in der anderen Kraft!

Sei doch die Liebe, die mit sanfter Macht,

sei starke Macht, die liebevoll erschafft!





Einige Bilder









Kirchentüren


Durch diese Türen teilt sich die Gewalt,

die lange Zeit der Menschen Leben lenkte,

in weltliche und geistliche Gestalt.

Und hinter ihnen liegt der Pilger Ziel

(und tagte manchmal sogar ein Konzil),

nach mühevollem Weg endlich erreicht,

für Flüchtende das schützende Asyl.



Noch immer trennen sie den Lärm von Stille

Hier herrscht das grelle, dort gedämpftes Licht.

Doch herrscht jetzt über uns der eigene Wille.



Der fesselt uns oft mehr als fremde Macht.

Wir sehen nicht, weil er uns viel zu nah,

dass auch in ihm höhnisch der Teufel lacht.








Wenige und viele


Viele sind pragmatisch,

nur wenige fanatisch.


Viele sind begabt,

nur wenige begnadet.


Viele sind normal,

ihr Leben ist trivial,

nur wenige sind genial.


Viele sind berufs-tätig

in einem großen Werk -

nur wenige berufen

zu einem großen Werk .


Es gibt viele, die beten,

viel weniger Asketen,

noch weniger Propheten.



Nicht jedes Wirken schafft ein Menschheitswerk.

Nicht jede Schauer füllt den Bodensee.

Ein Riesenschloss baut auch kein starker Zwerg.

Nicht jeder Bürger wird in seinem Ort OB.

Wirf dir deshalb nicht vor, dass du kein Riese bist.

Nicht jeder Mensch kann ja ein Hüne sein.

Doch Menschen-Wert und Menschen-Recht hat jeder,

ganz gleich, ob er nun groß ist oder klein.





Frag’ dich nicht selbst, ob du berufen bist!

Sag’ dir nicht selbst, dass du berufen bist!

Wenn du berufen bist, wirst du gerufen.

(von einer Stimme, die nicht überhörbar ist)


Und wenn du nicht berufen bist, sei nicht betrübt!

Gerufen-Werden ist nicht reine Wonne.

Es weht ein kalter Wind auf Gipfelhöh’ n,

nur an des Berges Hängen wärmt die Sonne.






Doch wenn die Himmelstimme ruft,

dann lauf nicht vor ihr weg!

Halte dir nicht die Ohren zu!

Das hat dann keinen Zweck.


Die Stimme ruft ja in dir selbst.

Du kannst dich nicht verstecken.

Sie findet dich doch überall

selbst in den fernsten Ecken.







Kommentar:

Die meisten Menschen schätzen keine Utopien

(im Griechischen „etwas ohne Ort“),.


Sie mögen keine weit gespannten Ziele, hoch gesteckt,

der Gegenwart noch unerreichbar fern und fremd,

für die es jetzt noch keinen Platz gibt auf der Erde,

die nur in körperlosen Höhen der Ideen -

blutleer dort ihren Wohnsitz finden können, wo

die Luft zu dünn, der Atem nur noch schwer geht,

in Schatten-Häusern ohne festen Boden ,

mit Wänden, die nicht breit und schwer genug,

um sicher stehend auch das Dach zu tragen.


Die Mehrzahl liebt,

was Hand und Fuß hat - auf der Erde

was man mit Augen sehen und mit Ohren hören,

mit Händen fühlen, tasten, greifen,

zu Fuß betreten und begehen kann:

das Haar der Kinder, das zu kämmen ist,

das Fell der Katze, das zu kraulen ist,

den Apfel und die Blumen, die zu pflücken sind,

den Weg zum Bäcker, Modeladen und zum Obstverkäufer,

zum Schuhgeschäft, zur Bücherei und zum Friseur,

zur Tür der lieben Schwester, kranken „Oma“, netten Nachbarin,

zu Tanzfest, Hochzeit und Geburtstagsfeier,

zum Treffen mit der Freundin im Café,

zum Flötenkonzert, zum Museum, ins Theater,

zur Dichterlesung im Gemeindehaus,

zum Flohmarkt, Klassentreffen, Brunch mit Ex- Kollegen.



Einige Menschen, nur wenige - fühlen sich dazu gedrängt,

über das Lebbare, Lebenswerte und Liebenswerte hinaus zu dem vorzudringen, was nicht mehr lebbar, noch nicht lebbar ist.



Oft sterben sie am Kreuz, das sie sich selbst erwählt,

verirrt und hoffnungslos verloren

im Neuland, das nie vorher betreten,

trostlos verschollen in der Wüste Einsamkeit,

von einer steilen Felswand in den Tod gestürzt,

verwirrt, verrückt, dem Wahn verfallen,

durch Worte, die bisher noch nie gedacht,

die allzu kühn die engen Mauern sprengten.

Doch manchmal bringen sie von himmelsnahen Bergen,

von leeren Wüsten, fernen Meeren und aus Schluchten, abgrundtief,

von Göttern, Geistern, Engeln, (auch Dämonen!)

heilsame Botschaft, neu die Richtung weisend,

zurück zu denen, die - sicher beschützt von Zäunen -

im Grün der Täler unbefangen leben,

was einfach machbar und was liebens-wert.










Berg-Gipfel, Berg-Flanken



Der Berg lebt nicht am Gipfelkreuz,

er lebt an seinen Flanken.

Das gilt für jeden, Aletschhorn,

K2 und Karawanken.



Wo Efeutriebe sich mit Kraft,

um Ahornstämme ranken;

wo Dohlen sich mit viel Geschrei,

wegen des Futters zanken;



wo Kühe grasen auf der Alm,

Gemsen im Fels nicht schwanken;

Kapellen still mit Kerzenlicht

für milde Gnade danken;



wo Hütten uns mit ihrem Dach

vor Sturm und Hagel schützen;

bei Hitze kühlend Schatten spenden,

damit wir nicht mehr schwitzen;



da lebt der Berg, da gibt er uns

gar manche reiche Gaben.

Wir können uns – haben wir Durst

an frischen Quellen laben.



Doch auf der schmalen Spitze ist

der Berg ein toter Ort.

Hier kann nichts wohnen, dauernd bleiben;

was lebt, muss wieder fort.



Der Gipfel dient dem Leben nicht.

Der Gipfel dient dem Sehen.

Die Aus-Sicht ist dort wunderbar.

Dafür will ich dort stehen.



Schon wenn ich ankomm, weiß ich ja:

Ich muss bald wieder gehen.

Jetzt ist ein großer Augenblick,

doch bleibt er nicht bestehen.










Fels-Wand und Sand-Strand



In Bergen kann man nicht entspannen.

Entspannen kann man nur am Meer.

(Und Meer waren auch mal die Berge.

Doch das ist schon ein Weilchen her.)


Mit einem Rucksack schwer beladen

steig ich durch eine steile Wand.

Beim Abstieg schmerzen mir die Waden.

Wie unbeschwert läg ich am Strand.


Bei jedem Schritt muss ich aufpassen,

wissen, wo man den Fuß hinsetzt,

kann nicht die Seele baumeln lassen,

muss achten auf das Hier und Jetzt.


Gebietend Ehrfurcht droht der Berg.

Auch nicht allein bin ich ein Zwerg.

Am Strand, da ruft zum Spiel das Meer –

belagert von der Zwerge Heer.


Gestein ist hart, gibt Widerstand

dem Tritt des Fußes, Griff der Hand.

Nachgiebig weich lädt sanft der Sand

zu Friedensfeiern statt zu Kriegen:

"Du musst nicht wachsam mich besiegen,

kannst ruhig schlummernd in mir liegen."


Einige Bilder













Sithonía


Es gibt hier keine alten Städte,

auch keine Tempel und Museen.

Und wer wandern will, der kann nur

tagelang durch Wälder geh’ n.


Doch hier kann man herrlich baden,

tief entspannen seine Waden,

und bei einem leckeren Essen

Druck und Sorgen leicht vergessen.



Stress muss man hier noch erfinden.

Man ruht neben Kieferrinden.

Von den Stränden kann man träumen.

Dolce vita unter Bäumen.


Und es gibt dort nichts zu hören,

nichts zu labern, nichts zu fragen.

Denn seit einigen von Jahren

liegen da fast nur Bulgaren.

Der Grund dafür ist schnell gefunden:

Von zu Hause mit dem Auto

brauchen die nur ein paar Stunden.


Auch vom Wasser ist zu schwärmen.

Denn man kann in ihm erwärmen

seine abgeschlafften Glieder,

wenn bei uns verblüht der Flieder.


Lebt man im Schlaraffenlande

ist es schwierig, was zu tun.

Und es blieb als einzige Chance,

sich mal gründlich aus zu ruh’ n.

Doch in diesem Paradiese

war das faul Sein gar nicht schwer.

Zwischen Liege und Terrasse

schoben wir die träge Masse

unserer Körper hin und her.


Schon nach Stunden war uns klar.

Hier ist alles wunderbar.

Und im tollen Ambiente

blieb nur dolce far niente.


Doch ist das denn auch gesund?

Kriegt man denn nicht Muskelschwund?

Und schon Goethe lässt uns sagen:

„Nichts ist schwerer zu ertragen

als eine Reihe von schönen Tagen.“




Einige Bilder

















Strebet ohne Unterlass!

„Strebet ohne Unterlass!“

Das sind des Buddha letzte Worte,

des voll Befreiten, voll Erwachten.

Und damit will er uns gewiss nicht sagen:

„Strebt immer nach mehr Macht, mehr Ruhm, mehr Geld;

nach immer noch mehr, weil es nie genug ist!“

Vielleicht meint er statt dessen ja mit diesen Worten:

„Strebt immer danach, niemals mehr zu streben

nach etwas Anderem als nach dem, was ist!"

Doch sicher meint er damit: „Sei nie träge!

Ruhe im Frieden einer reichen, reifen Seele!

Doch schlaf dabei nicht ein, bleibe ein wacher Geist,

der - weit und offen - in sich selber tätig! ruht!

Sei immer Geist, der sich auf etwas richtet,

lass ihn nie unwirkend abgeschaltet sein!

Was nicht mehr wirkt, das ist auch nicht mehr wirklich.“

„Des Menschen Geist will allzu leicht erschlaffen.

Er sehnt sich schnell die unbedingte Ruh’“,

sagt warnend Gottes Geist in Goethes ,Faust’.

Lass deinen Geist entspannt, doch nicht erschlafft sein!

Halte ihn klar und wach, lass’ ihn nicht träumend dösen!

Dehne ihn aus, erweiter’ seine Grenzen!

Lass’ ihn für alles offen und bereit zu allem sein!

Sei immer Geist, der deine Seele lenkt und leitet,

oder ihr folgt, wenn sie selbst führen will,

damit sie nicht im Niemandsland herumirrt

so wie ein Hund, der - losgelassen von der Leine -

wildernd im dichten Wald herumstreunt,

sein Herr gar nicht mehr sieht, wo er denn ist!

Rufe den Hund zurück oder lauf mit ihm,

doch lass ihn nicht alleine laufen irgendwo!

Wenn du was tust, lass’ deinen Geist dabei sein,

damit du, was du tust, auch immer weißt!

Und streb’ danach, jetzt rückhaltlos zu streben,

nicht mit begrenztem Einsatz, abgebremster Kraft!

Lass’ keinen Augenblick nur halb gewollt verstreichen,

nur lau geliebt, halbherzig lasch gelebt!

Sei immer Wille, der sich selber will,

Wille, der ganz das will, was er will,

Wille, der auch voll will, dass er will!




Kommentar: Seele und Geist


Sei keine geistlose Seele!

Sei auch kein seelenloser Geist!

Sei Geist mit Seele

und Seele mit Geist!

Doch sei mehr Geist als Seele!


In der Zeit lebt die Seele,

Im Raum lebt der Geist.

Leb mehr im Raum als in der Zeit!


Denn:

Die Fragen der Seele, die löst der Geist.

Die Fragen der Zeit, die löst der Raum.






Du hast verdient, zu lieben


Das, was du liebst, ist liebens-wert,

hat es verdient, dass du es liebst,

verdient, geliebt zu werden.


Doch gibt es nicht nur diesen Grund, zu lieben:

Auch du, der liebt, bist liebenswert,

hast es verdient, zu lieben.


Du hast verdient, im Glück zu sein.

Du bist nur glücklich, wenn du liebst.

Du hast verdient, zu lieben.






Kommentar:


Natürlich gibt es auch die „Schattenseite“ der Münze:


Du hast es selbstverständlich nicht verdient,

gehasst zu werden.

Genauso wenig hast du es verdient,

zu hassen.

Denn wenn du hasst,

dann bist du unglücklich.


Denn wenn du hasst,

machst du dich unglücklich.


Und unglücklich zu sein,

das hast du nicht verdient.






Das folgende Gedicht ist mir eingefallen, ist in mich eingefallen,

nach einem Gespräch mit einer Patienten,

die sehr für-sorglich war, jedoch nicht gut für sich selbst sorgte, weil sie sich durch Sorgen um Andere belastete,

die sich viel um viele andere kümmerte, sich selbst dadurch viel Kummer machte,

die viel und viele liebte, jedoch nicht sich selbst.

Sie liebte, ohne sich in ihrer Liebe, durch ihre Liebe zu freuen.




Liebe mit Freude!


Erfreue dich zuerst an Rosen, prächtig aufgeblüht!

Dann kannst du dich um kümmerliches Unkraut kümmern.

Und sieh, dass etwas schon verdorrt ist!

Bemüh’ dich nicht, es krampfhaft doch zu retten!


Wer sich nur kümmert,

wer sich nicht auch freut,

schafft sich nur Kummer

und sein Herz verkümmert.


Erst angefüllt mit Freude und mit Glück

kannst du aus Mitleid wirksam handeln.

Nur wenn du selber glücklich bist,

dann kannst du Leid in Glück verwandeln.


Sei eine Blume, die sich selber schmückt!

Wart’ nicht darauf, dass andere es tun!

Geschmückt zu werden, kannst du nicht erwarten.

„Wenn eine Rose selbst sich schmückt,

dann schmückt sie auch den Garten.“


Sorg’ erst dafür, dass du selbst ohne Sorgen bist!

Erst sorgenfrei kannst du für andere sorgen.

Sorg gut für sie, sorg‘ auch für dich,

mach‘ dir für sie nicht Sorgen!






Kommentar

Liebe, Freude, Glück,

sie bilden eine Einheit,

sie gehören zusammen.


Liebe ohne Freude, Liebe ohne Glück

Ist keine wahre, keine volle Liebe.

Ohne Freude ist die Liebe Opfer,

ist die Liebe Mangel.


Es fehlt dann etwas in der Liebe.

Liebe ist Fülle,

ungeschmälert, ungetrübt,

in der nichts fehlt, nichts stört.


PS:

Du sagst vielleicht: „Wo bleibt das Mitgefühl?“

Das Mitgefühl ist viel, jedoch nicht alles.

Beschränk dich nicht darauf, mit Mensch und Tier zu fühlen!

Ergänz‘ dein Mitgefühl doch durch ein Für-Gefühl!

Was selber fühlen kann, das braucht nicht dich,

um sich zu fühlen.

Pflanzen und Steine fühlen sich allein durch dich.

An deiner Freude fühlen sie, wie schön sie sind.

Da sie 's nicht können, musst du für sie fühlen.








Wer nicht genießen kann



Wer nicht genießen kann, kann kein Genosse sein.

Er stört auf Jahresfeiern und auf Ehrenfesten.

Am besten lädt man ihn erst gar nicht ein,

damit er nicht den Spaß verdirbt den anderen Gästen.



Wer sich nicht freuen kann, erfreut auch andere nicht.

Er wirft nur einen Schatten, trübt das Licht.

Wer nicht genießen kann, bleibt selber gern allein.

Das ist auch gut so; er würd’ ungenießbar sein.

(frei nach Kardinal Meisner)
















Sterne


Ich schaue nicht auf dich.

Ich schau auf unseren Stern – mit dir.

Du schaust auf unseren Stern - mit mir.

Gemeinsam schau’ n wir auf den Stern.


Ich schaue auch auf dich.

Denn du bist auch ein Stern.

Auch du, du bist ein Stern für mich,

Ich hoff’, ich bin ein Stern für dich.













"Ergib dich nicht der Stimmung dessen, der dich beleidigt,

und folge nicht dem Weg, auf den er dich schleppen möchte!" (Marc Aurel)

Beziehung



Es geht mich gar nichts an, ob du mich liebst.

Es geht mich gar nichts an, ob du mich hasst.

Ich will und werd’ dich lieben,

auch dann, wenn du mich hasst.


Das ist mein fester Glauben,

bleibt mein entschlossener Wille,

Den werd’ ich nicht verraten,

auch dann, wenn du mich hasst,

geb’ ihn nicht sinnlos auf,

weil du mich grundlos hasst.


Spiele von mir aus doch dein Spiel des Hasses!

Spiel es allein für dich,

denn ich spiel’ es nicht mit.

Dass du nicht glücklich bist,-

durch Leiden hassend und im Hassen leidend -,

ist doch schon schlimm genug.

Wem nützt es, wenn auch ich ins Unglück stürze?

Ich bleib' - mir selber treu - bei meinem Spiel der Liebe.


Schlag’ mir nur ruhig auf die Wange!

Sei unbesorgt! Ich schlag’ dich nicht zurück.

Ich halte dir die andere Wange hin.

Ich will doch nicht mein Spiel des Glücks verlieren.

Ich will nur einfach, dass ich glücklich bin.




Kommentar



Ich bestimme meine Beziehung zu jedem,

indem ich jeden seine Beziehung zu mir bestimmen lasse,


und


indem ich meine Beziehung zu jedem nicht davon bestimmen lasse,

wie jeder seine Beziehung zu mir bestimmt.






Beziehung ist Stehen.

Beziehung ist Gehen.

Beziehung ist: Ich steh’ zu dir.

Beziehung ist: Du stehst zu mir.

Beziehung ist: Ich geh’ zu dir.

Beziehung ist: Du gehst zu mir.


Beziehung ist nicht:

Ich steh’ zu dir wie du zu mir.

Ich steh’ zu dir weil du zu mir.

Ich geh’ zu dir wie du zu mir.

Ich geh zu dir weil du zu mir.


Beziehung ist hin.

Beziehung ist her.


Beziehung ist nicht hin und her.

Beziehung ist nicht hin wie her

Beziehung ist nicht hin weil her.









Geben und nehmen


Wenn du etwas genommen hast,

fühl´ dich nicht immer in der Pflicht,

zu krampfhaften Bemüh’ n gezwungen

es unbedingt zurückzugeben,

dem, der es gab, dem du es nahmst!


Das, was du nahmst, was er dir gab,

gib es doch einfach weiter!

Zurück kannst du es oft nicht geben.

Auch weiter geben kannst du es nicht immer -

doch viel öfter.


Und auch, was du zurückgibst,

gibst du letztlich weiter –

dem großen Lebensganzen, dem lebendigen Fließen

das beides ist, der Geber und der Nehmer,

das beides ist, das Nehmen und das Geben.


Das Leben ist das, was dem Leben nimmt.

Das Leben ist das, was dem Leben gibt.



Gib nicht nur dem,

der dir schon etwas gab,

dem du vertraust,

dass er es dir zurückgibt!


Und nimm nicht nur von dem,

dem du schon etwas gabst!


Es geht ja nicht um dich.

Es geht ja nicht um ihn.

Es geht ja um das Leben.


Das Leben ist das, was dem Leben gibt.

Das Leben ist das, was dem Leben nimmt.



Erlaube dir, auch mal zu nehmen!

Du darfst auch nehmen,

weil du ja auch gibst.

Das, was du gibst, nimmst du vom Leben.

Das, was du nimmst, gibst du dem Leben.


Denn letztlich nimmst nicht du.

Denn letztlich gibst nicht du.


Das Leben ist das, was dem Leben nimmt.

Das Leben ist das, was dem Leben gibt.




Kommentar:

Oft wendet ihr ein: Gerne würde ich geben, doch nur denen, die es verdienen.

Die Bäume eurer Gärten handeln nicht so, und auch nicht die Herden eurer Weiden.

Sie geben, um zu leben, denn zurückhalten bedeutet zugrunde gehen.

Wer würdig ist, die Tage und Nächte des Lebens zu empfangen,

ist es auch, all' eure Gabe zu erhalten.

Und wer würdig ist, aus dem Meer des Lebens zu trinken,

ist es auch wert, an eurem Quellwasser seinen Becher zu füllen.

Gibt es ein größeres Verdienst als jenes,

das im Mut, im Vertrauen und im Wohlwollen des Empfangens liegt?.

Wer seid ihr, verlangen zu können,

dass die Menschenn ihre Brust öffnen und ihren Stolz enthüllen,

damit ihr euch von ihrem wahren Wert und ihrem unverhüllten Ehrgefühl überzeugen könnt?

Seht zu, dass ihr würdig werdet, ein Gebender zu sein und ein Werkzeug des Gebens.

In Wahrheit ist es das Leben, das gibt,

während ihr, die ihr zu geben vermeint, nur Zeugen seid.

Und ihr, die ihr empfangt - und ihr seid alle Empfangende -,

macht die Dankesschuld nicht zur Last,

weder für euch noch für den, der gibt!

Schwingt euch lieber mit ihm zusammen auf seinen Gaben empor wie auf Flügeln,

denn wenn ihr die Dankesschuld überbewertet,

so zweifelt ihr an der Großmut desjenigen,

der die großherzige Erde zur Mutter hat und den barmherzigen Gott zum Vater.

(Kahlil Gibran, Der Prophet, Vom Geben)













Glück

Sich glücklich fühlen ist nicht glücklich sein.


Wenn du dich glücklich fühlen willst,

solang du Glück als ein Gefühl suchst,

kannst du das Glück nicht finden.

Erst wenn du Glück nicht mehr in dir suchst,

erst wenn du Glück nicht mehr für dich suchst,

dann kannst du glücklich sein,

kannst vielleicht einfach Glück sein.

Solang du glücklich werden willst,

kannst du nicht glücklich sein.

Erst wenn du nichts mehr werden willst,

wenn du schlicht so bist, wie du bist,

dann kannst du glücklich sein,

kannst vielleicht einfach Glück sein.

Solang du fragst: „Bin ich denn glücklich?“,

kannst du nicht glücklich sein.

Erst wenn du dich das nicht mehr fragst,

die Antwort nicht mehr wichtig ist,

dann kanst du glücklich sein,

kannst vielleicht einfach Glück sein.



Sei kein Ge-Fühl, das nur sich selber will,

Ge-Fühl, das nur sich selber fühlt,

das nur sich selber fühlen will!

Sei Fühlen, das erkennt, was gut ist!

Sei Fühlen, das erkennt, was schön ist!

Sei Fühlen, das erkennt, was wahr ist!

Sei glücklich über das, was wahr ist!

Sei glücklich über das, was schön ist!

Sei glücklich über das, was gut ist!

Sei Glück, das fühlt,

nicht nur ge-fühlt sein will!








Fragen


Frag’ das, was da ist, was es ist!

Frage nicht dich, was es für dich ist!


Denn es ist da durch jeden und durch alles.

Denn es ist da für jeden und für alles.

Es ist nicht da für sich und nicht für dich.


Auch du bist da durch jeden und durch alles.

Sei auch du da für jeden und für alles!


Frag deshalb das, was da ist, wie es ist!

Frage nicht dich, wie es für dich ist,

wie nützlich und wie angenehm es ist!










Gut

Tu meistens, was dir gut tut.

Was gut tut, ist auch meistens gut.

Doch tu nicht nur noch das, was gut tut.

Nicht immer ist, was gut tut, gut.

Auch, was nicht gut tut, ist es manchmal.

Tu daher auch, was nicht gut tut!


Das, was du gut tust, tut dir immer gut.

Tu daher, was dir gut tut, immer gut!

Tu deshalb auch das, was nicht gut tut, gut!

Wenn du es gut tust, tut auch das dir gut.

Mache, was dir nicht gut tut, einfach gut!


Mache aus Bösem Gutes!

Wenn du das Böse gut machst,

machst du das Böse gut.

(Christian Morgenstern)


Tu also ruhig, was dir gut tut.

Denn das, was gut tut, ist ja meistens gut.

Tu jedoch nicht, was dir allein nur gut tut.

Nur wenn es allen dabei gut geht,

wenn man zusammen etwas gut tut,

wenn alle Gutes tun für alle,

ist das, was gut tut, wirklich gut.


Wenn etwas gut ist, ist es gut genug.

Wenn etwas gut genug ist, ist es gut.

Besser als gut kann etwas doch nicht sein.

Besser als gut genug muss doch nichts werden.

Wenn dir das Gute nie genug ist,

das Gute dir nie gut genug ist,

dann tut das Gute dir nie gut.



Doch wenn das Gute nicht mehr gut ist,

es auch nie wieder werden kann,

dann sieh nicht, was es einmal war,

sieh, dass es jetzt das nicht mehr ist,

sieh, was es jetzt geworden ist!

Dann lass’ es los, löse den Strick,

der dich an das Vergangene bindet!

Und mach dich wieder frei für das,

was besser werden kann und gut,

du besser machen kannst und gut!


Wenn dein Pferd tot ist, steig ab!

(altes Indianersprichwort)






Kommentar:

Was nicht von selbst geht,

geht auch oft nicht gut.


Was nicht schon gut beginnt,

geht oft auch nicht gut weiter,

geht nicht gut zu Ende,

geht nicht gut.





Tu ruhig das, was gut geht!

Denn das geht oft ja gut.

doch frage dich nicht ständig.

"Geht es mir denn auch gut?"


Lass’ es dir ruhig gut geh’ n.

Doch lasse dich nicht geh’ n!

Sich gehen lassen geht nicht lange gut.

Nachhaltig geht es gut nur dem,

der angeht das, was ansteht,

es ohne Zögern tut.



Frage dich lieber manchmal.

"Gehe ich denn auch gut?

Wie gehe ich? Geh ich denn richtig?

Geh ich auch in die richtige Richtung?"

Denn nur die Richtung, die ist wichtig.







Anders


Der Andere ist nicht du.

Er ist kein Teil von dir.

Er ist nicht deine Hand.

Er ist auch nicht dein Fuß.


Er ist nicht auf der Welt,

um so zu sein wie du.

Er ist nicht auf der Welt

um, was du willst, zu tun.

Er ist nicht auf der Welt,

um, was du willst, zu sein.


Auf der Welt ist er,

um er zu werden.

Auf der Welt ist er,

um er zu sein.


Auf der Welt ist er,

um, was er will, zu tun.

Auf der Welt ist er,

um, was er will, zu sein.



Du bist nicht der Andere.

Du bist kein Teil von ihm.

Du bist nicht seine Hand.

Du bist auch nicht sein Fuß.


Du bist nicht auf der Welt,

um so zu sein wie er.

Du bist nicht auf der Welt,

um, was er will, zu tun.

Du bist nicht auf der Welt

um, was er will, zu sein.


Auf der Welt bist du,

um du zu werden.

Auf der Welt bist du,

um du zu sein.


Auf der Welt bist du,

um, was du willst, zu tun.

Auf der Welt bist du,

um, was du willst, zu sein.





Kommentar:


Wenn du ein Mensch bist,

der einen Anderen als Anderen sieht,

dann kannst du nicht auf Dauer mit einem Menschen zusammenleben,

der dich als einen Teil von sich sieht,

als seinen Mund, als seinen Fuß, als seine Hand.


Wenn du dein Anders-Sein vertrittst,

begehst du in den Augen des Anderen,

der ja kein Anderer sein will,

der auch nicht will, dass du ein Anderer bist,

heimtückisch, hinterlistig Hochverrat,

hast Zorn und Wut verdient, Strafe und Rache,

wie seine Hand, die nicht mehr ihm gehorcht,

die sich nicht mehr bewegt, wie er es will

die sich von selbst bewegt, wie sie es will.

Von seiner Hand erwartet er zu Recht Gehorsam.

Du aber bist nicht seine Hand.


Wenn du dein Anders-Sein verleugnest,

wenn du dein Anders-Sein verrätst,

gibst du dich selber auf.

Dann kannst du nicht mehr wachsen,

dann kannst du nicht mehr werden,

zu dem, was du sein willst,

zu dem, was du sein kannst.


Wenn du ein Mensch bist,

der einen Anderen als einen Teil von dir sieht,

kann auf die Dauer kein Mensch mit dir leben,

der dich als einen anderen sieht,

der sich als einen Anderen sieht.




Kommentar:






Gehe neben

Willst du nicht für dich alleine

ohne andere Menschen leben,

geh’ nicht vor und geh’ nicht nach,

geh’ nicht über, geh’ nicht unter,

gehe mit und gehe neben!





Kommentar:

Geh' nicht vor mir her!

Ich könnte dir nicht folgen.


Geh' nicht hinter mir!

Ich könnte dich verlieren.


Geh' nicht unter mir!

Ich könnte auf dich treten, auf dich fallen.


Geh' nicht über mir!

Ich könnte dich als Last empfinden!


Geh' an meiner Seite!

(frei nach Jorge Bucay)











Weg und gegen, zu und bei


Geh nicht weg von dem, was da ist,

nicht von dem, der dort steht, weg!

Geh' nicht gegen das, was da ist,

gegen den, der dort steht, vor!

Gehe hin zu dem, was da ist,

geh' auf den, der dort steht, zu!


Steh' bei dem, der da ist!

Stehe dem, der dort steht, bei!


Gehe zu und stehe bei!








Zwei Söhne


Ich helfe dem einen.

Ich helfe dem anderen.

Ich helfe dem einen, dem anderen zu helfen.

Ich helfe dem anderen, dem einen zu helfen.

Ich helfe dem einen für den anderen.

Ich helfe dem anderen für den einen.


Doch helf ich nicht dem einen, den anderen zu bekriegen.

Ich helfe nicht dem anderen, den einen zu bekriegen.

Ich helfe nicht dem einen gegen den anderen.

Ich helfe nicht dem anderen gegen den einen.


Ich bin wie UNSER VATER.




Kommentar:


UNSER VATER im Himmel würde vielleicht sagen:


Ich liebe alle meine Söhne,

auch den, der seinen Bruder hasst.

Ich liebe zwar nicht, dass er hasst,

doch lieb’ ich ihn, auch wenn er hasst.

Doch der, der seinen Bruder hasst,

kann meine Liebe nicht mehr seh’n.

kann nicht mehr sehen, wie ich liebe,

sperrt sich selbst aus von meiner Liebe.


Wer einen seiner Brüder hasst,

kann nicht mehr wirklich daran glauben,

dass ich auch diesen Bruder liebe.

Er kann nicht wirklich daran glauben,

dass ich den liebe, den er hasst.


Er glaubt, dass ich mit Grenzen liebe,

weil er ja selbst mit Grenzen liebt,

die einen liebt, die anderen hasst.

Er glaubt, dass einer meiner Söhne

des Vaters Liebe nicht verdient hat,

durch seine Worte, durch sein Denken,

durch seine Taten sie verspielt hat.


Dann kann er nicht mehr sicher sein,

dass meine Liebe etwas ist,

was auch er niemals verlieren,

was ihm auch niemand nehmen kann,

auch nicht er selbst durch Irren, Lügen,

durch böses Tun und feiges Lassen,

durch Falschspiel, Täuschen und Betrügen.


















Vermeiden


Wenn du versuchst, das mit viel Aufwand zu vermeiden,

was du dir vorstellst als zu mühsam und zu schwierig,

als lästig, störend und zu unbequem,

dann schaffst du oft damit nur neues Leiden,

machst dir nicht - wie erhofft - das Leben angenehm.


Versuche nicht, gewaltsam zu vertreiben,

den, der dich scheinbar aufhält, dir im Weg steht,

dich zu behindern scheint, anscheinend stört!

Er will aus Groll und Trotz nur stärker bleiben,

von dir enttäuscht, sich unverstanden fühlend,

bitter gekränkt, auf Rache sinnend und empört.




Kommentar:


Das Monster auf der Brücke

Stell' dir mal vor, lieber Leser, du lebst im Mittelalter, in einem kleinen Dorf, in der Nähe eines breiten Flusses. Auf der anderen Seite des Flusses, zwei Gehstunden entfernt, liegt eine große Stadt, in der reiche Kaufleute wohnen - in hohen, giebelverzierten Häusern. In den üppigen Läden dieser Häuser werden Waren aus aller Welt angeboten. Und in der großen Markthalle, die in der Mitte der Stadt dem Rathaus gegenüber liegt, findet einmal im Jahr - in der Woche nach Ostern - ein Markt statt, auf dem, ausschließlich hier und in diesen Tagen, außergewöhnliche Stoffe und Tücher aus fernen Ländern und wertvolle Edelsteine angeboten werden. Von dem Dorf führt eine Straße über eine Brücke in die Stadt, und viele Jahre lang warst du es gewohnt, in den Tagen des großen Marktes voller Neugier dorthin zu laufen, um dir staunend, entzückt und begeistert die unbekannten Wunderdinge anzuschauen.

Vor einigen Jahren jedoch hat sich ein Monster vor der Brücke dauerhaft niedergelassen und belästigt seitdem alle, die an ihm vorbei auf die Brücke und in die Stadt wollen: Es schimpft lautstark, schreit ohrenbetäubend, spuckt die Vorübergehenden an, jammert und klagt ein anderes Mal unaufhörlich und stinkt widerlich, so dass es insgesamt nur schwer erträglich ist. Das Monster will, dass man es auf den Markt der Wunder mitnimmt und behindert jeden, der ihm das nicht verspricht.

Im ersten Jahr dachtest du, das Monster sei gefährlich und hast dich deshalb nicht über die Brücke getraut. Nachdem du das Monster aber einige Monate lang aus sicherem Abstand beobachtet hast, wusstest du, dass es zwar ausgesprochen unangenehm ist, aber nicht gefährlich.

Im zweiten Jahr hattest du daher schon Mut genug, dich dem Monster bis auf einige Meter zu nähern, hast aber, weil du dir der Ungefährlichkeit des Monsters nicht ganz sicher warst, im letzten Moment doch Angst bekommen, dich umgedreht, um zu flüchten. Aber da war das Monster schon auf dich aufmerksam geworden, hatte Hoffnung geschöpft, nun endlich doch in die Stadt zu kommen, fühlte sich von dir arglistig getäuscht, verraten und im Stich gelassen, lief hinter dir her und verfolgte dich. Und du hast damals die merkwürdige Erfahrung gemacht, dass das Monster dir um so näher kam, je mehr du vor ihm davonliefst. Das Monster lief schneller hinter dir her, als du vor ihm weglaufen konntest. Und es hätte dich bald eingeholt, wenn du nicht schließlich eingesehen hättest, dass dein Versuch, zu flüchten, vergeblich war, und stehen geblieben wärst. In dem Moment, wo du aufhörtest, vor ihm zu fliehen, hörte das Monster zu deiner Überraschung und Erleichterung plötzlich auf, dich zu verfolgen.

Im dritten Jahr hast du noch mehr Mut gefasst und dich entschlossen, das Monster mit Steinwürfen zu vertreiben. Aber das Monster ließ sich nicht verjagen. Im Gegenteil: Es fing an, noch lauter als sonst zu jammern und sich bitter über das große Unrecht zu beklagen, das ihm nun auch noch von dir angetan wurde.

Im vierten Jahr hast du schließlich versucht, das Monster zu umgehen. Du bist flussaufwärts gelaufen, um eine andere Brücke zu finden. Du wusstest nicht, wie weit die nächste Brücke entfernt ist, und ob es überhaupt eine gibt. Nach drei Tagen hast du auch tatsächlich einen Übergang gefunden, keine Brücke, sondern eine Furt, musstest jetzt aber natürlich die ganze Strecke auf der anderen Seite des Flusses zurücklaufen und kamst erst in der Stadt der Wunder an, als es zu spät war, der Markt schon vorbei war.

Jetzt ist das fünfte Jahr. Es ist wieder der große Markt. Du willst wieder über die Brücke in die Stadt. Alle deine bisherigen Versuche, mit dem Monster fertig zu werden, haben nichts gebracht. Es ist immer noch da, und es hindert dich immer noch daran, auf den Markt zu kommen. Du bist nahe daran, zu verzweifeln. Und da kommt dir die rettende Idee. Du siehst plötzlich die einzige Art und Weise, mit der das Problem gelöst werden kann:

Du gehst ruhig und gelassen auf das Monster zu, klopfst ihm freundlich auf die Schulter und sagst zu ihm: „Gut, wenn du unbedingt mit willst, dann nehm ich dich eben mit.“

Du kannst dir das leisten; denn das Monster ist unangenehm, aber nicht gefährlich. Es geht dir auf die Nerven mit Jammern und sinnlosem Gequatsche und stinkt widerlich; aber es zieht nicht plötzlich ein Messer und stößt es dir in den Rücken. Und nur mit dem Monster, nur wenn du in Kauf nimmst, dass es lästig ist und unangenehm riecht, kommst du da hin, wo du hin willst, in die Stadt und auf den Markt der Wunder.










Offenheit in (mit) Grenzen


Lad’ Gäste in dein Haus!

Bleibe dort nicht allein!

Wenn du durch Mauern Schutz suchst,

sperrst du dich in sie ein.

Ein Bunker kann nicht nur ein Bunker,

muss auch Gefängnis sein.

Was Andere nicht hereinlässt,

lässt dich auch nicht heraus.

Und wenn du Andere ausgrenzst,

schließt du dich selber aus.


Lad’ Gäste in dein Haus,

lass Leben in ihm sein!

Teil’ deinen Wein mit anderen!

Trinke ihn nicht allein!

Wenn du durch Schranken ausgrenzst,

schränkst du dich selber ein.


Sei offen –doch mit Grenzen!

Lade nicht jeden ein -

nicht Diebe, Feinde, Mörder!

Auch Grenzen müssen sein.

Das, was sich in sich abschließt,

was selber gar nicht offen ist,

lass nicht zu dir herein!

Denn Offenheit für alles

schließt auch das Ausschließen nicht aus,

schließt auch die Grenzen ein.

PS: Wenn du immer ganz offen sein willst

kannst du nicht mehr ganz dicht sein.




Kommentar:


Wenn du ein Affe bist, leichtherzig munter,

der einfach spielen will mit anderen Tieren -

wohlwollend friedlich,

und neugierig unbefangen,

dann streichel keinen Igel, keine Kobra

umarme auch nicht liebevoll ein Krokodil!

Der Igel sticht, die Kobra beißt

das Krokodil, das frisst dich.

Spiele mit einem anderen Affen,

mit Tieren, die auch einfach spielen wollen -

neugierig unbefangen

und wohlwollend friedlich!



für diejenigen, die beide Bücher gelesen haben:












Dresden


Dresden, was warst du?

Dresden, wo stehst du?

Und wohin gehst du?



Ein viel bestauntes Wunder warst du damals,

als du nicht mehr erwartet doch noch starbst

im Bombenhagel einer düsteren Winternacht,

sinnloses Opfer später Rache, Ernte der Vergeltung,

gesät durch eigene Zerstörungsmacht.


Aus Schutt und Trümmern bist du auferstanden

zu deiner alten, neu erschaffenen Pracht.

Ein Wunder bist du heute als ein Feuer

des Glaubens und der Hoffnung, willensstark entfacht.

Ein Wunder bist du heute als ein Siegesdenkmal

der ganzen Menschheit auf der ganzen Welt:

Wir sind als Menschen nicht das, was wir sollen.

Wir Menschen sind auch nicht das, was wir müssen.

Wir sind das, was wir können, was wir wollen.


Jedoch bist du nicht überall so wundervoll.

(Das ist Köln, Wien, Paris und Amsterdam ja auch nicht.)

Auch wenn sie jetzt saniert und renoviert sind,

durch Farben und Balkone hübsch geschmückt,

sind Plattenbauten immer noch nicht wirklich toll.


Noch hast du nicht das Gleichgewicht gefunden,

in dem Erstarrung droht in selbstverliebter Trägheit,

Stillstand in satter Selbstgerechtigkeit.

Dafür gibt es zu viele ungeheilte Wunden.

Zu viele Narben sind geblieben aus unseliger Zeit.

An vielen Stellen musst du noch gesunden.


Noch gibt es Böden, brach und ungenutzt,

die auf die Schaufel, Kelle, Maurerhände warten,

auf üppige Läden, dicht gefüllt mit Kunden.

Du strahlst lebendig wach im hellen Mittagslicht,

noch nicht im reifen Glanz der Abendstunden.


Schon damals, als du warst die Prunkstadt eines Königs,

bist du ja nicht allein auf eigenem Mist gewachsen.

Die Künstler, die aus dir ein „Elbflorenz“ erschufen,

die kamen doch nicht alle nur aus Sachsen.

Von Glaubensfreiheit wurden sie gerufen

aus vielen Ländern, südlich warmen, nördlich kalten.

Willkommen waren sie, nicht nur geduldet,

und konnten daher sich in dir so frei entfalten.


Im Umgang mit den unbekannten Andern,

den unvertrauten Fremden bist du nun gespalten.

Pegida sieht durch sie das Eigene bedroht

durch Über-Fremdung, will sie draußen halten.

Der Umgang miteinander ist verroht,

weil Hass und Feindschaft manchmal an den Stätten walten,

wo einst Europas Kräfte sich vereint zum Schaffen ballten.


Doch wenn du nur noch sicher den Bestand verwalten,

du nicht durch Anderes, Fremdes anders werden willst,

dich sperrend gegen Neues bleiben willst im Alten,

schließt du dich aus vom Leben, wählst des Stillstands Tod.

Wenn du noch wachsen willst, dann musst du offen bleiben.

Weltweit vernetzte Forschung braucht die Fremden.

Für deine vielgepriesene Uni sind sie nährendes Brot.

Denn nur durch sie ist Fortschritt zu gestalten.

Und ohne sie wär manche Firma schnell in Wachstumsnot.


Du schöne Stadt, von Fremden einst erschaffen,

verrate nicht dich selbst, das, was dich groß gemacht!

Schließ dich nicht aus vom Leben, lass dich nicht erschlaffen!

Begrüß’ mit Glauben, Mut und Hoffnung jeden neuen Tag!

Angstvoller Hass führt in die dunkle Todesnacht.



Einige Bilder











Unbesiegbarkeit


Wenn ich durch Krieg besiegen will,

kann ich nicht wirklich siegen.

Ein Sieg beendet zwar den Kampf,

doch führt zu neuen Kriegen.


Gewinnen kann man keinen Krieg,

Man kann ihn nur verlieren.

Gewinnen kann man nichts durch Krieg.

Man kann nur viel verlieren.

Auch, wer gewinnt, verliert durch Krieg.

Auch wer gewinnt, verliert den Krieg.

Denn das, was man durch Krieg gewinnt,

wird man durch ihn verlieren.


Denn wer den Krieg verloren hat,

denkt rachsüchtig an Vergeltung.

Er strebt danach - im Stolz verletzt,

gedemütigt, beschämt, entehrt,

am Boden liegend voller Wut -

die Schmach schon bald zu tilgen,

indem er mich zu Boden wirft,

und abzuwaschen durch mein Blut

die würdelose Schande.

Er sinnt darauf bei Tag und Nacht,

mit allen Mitteln, aller Macht,

mich wieder zu bekriegen. -

Er will zurück, was er verlor,

mich unbedingt besiegen.


Ein Sieg durch Kampf, ein Sieg durch Streit,

der ist kein Sieg für immer.

Immer führt er zu neuem Leid,

und Frieden, der kommt nimmer.


Nur wenn ich nicht mehr siegen will,

dann kann ich wirklich siegen.

Nur wenn ich nicht mehr kämpfen will,

will niemand mich bekriegen.

Und wenn niemand mehr kämpft mit mir,

kann niemand mich besiegen.


Nur wenn ich nicht mehr siegen will,

dann siege ich auf Dauer.

Wenn ich mich nicht mehr schützen will

durch eine hohe Mauer.


Ich bin nicht unbesiegbar dann,

wenn keiner wagt den Streit mit mir,

wenn keiner mit mir kämpfen kann.

Er wird es können – irgendwann.


Ich bin nicht unbesiegbar, dann,

wenn er mich um mein Glück beneidet,

weil durch mein Glück er selber leidet.


Ich bin nicht unbesiegbar, dann,

wenn er nur Frieden hält aus Furcht,

bedroht von Übermacht.

Die Freundlichkeit, die er mir zeigt,

die ist geheuchelt, ist nicht echt,

sein Lächeln ist verlogen.

In Wahrheit sieht er mich als Schurke und als Dieb.

Er fühlt zu recht sich um sein Recht betrogen.


Ich bin nicht unbesiegbar,

wenn er eingeschüchtert sich nicht traut,

sich das zurückzuholen, was ich ihm geraubt.

Ich bin dann unbesiegbar,

wenn der Andere glaubt,

dass er schneller auf seinem Weg das Ziel erreicht,

wenn er ihn geht mit mir an seiner Seite,

gemeinsam und vereint, als Partner und als Freund,

als wenn er ohne mich alleine geht,

oder gegen mich anstürmt als sein Feind.


Ich bin dann unbesiegbar,

wenn der Andere mit mir etwas aufbaut, etwas macht,

was beiden gut tut, beiden nutzt, beide bereichert

er auf dem Richtfest fröhlich mit mir lacht.



Das, was du für den Anderen tust,

das, was du mit dem anderen tust,

das macht dich unbesiegbar.

Wenn du ihm das gibst, was er braucht

wenn er von dir kriegt, was er will,

wenn er mit dir tut, was ihr wollt,

will er dich nicht bekriegen,

hat keinen Grund zum Kampf mit dir,

muss dich nicht mehr besiegen.




Kommentar:



Die das Schwert ergreifen, werden durch das Schwert umkommen.

(Mt 26, 52)


Was einmal besiegt wird,

muss immer besiegt werden.

(Krishnamurti)




Das wohl überzeugendste Beispiel dafür, dass Sieg durch Krieg nur zu neuem Krieg führt,

ist die „Erbfeindschaft“zwischen Frankreich und Deutschland in der Neuzeit:


Die begann damit, dass sich die Habsburger, Könige der Weltmacht Spanien und deutsche Kaiser, ein Reich zusammenheirateten, das sich wie ein einengender Ring um das Königreich Frankreich legte: von Spanien, Besitzungen in Italien, der Freigrafschaft Burgund (die heutige Franche Comté), den Reichsfestungen Metz und Toul bis zum heutigen Luxemburg und Belgien, (die damals zu Spanien gehörten).

Es ist durchaus verständlich, dass Frankreich die Übermacht dieses Weltreichs, „in dem die Sonne nicht unterging“, als so bedrohlich erlebte, dass es Jahrhunderte lang das erste und höchste Ziel seiner Außenpolitik war, diesen einschnürenden Sperrriegel aufzusprengen.

Eine Übersteigerung dieser aggressiven Osterweiterung waren jedoch dann die „Raubkriege“ Ludwigs des XiV. Manche Burg an Rhein und Mosel ging damals in Flammen auf und ziert seitdem nur noch als romantische Ruine die anmutige Landschaft des Rheinischen Schiefergebirges.

Die Saat des Hasses, die damals in die Seele des deutschen Brudervolks gesenkt wurde (das Königreich Frankreich ist ja genauso aus dem Frankenreich Karls des Großen hervorgegangen wie das Heilige Römische Reich Deutscher Nation), war so nachhaltig, dass noch 1870 im Krieg gegen das Frankreich Napoleons des Dritten deutsche Soldaten auf die Frage, gegen wen sie denn eigentlich kämpften, die Antwort gaben: „gegen Ludwig den XIV.“

Das Frankreich des „Sonnenkönigs“ war damals den kleinen deutschen Nachbarstaaten so überlegen, dass sich Ludwig der XIV wohl gar nicht vorstellen konnte, dass sich dieses Kräfteverhältnis einmal umkehren könnte. Es schien keinen Grund zu geben, als Sieger die Rache der gedemütigten Besiegten zu fürchten. Doch schon 100 Jahre nach seinem Tod geschah das damals nicht Denkbare: Im siegreichen Feldzug gegen Napoleon drangen preußische Heere (gemeinsam mit den verbündeten österreichischen und russischen Armeen) bis nach Paris vor.

Ich bin nicht unbesiegbar dann,

wenn keiner wagt den Streit mit mir,

wenn keiner mit mir kämpfen kann.

Er wird es können – irgendwann.


Der folgende Frieden (nach dem Wiener Kongress 1815) ist eine erfreuliche Unterbrechung in der durch gewaltsame Unterwerfung, Hass und Rache geprägten Beziehung zwischen beiden Völkern. Das besiegte Frankreich wurde von den Siegern nicht erniedrigt und beraubt. Ihm wurde ein maßvoller Frieden zugestanden. Es musste keine Gebiete abtreten. Es wurde als ebenbürtiger Staat wieder in den Kreis der europäischen Großmächten aufgenommen. Die Sieger verhandelten über den Frieden in Französisch, der Sprache der Besiegten.

Der von gegenseitigem Verständnis und Hochachtung geprägte maßvolle Umgang miteinander verwandelte sich jedoch schnell wieder in den erbarmungslosen Kampf um die Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent. Napoleon der Dritte träumte davon, die Größe wiederherzustellen, die Frankreich zur Zeit seines Onkels gehabt hatte, als sich seine Macht fast über ganz Europa erstreckte. Und das nach Einigung Deutschlands unter seiner Führung strebende Preußen sah keine andere Möglichkeit, als Frankreich, das einer neuen deutschen Großmacht im Osten nie kampflos zugestimmt hätte, durch Krieg zur Einwilligung zu zwingen.

Was nach dem Sieg der deutschen Waffen folgte, war nicht mehr maßvoll respektvoll:

Ausgerechnet in Versailles, dem Schloss des „Sonnenkönigs“, wurde das neue deutsche Kaiserreich proklamiert. Frankreich musste eine hohe Kriegsentschädigung zahlen. Und es wurde gezwungen, ganz Elsass-Lothringen an die neue Führungsmacht abzutreten.

Die ohnmächtige Wut des unterworfenen Frankreich verwandelte sich in den nicht mehr verstummenden Ruf nach Vergeltung. Wieder erschien es dem hochmütigen Sieger als undenkbar, dass sich der Besiegte je wieder gegen seine Überlegenheit erheben könnte. Doch wieder gelang das Unwahrscheinliche, Unvorstellbare. Frankreich konnte, auch wegen der an Größenwahn grenzenden Selbstüberschätzung Deutschlands, eine Allianz anderer Großmächte zustande zubringen, die so übermächtig war, dass im Ersten Weltkrieg auch das mächtige Deutschland daran zerbrechen musste.


Was jetzt folgte, war der nur noch von maßloser Rache bestimmte Frieden von Versailles.

Vergeblich warnten einige wenige einsichtige und weitsichtige Staatsmänner vor den schrecklichen Folgen, die sich aus der unfairen Härte des Friedensvertrages ergeben könnten. Einer von ihnen, Lloyd George, eigentlich einer der unerbittlichsten Gegner Deutschlands, sagte damals. „Man kann Deutschland seine Kolonien nehmen, seine Streitkräfte auf eine reine Polizeitruppe beschränken und seine Flotte auf die einer Macht fünften Ranges; wenn es sich im Frieden von 1919 ungerecht behandelt fühlt, wird es Mittel finden, von seinen Besiegern Vergeltung zu erlangen.“

(Otto Zierer, Bild der Jahrhunderte, Bd. 21, S. 87)


Er sollte leider Recht behalten. Der Frieden von Versailles brachte den Völkern Europas nicht den Frieden, sondern neuen Krieg. Ohne diesen Frieden, der kein Frieden war, wäre der Aufstieg Hitlers nicht möglich gewesen. Der Frieden, der den ersten Weltkrieg beendete, ebnete den Weg für den zweiten.



Heute leben wir in der glücklichen Zeit, in der Frankreich und Deutschland gleichberechtigte Partner "auf Augenhöhe" innerhalb der EU sind. Sie haben endlich begriffen - nach Richelieu, Ludwig dem XIV., zwei Napoleons, Bismarck und Hitler, nach einem Meer von Blut und Tränen, das auf beiden Seiten geflossen ist, dass keiner sich auf Kosten des Anderen stark machen kann, dass Angriffe und Übergriffe nicht nur den Anderen schwächen, sondern auch ihn selbst, dass beide nur dadurch stark bleiben können, dass sie - als gemeinsames Projekt - die Einheit Europas stärken, die beide umgreift und übergreift.


Ich bin dann unbesiegbar,

wenn der Andere glaubt,

dass er schneller auf seinem Weg das Ziel erreicht,

wenn er ihn geht mit mir an seiner Seite,

gemeinsam und vereint, als Partner und als Freund,

als wenn er ohne mich alleine geht,

oder gegen mich anstürmt als sein Feind.


Solidarität macht unbesiegbar, nicht Konkurrenz!


















Eingesperrt und ausgesperrt


Eingesperrt im Lager,

wo sie nicht leben wollten,

brachen sie aus.


Und ausgesperrt vom Land,

in dem sie leben wollten,

brachen sie ein.


Die, die die Herren waren in dem Land,

wollten sich schützen gegen sie,

sperrten sie ein, sperrten sie aus

durch Mauern und durch Zäune.


Jetzt sind sie Herren über dieses Land.

Auch sie bauen dort Mauern, hohe Zäune.

Mit ihnen sperren sie sich ein.

Mit ihnen sperren sie andere aus.

Sie wollen sich schützen gegen sie.






Kommentar:


Einige Menschen sahen als Kind -

eingesperrt und ausgesperrt -

den Lagerzaun auf Zypern

(vieleicht auch den von Ausschwitz).


Als Greise bauten sie -

sich einsperrend, andere aussperrend -

die Mauer vor Jerusalem.



Der Film „Exodus“ spielt im Jahr 1947:
Mehrere Tausend Juden, die gerade ein Konzentrations-Lager überlebt haben, sind als Heimatlose wieder in einem Lager eingesperrt. Sie hatten versucht, illegal in das britische Mandat Palästina einzureisen, sind aber von den Briten abgefangen, nach Zypern gebracht und dort interniert worden.Dort werden sie jetzt festgehalten. Die Briten wollen sie nicht nach Palästina lassen, weil sie Konflikte zwischen den einwandernden Flüchtlingen und der alteingesessenen arabischen Bevölkerung befürchten. Erst durch ein kühnes Tauschungsmanöver des Geheimdienstes, die Drohung, sich mit ihrem Schiff in die Luft zu sprengen und einen Hungerstreik können die Juden erreichen, dass die Mandatsherren sie nicht länger daran hindern, das Land zu betreten und in Besitz zu nehmen, in dem sie sich eine neue Zukunft schaffen wollen


Ich war in Jerusalem im Jahr 2010:

Von der alten Mauer, die die Altstadt umgibt, konnte man die neue Mauer sehen, die Israel gebaut hat als Grenzwall gegen die Palästinenser.

Sie macht Jerusalem nicht schöner. Sie ist so hässlich, wie es die Mauer in Berlin war. Sie ist lästig, steht im Weg, hält den Verkehr auf, wenn man von Jericho kommt oder nach Jericho will. Sie trennt Menschen, die auf der einen Seite wohnen, von Verwandten, die auf der anderen Seite wohnen.

Und seit es sie gibt, soll es - angeblich - kaum noch Selbstmordattentate in Israel geben.














Im Folgenden geht es nicht

um Schutz-Handlungen

gegenüber einem tatsächlichen Feind,

der jetzt da ist,

den ich mit meinen Augen sehe,

der jetzt gegen meine Mauer rennt.


Es geht

um eine Schutz-Haltung

gegenüber einem möglichen Feind,

der jetzt noch gar nicht da ist,

der vielleicht niemals kommt,

den ich in meinem Kopf erfinde.




Wachttürme schützen nicht




Wer sich vor Anderen schützen will,

der bringt sich in Gefahr,

erschafft sich selber den als Feind,

der vorher keiner war;

weckt andere erst auf zum Kampf,

macht sich so angreifbar.

Wenn du dich schützen willst durch Zäune, hinter Mauern,

lädst du nur Räuber ein, davor auf dich zu lauern.

Wenn du dich sichern willst mit Wällen und mit Türmen,

lädst du nur dazu ein, sie mit Gewalt zu stürmen.







Stell' dir, lieber Leser, einmal Folgendes vor:

Irgendwo mitten in großen Wäldern liegt abgeschieden ein Dorf. Weil das Dorf so abgelegen und schwer erreichbar ist, wird es von anderen Menschen kaum bemerkt. Nur wenige wissen überhaupt, daß es existiert. Das Dorf lebt unbeschwert und in Frieden.

Eines Tages kommen die Dorfleute auf die Idee, es könnte sich ja im Schutz der dichten Wälder unbemerkt ein Feind an das Dorf heranschleichen und es plötzlich überfallen. Also fällen sie in einem Umkreis von 100 Metern um das Dorf herum alle Bäume. Und da die Bäume nun sowieso herumliegen, beschließen sie, ihr Holz dazu zu nutzen, eine ganze Reihe hoher Wachttürme zu bauen, um sich zusätzlich vor der Gefahr eines feindlichen Angriffs zu schützen.

Damit ändert sich das Leben im Dorf. Es reicht ja nicht aus, daß die vielen Wachttürme jetzt da stehen, sie müssen ja auch mit Wachen besetzt werden. Die Dorfleute verbringen ihre Zeit abwechselnd im Wachdienst auf den vielen Türmen. Es werden keine Feste mehr gefeiert, weil immer ein Teil der Dörfler fehlt, die jungen Leute haben keine Zeit und Gelegenheit mehr, sich kennenzulernen und sich ineinander zu verlieben. Es finden kaum noch Hochzeiten statt. Nach einigen Generationen müßte das Dorf aufgrund des Bevölkerungsschwunds aufgegeben werden, auch ohne den befürchteten feindlichen Überfall. Der Versuch, das Leben im Dorf gegen eine Gefahr zu schützen, hätte genau zum Gegenteil geführt. Die Ausrichtung der Wahrnehmung auf das, was man vermeiden wollte, hätte das, was man nicht will, selbst herbeigeführt.

Aber das Dorf braucht gar nicht so lange, um sich durch die negative Aufmerksamkeit selbst zu zerstören: Im weiten Abstand zieht ein Handelsweg an dem Dorf vorbei. Auf ihm waren immer schon Kaufleute gereist, um ihre Waren in andere Länder zu bringen und sie dort zu verkaufen. Bisher hatten sie das abgelegene, unbedeutende Dorf kaum zur Kenntnis genommen. Jetzt aber kommt wieder ein Kaufmann, der zu einem mächtigen fremden Volk gehört, in der Nähe des Dorfes vorbei. Er sieht die neuen Wachttürme und denkt sich: Wenn dieses Dorf so viele Türme baut, um sich zu schützen, dann muß dort etwas zu holen sein. Sicher ist im Dorf ein großer Schatz verborgen. Sobald er wieder zu Hause ist, berichtet er seinem König von dem, was er gesehen hat. Der König sammelt ein großes Heer und zieht damit zu dem Dorf und überfällt es. Die Dorfleute bemerken zwar wegen der Wachttürme, daß das Heer herannaht. Das nützt ihnen jedoch wenig: Sie sind der Übermacht nicht gewachsen. Der größte Teil fällt im Kampf gegen das feindliche Heer, die anderen werden gefangengenommen und auf dem Sklavenmarkt verkauft.



Stelle dir nicht als Phantasie über die Zukunft vor,

was als Erfahrung gegenwärtig gar nicht da ist!

Und wenn du schon mit deinem Kopf erfindest,

was mit den Augen jetzt gar nicht zu finden ist,

erfinde doch nicht das, was schädlich ist!

Lass' dich doch in der Innenwelt nicht das erleben,

was du ja in der Außenwelt gar nicht erleben willst!

Richte den Geist doch nicht auf das, was du nicht wünschst!

Du trägst sonst selber dazu bei, dass es geschieht,

nicht nur in deinem Kopf, auch draußen in der Welt.

Denn das, was innen ist, das zieht das Äußere an.

Richte den Geist einfach auf das, was du dir wünschst!

Dann sind das Innere und das Äußere im Einklang,

dann ziehen sie sich gegenseitig an,

werden zur einen, ungetrennten Wirklichkeit.









Hand und Wand


Steig' nicht mit bloßen Händen in die Eiger-Nordwand!

Du kommst nicht weit, dann stürzt du sicher ab.

Und wenn du Glück hast, brichst du dir zwei Arme;

Doch wenn du Pech hast, brichst du dir den Hals.

Und wenn du glaubst –in übermütigem Wahn -

blind für Gefahr, dich masslos überschätzend

du müsstest es doch wenigstens versuchen,

und du dann abgestürzt am Boden liegst –

nur Gott sei Dank aus vielen Wunden blutend,

mit Prellungen am Bein und mit gebrochener Schulter -

dann gib doch auf, versuche es nicht wieder!

Sieh ein: „Die Eiger-Nord Wand ist nicht zu ersteigen

mit den begrenzten Mitteln, die ich nun mal hab´.


Oft sind auch andere Menschen eine solche Wand.

Sie lassen sich von deiner Hand nicht drücken;

sie lassen sich von deiner Hand nicht zieh`n.

Sie bleiben einfach da steh'n, wo sie sind.

Doch gibt es eine Wand, die du bewegen kannst -

ganz einfach, sicher und zu jeder Zeit:

Das bist du selbst; du kannst dich selbst bewegen.

Du musst ja gar nicht eine schwere andere Wand

mühsam verkrampft verrücken und verschieben.


Wenn eine Wand dir anscheinend den Weg versperrt,

bleib nicht weit vor ihr schon entmutigt steh’n!

Geh´weiter vorwärts, bis du sie erreicht hast!

Berühr sie und erfühle mit der Hand,

ob sie dich wirklich aufhält, dich behindert,

als harte Mauer, die aus Steinen fest gefügt!

Vielleicht ist ja die Wand nur weiche, dünne Pappe.

Wenn sie aus Stein ist- wie die meisten Wände,

versuche doch nicht, überspannt verkrampft,

sie mit den bloßen Händen einzudrücken,

gewaltsam umzustoßen mit geballter roher Kraft!

Bleib´ also nicht schon stehen vor der Wand!

Erst an der Mauer kannst du ja erproben,

wie stark der Widerstand tatsächlich ist,

den sie dir bietet, dir entgegenstellt.

Drück’ auch nicht sinnlos gegen eine starke Wand!

Berühre sie! Erfühle sie! Erfahr' sie!

Dann tust du nicht zu viel und nicht zu wenig,

Dann lebst du in der "goldenen Mitte".


Versuche nicht mit deiner Hand, Felswände zu zerreiben!

Harter Granit zerreibt die Hand -

und nicht die Hand den Felsen.

Reib' dich nicht auf, reib' dich nicht ab, doch reibe dich!

Reibung ist ja Lebendigkeit, bringt Wärme!

Ein Leben ohne Reibung wär´auch öd' und kalt.

Reibe dich nur nicht sinnlos an der Wirklichkeit!

Reibe dich in der Wirklichkeit, nicht gegen sie!


Die Wirklichkeit, sie ist mit Allmacht, wie sie ist.

Nutze von dieser Allmacht das, was dir gehört,

das, was dazugehört zu deinem eigenen Leben.

Hier hast du Anteil an der Allmacht,

bist du selbst allmächtig.

Doch wenn du haderst mit dem Teil von ihr,

der außerhalb von dir liegt, jenseits deiner Grenzen,

erklärst du dem Allmächtigen den Krieg,

fängst einen Kampf an, den du nur verlieren kannst,

du schon verloren hast, bevor du ihn beginnst.







Geh bis an deine Mauer


Auch wenn die Kräfte schwinden,

lass dich dennoch nicht geh’ n!

Du musst dich überwinden,

vom Sofa aufzusteh’ n.


Lass dich noch einen Weg geh’ n,

für den die Kraft noch reicht!

Geh’ bis an deine Grenze!

Bis dahin gehst du leicht.

Geh bis an deine Mauer!

Fühle, woraus sie ist -

aus Pappe oder Steinen!

Fühl, ob du stärker bist!

Das kannst du nur erproben,

wenn du bis zu ihr gehst.

Du kannst sie nur berühren,

dann, wenn du an ihr stehst.


Wer schon weit vor ihr steh’ n bleibt,

sobald er sie kann seh’ n,

der kann sie nicht durchschauen,

der kann sie nicht versteh’ n.


Die Augen sagen dir nicht,

woraus sie denn besteht.

Das kann nur der erfühlen,

der bis zur Mauer geht.


Das kann nicht der erspüren,

der vor ihr stehen bleibt.

Das kann nur sicher wissen,

der, der sich an ihr reibt.

Wenn du weit vor ihr steh’ n bleibst,

die Mauer bleibt nicht steh’ n.

Sie kommt dir selbst entgegen,

willst du nicht zu ihr geh’ n.










Gegner, nicht Feind

(Kämpfe für, nicht gegen)


Greif’ nur zum Schwert, um Not zu wenden!

Kämpfe nicht dann, wenn du es gar nicht musst!

Und jeden Kampf, den du vermeiden kannst,

den hast du schon gewonnen.


Doch wenn du doch mal kämpfen musst,

weil jemand dich bedroht mit seinem Schwert,

weil du nicht überhören kannst und willst

dass jemand, von Gewalt bedroht, um Hilfe schreit,

dann kämpfe für, kämpfe nicht gegen!


Kämpfe dann rückhaltlos entschlossen!

Kämpf' ohne Zögern, ohne Zweifel!

Doch kämpf' auch ohne Groll und Hass,

Rache und Zorn, Wut und Verachtung!

Nimm dem, den du bekämpfen musst, nicht übel,

dass er dich durch den Angriff stört,

in deiner Ruhe, deinem Frieden,

dich unerwünscht zum Streiten zwingt!

Und lass’ dich nicht dazu verleiten,

den Hassenden auch selbst zu hassen.

Denn Hass stärkt immer nur den Hass!

Rachsucht vergiftet, Hass verhärtet

und Groll verbittert deine Seele.

Wut macht dich blind, Zorn ungerecht,

Verachtung macht dich überheblich.


Der, den der Hass zum Angriff treibt,

ist nicht nur Täter, ist auch Opfer.

ist selber Opfer seines Hasses.

Der Mensch, der dich zum Kämpfen zwingt,

der ist dein Gegner, nicht dein Feind.

Dein wahrer Feind ist Groll und Hass,

Rache und Zorn, Wut und Verachtung,

nicht nur im Anderen, auch in dir.


Dein Gegner steht im Kampf an deiner Seite,

nicht gegen-über, steht auf deiner Seite -

verbündet mit dir gegen einen Feind,

der euch gemeinsam angreift und bedroht –

Rache und Zorn, Wut und Verachtung, Groll und Hass.






Kommentar:


I.

Wenn du kämpfst, dann kämpfe wie ein Profi,

der eben seinen Job macht,

der tut, was hier und jetzt zu tun ist,

der seinen Job gut machen will,

der weiß, dass er seinen Job gut machen kann!

Kämpf' souverän

mit selbstverständlicher Gelassenheit!





Was es heißt, ohne Hass, Wut und Verachtung zu kämpfen, zeigt das indische Nationalepos Mahabharata. Die Helden in diesem Epos sind fünf Brüder, die Söhne des Pandu, die Pandavas. Weil es die Pflicht eines Kriegers erfordert, müssen sie gegen ihre Vettern Krieg führen, die Kurus, die diesen Kampf wegen ihrer vielen Schandtaten durchaus verdient haben. Aber nicht nur gegen sie, sondern auch gegen den gemeinsamen Großvater und gegen den gemeinsamen Lehrer, die eigentlich lieber gar nicht kämpfen würden oder, wenn sie es müssten, auf der Seite der Pandu-Söhne. Doch alte Versprechen und Verträge, die Pflicht eines Kriegers, loyal zu sein, zwingen sie dazu, für die, die im Unrecht sind und die sie weniger lieben, gegen die zu kämpfen, die im Recht sind und die sie mehr lieben.

Und sie wissen, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen können. Denn auf der Seite der Pandavas steht der Gottmensch Krishna, der sie zu einem sicheren Sieg führen wird.

Sie kämpfen, weil es die Pflicht gebietet, den aussichtslosen Kampf - mit vollem, rückhaltlosem Einsatz, mit allen Stärken, mit ihrer ganzen Kraft. Doch sie kämpfen ohne Hass, kämpfen mit Liebe gegen die, die sie lieben. Sie kämpfen, um ohne Hass zu töten, um mit Liebe zu töten, um die zu töten, die sie lieben.



Wenn du kämpfen musst,

weil es die Pflicht erfordert,

dann lerne, zu kämpfen wie ein Krieger:

ohne Hass zu kämpfen, ohne Hass zu töten

mit Liebe zu kämpfen, sogar mit Liebe zu töten!

Denn der Andere ist dein Gegner, nicht dein Feind.



Ein nur kurzer, doch zu Recht berühmter Auszug aus dem Mahabharata ist die Bhagavad-Gita, das großartige Lehrgedicht, in dem Krishna seinem Freund und Schüler Arjuna in einmaliger Weisheitsdichte das Wissen vom „rechten Handeln“, das gleichzeitig Nicht-Handeln ist, vom selbst-losen, ego-freien Handeln für das Wohl des Universums verkündet.

„...der große Krishna lehrt (ihn), dass der Mensch erst weise wird, sich erst verbindet mit dem Göttlich-Unvergänglichen, wenn er seine Taten verrichtet, weil die Taten im äußeren Verlauf der Natur- und Menschheitsentwicklung sich als notwendig ergeben, dass aber der Weise sich loslösen muss von diesen Taten. Er tut die Taten, doch etwas ist in ihm, was zugleich wie ein Zuschauer ist gegenüber diesen Taten, was keinen Anteil nimmt an ihnen, was da sagt: ich tue das Werk, aber ich könnte ebenso gut sagen, ich lasse es geschehen.“

(Rudolf Steiner, Die Bhagavad Gita und die Paulusbriefe)



II.

Letztlich ist es auch nicht sinnvoll, Zorn und Hass etc, agressive und destruktive Gefühle in der eigenen Innenwelt, als Feind zu betrachten. Sie sind nicht "böse", Übel, die bekämpft und vernichtet werden müssen. Sie sind einfach falsch, Irrtümer, die berichtigt werden müssen. Weil sie unwahr sind, sind sie schädlich und ungesund, sind nicht heil und schaffen deshalb Un-heil. Weil sie krank sind, brauchen sie einen Arzt, keinen Krieger, der sie vernichtet.



Du hast niemanden als Feind.

Auch nicht dich selbst.

Mache dir nicht dich selbst zum Feind!



Wer gegen andere kämpft,

bekämpft auch oft sich selbst.

Weil er kämpft gegen andere,

bekämpft er auch sich selbst.

Der, der sich selbst bekämpft,

kämpft oft auch gegen andere.

Weil er sich selbst bekämpft,

kämpft er auch gegen andere.




Kämpfe nach außen nur,

wenn du es musst!

Kämpf' gegen andere nur,

wenn es die Not erfordert

(es not-wendig ist)!

Kämpf' dann, ohne zu kämpfen!

Kämpfe nach innen nie!

Kämpf' nie gegen dich selbst!

Das musst du nie.

Nie fordert es die Not.









Wer (nicht) kämpft



Wer kämpft, kann verlieren.

Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

(Brecht)


und:


Wer kämpft, hat schon verloren.

Wer nicht kämpft, kann nicht verlieren.




PS: Jeder vermiedene Kampf ist ein gewonnener Kampf.

(Karateregel)












Die Wirklichkeit geschieht

Sieh alles, was es gibt!

Sieh alles, was geschieht!

Und denke dabei niemals:

„Das dürft‘ es gar nicht geben,

das dürfte nie gescheh‘ n.“

Sieh alles, was getan wird!

Sieh das, was jemand tut!

Und denke dabei niemals:

„Wie kann man so was tun?!“

Denke: „Ach so, das tut er.

Was kann ich denn jetzt tun?

Was ist denn meine Antwort

auf das, was er da tut?“



Kommentar:

Manchmal erzähle ich Patienten/Patientinnen folgende Geschichte:


Stellen Sie sich vor, Sie gehen über diesen Parkplatz und ein Riese, viel größer und stärker als Sie, rennt mit einem langen Messer auf Sie zu. Natürlich können Sie in dieser Situation denken: „Das ist doch unerhört! Wie kann denn dieser Kerl, drei mal so stark wie ich, mich, der ich unbewaffnet bin und mich doch gar nicht wehren kann, mit diesem Messer angreifen. Ich hab dem doch gar nichts getan. Das ist doch völlig unfair. Das dürfte es doch gar nicht geben. Den sollte man sofort einen Kopf kürzer machen!“ Natürlich können Sie das alles denken und dementsprechend Empörung, Entrüstung fühlen. Das hat nur einen erheblichen Nachteil: Sie sind sprachlos und gelähmt, handlungsunfähig und werden abgestochen. Jeder einigermaßen vernünftige Mensch wird in einer solchen Situation gar nicht denken, sondern handeln. Und wenn er etwas dächte, würde er sehr wahrscheinlich etwa Folgendes denken: Es ist mir im Moment völlig egal, ob das, was der da tut, fair oder gerecht ist, ob er es tun sollte oder tun darf. Ich verzichte einfach darauf, zu bewerten, was er tut. Ich mache mir auch keine Gedanken darüber, warum er es vielleicht tut. Ich nehme schlichtweg als Tatsache zur Kenntnis, dass er mich mit einem Messer angreift. Dann bin ich nämlich frei, mich ausschließlich mit dem zu beschäftigen, was jetzt alleine wichtig ist, der Frage: Wie finde ich eine günstige eigene Position zu dieser Tatsache. Wenn Sie jetzt zufälligerweise Olympiasiegerin in Karate wären, wäre es vielleicht eine günstige Position, auf den Angreifer zuzugehen und ihm das Messer abzunehmen. Sie würden sich vielleicht sogar darüber freuen und denken: „Endlich mal eine Gelegenheit, in einer wirklichen Situation zu zeigen, was ich kann.“ Wenn Sie aber nicht Olympiasiegerin im Karate sind, was ich für wahrscheinlicher halte, besteht die günstige Position einfach darin, den Abstand zu vergrößern








Langkofelblick

Der Langkofel reckte sich wie immer in die Höhe und sah von oben auf sein Gegenteil: die Rinne, die von den Menschen, diesen winzigen Wesen, die vor Kurzem in großen Scharen zu seinen Füßen aufgetaucht waren, Eisacktal genannt wurde.

Das hatte er schon getan, als Tausende von diesen Wesen, die sich Römer nannten, durch diese Rinne in das Nordland zogen, das jenseits seiner großen Brüder lag, um andere solche Winzlinge mit spitzen, scharfen Eisenstäben zu erschlagen, wobei sie allerdings mit Entsetzen die Erfahrung machen mussten, dass sie selbst gerade von denen, die sie doch erschlagen wollten, erschlagen wurden. (Die Menschen nannten dieses Abschlachten die „Schlacht im Teutoburger Wald“.)

Er hatte auf diese Rinne geschaut, als – gemessen an der Lebensspanne eines Berges – kurze Zeit später Nachkommen derer, die diese Römer erschlagen hatten, in das Land zogen, aus dem die Römer gekommen waren, um ihre Eisenstäbe gegen andere Winzlinge aus dem Nordland zu erheben, die schon vor ihnen in dieses Land gewaltsam eingefallen waren.

Und er schaute auch jetzt auf dieses Tal, in dem sich die meisten Winzlinge nicht mehr auf ihren eigenen Füßen bewegten, sondern viel schneller in engen Behältern aus Blech, für die sie extra eine lange Schiene aus Beton gebaut hatten.

Unter dem Langkofel lief eine kleine Schar dieser Wesen über eine der Wiesen, auf denen unzählige Krokusse – von der behindernden Schneelast befreit – dankbar die Sonne begrüßten.

Doch sie sahen nicht die Pracht zu ihren Füßen, auch nicht das Wunder über ihren Köpfen, den mächtigen, zum Himmel ragenden Berg. Sie waren gefangen in ihren Köpfen. Sie schufen sich gerade in ihren Köpfen Bilder, von denen sie nicht wollten, dass sie auch außerhalb der Köpfe Wirklichkeit werden, und wurden jetzt von ihren eigenen Schöpfungen gefesselt und gequält. Der Langkofel hörte, wie einer von ihnen sagte: „Wenn wir Deutschen in 1000 Jahren über den Brenner fahren, werden wir nur noch Moscheen sehen, keine Kirchen mehr; und das Land hier wird auch nicht mehr Italien heißen, sondern Khalifat Süd-West.“

Der Langkofel gähnte gelangweilt: „Mir ist es völlig gleichgültig, für mich ist es unbedeutend, welchen Namen mir irgendwelche dieser Winzlinge geben. Ich bleibe derselbe Berg, ob ich nun Langkofel, Sassolungo oder Dschebel Sahlom heiße."

Er lächelte und dachte: „Wie unvernünftig sind doch diese Menschen! Sie machen sich durch ihren Kopf so unnötig das Leben schwer, weil sie das, was sie in ihren Köpfen erschaffen, so wichtig nehmen, viel zu wichtig. Sie halten sich für so klug und blicken hochmütig auf die Kühe, die sie anscheinend vor meine Füße mitgebracht haben, als „dummes Rindvieh“ herab. Dabei könnten sie von diesen verachteten Kühen einiges lernen: die Kühe wissen, dass es nur wichtig ist, einfach wie eine Kuh zu leben. Die Menschen wissen anscheinend nicht, dass es nur wichtig ist, einfach als Mensch zu leben.

















Violett


Natürlich kann ich mir die Frage stellen:

"Ist violett blau oder rot?"

Dann sag' ich manchmal:

"Violett ist blau - nicht rot."

Und sage manchmal:

"Violett ist rot - nicht blau."

Schwankend im Zweifel,

hin und her.

Ich kann auch sagen:

"Violett ist rot und blau,

ist einfach beides."


Ich kann auch sagen.

"Violett ist weder rot noch blau,

ist einfach keins von beiden."

Und ich kann einfach sagen.

"Violett ist violett."

Ohne Frage.






Kommentar:


Wenn ich eine Frage stelle, stelle ich die Einfachheit in Frage. Ich denke zwei-fach.

Ich verlasse das Reich der Eins, betrete das Reich der Zwei.

Es gibt dann vier Antworten.

Zwei davon sind zwei-fach.

Sie führen oft in Zweifel, oft auch zu Zwie-tracht.

Die beiden anderen führen zurück zur Einfachheit.

Und natürlich kann ich die Frage in Frage stellen.

Ich kann mich fragen, ob ich die Frage stellen muss,

ob es übehaupt sinnvoll ist, sie zu stellen.

Dann führt mich eine Frage vor die Frage zurück.

Dann bin ich wieder einfach - ohne Frage.

Und natürlich kann ich die Frage erst gar nicht stellen,

einfach in der Einfachheit bleiben,

ohne Frage, die herausführt,

ohne Frage, die zurückführt -

Einfach ohne Frage.



Ein "Parallelgedicht":








Ziegenfüße - Menschenfüße



Genoveva Ziegenzahn

litt an einem schlimmen Wahn:

weil sie doch wie Ziegen hieße,

hätte sie auch deren Füße.



Gegen jeden klugen Rat,

tanzte sie auf schmalem Grat,

stürzte ab, brach sich die Beine,

Gott sei Dank nur die alleine.



Beglückt, dass sie vom Leid genesen,

das ihr schweres Los gewesen,

schrieb ich: „Genni, liebe Grüße!

Sei froh! Auch du hast Menschenfüße.“















Wirklichkeit und Wahrheit


„Du sollst nicht morden“

bleibt auch wahr, bleibt richtig,

wenn es ein Mafia-Killer sagt,

ein Kinder-, Massen-, Völkermörder.


Auch wenn er, was er sagt,

nicht wirklich lebt, nicht wirklich macht,

ist deshalb, was er sagt, nicht un-wahr,

wird dadurch nicht falsch.


Der, der es sagt, ist sicher un-glaubwürdig.

Dass er das, was er sagt, auch wirklich glaubt,

kann man nicht wirklich glauben.

Das, was er sagt, ist dennoch glaubenswert.


Wahrheit bleibt wahr auch dann,

wenn sie missbraucht wird

zur Macht durch Heuchelei und Täuschung.

Wahrheit bleibt wahr,

auch wenn sie nicht gelebt wird.



Glaube nicht nur an das, was jetzt gelebt wird!

Auch was noch nicht gelebt wird, ist schon wahr.

Dass jemand anfängt, es zu leben, das ist wichtig.

Und dieser Mensch, warum bist das nicht du?

Auch was nicht mehr gelebt wird, bleibt noch richtig.

Bleibe der Wahrheit treu, die nicht mehr zeitgemäß!


Du selbst entscheidest dadurch, wie du lebst,

ob Wahrheit wirklich ist im Leben,

ob Wahrheit wirkend ist im Leben.




Kommentar


Als der idealistische Philosoph Hegel einmal eine Vorlesung hielt, soll einer der Zuhörer nach seinem Vortrag zu ihm gesagt haben:

„Aber Herr Professor, ihre Ideen passen doch gar nicht zur Wirklichkeit!“

Hegel soll geantwortet haben: „Das wäre dann sehr schlecht für die Wirklichkeit.“





Das, was ich als Rudolfo schreibe,

das bleibt dann, wenn es wahr ist, wahr,

wenn ich als Hartmut es nicht lebe.


Und diese Zeilen, die ich schrieb,

sie sind dann, wenn sie wahr sind, wahr,

auch wenn sie niemand lesen wird.


Das, was ich als Rudolfo schreibe,

das bleibt dann, wenn es wahr ist, wahr,

wenn nicht mal Hartmut es versteht.





Dazu noch einmal Hegel.

Der soll, als er im Sterben lag, gesagt haben:

„Einen gab es, der hat mich verstanden.

Und der hat mich missverstanden.“










Wahr und Schön


„Wenn etwas wahr ist, doch nicht angenehm –

sag’ es nicht!


Wenn etwas angenehm ist, doch nicht wahr –

sag’ es nicht!


Wenn etwas wahr ist und auch angenehm ist,

finde den richtigen Zeitpunkt, es zu sagen!“

(Buddha)





Unser türk. Reiseleiter in Marokko erzählte einmal, wodurch sich seiner Erfahrung nach deutsche von türkischen Reisegruppen unterscheiden. Angenommen, eine Frau aus der Gruppe hätte in der Mittagspause einen Teppich gekauft und wird jetzt im Bus gefragt, was sie denn dafür bezahlt hat. Ein Mitreisender hat gesehen, dass derselbe Teppich zwei Geschäfte weiter nur die Hälfte gekostet hätte.


Wäre dieser Mitreisende ein Türke, würde er sagen.

„Da haben Sie ja ein Schnäppchen gemacht. Der würde bei uns in Istanbul das Doppelte kosten.“ Was sogar stimmen würde.

Der deutsche Mitreisende würde sagen:

„Den habe ich im Laden daneben für die Hälfte gesehen.“




Ein Europäer sagt, was wahr ist

auch wenn es gar nicht schön ist

auch wenn es gar nicht nötig ist,

auch wenn es gar nicht hilfreich ist.


Ein Orientale sagt, was schön ist,

auch wenn es gar nicht wahr ist,

dann, wenn es für ihn nützlich ist,

wenn es für andere hilfreich ist.

















Wahrheit

Die Wahrheit wissen, ist,
zu wissen das, was ist,
zu wissen, dass ich weiß,
zu wissen, was ich weiß.

Die Wahrheit wissen, ist,
das, was nicht ist, zu wissen,
dass ich nicht weiß, zu wissen,
was ich nicht weiß, zu wissen.

Die Wahrheit sagen, ist,
zu sagen das, was ist,
zu sagen, dass ich weiß,
zu sagen, was ich weiß.

Die Wahrheit sagen, ist,
das, was nicht ist, zu sagen,
dass ich nicht weiß, zu sagen,
was ich nicht weiß, zu sagen.



Stelle keine Fragen,
wo es Antworten gibt.
Lebe Antworten!

und

Lüge keine Antworten,
wo es nur Fragen gibt!
Stelle Antworten in Frage!







Kommentar.

In den folgenden Zeilen

bedeutet „sagen“:

behaupten, zu wissen,

dass etwas un-wahr oder wahr ist

(im Sinne Ludwig Wittgensteins)




Was (nicht) gesagt werden kann




Was gesagt werden kann,

kann klar gesagt werden.

Was nicht klar gesagt werden kann,

kann gar nicht gesagt werden.

Was nicht klar gesagt werden kann,

sollte gar nicht gesagt werden.

Was nicht gesagt werden kann,

kann durch Nicht-Sagen gesagt werden.


Wenn ich weiß,

was gesagt werden kann,

wenn ich weiß,

was nicht gesagt werden kann,

sind keine Fragen offen,

auf die Antworten sagbar sind.


Doch was ich sagen kann,

das hat nicht viel zu sagen.

Was mir etwas zu sagen hat,

kann ich nicht sagen.

Das Wesentliche ist nicht sagbar.

Das Wichtige ist un-sagbar.

(kann sich jedoch als möglich zeigen,

ist erfahrbar, dadurch lebbar)


Wäre es sagbar, wären wir nicht "frei"

könnten wir nichts entscheiden.

Ob Istanbul in Spanien liegt,

können nicht wir entscheiden.

Das ist entschieden durch die Wahrheit.

Doch was gerecht ist, ob was schön ist,

was glücklich macht, dem Leben Sinn gibt,

das können nur wir entscheiden.

Denn das können wir nicht sagen.


Doch eines kannst du immer sagen:

Was jetzt so da ist, wie es jetzt erscheint,

das ist da – als Erfahrung, die sich zeigt.

Lass’ die Erfahrung doch nur auf sich selber zeigen.

Sage doch nur, dass sie sich zeigt, wie sie sich zeigt.

Vielleicht musst du ja gar nichts anderes sagen.

Vielleicht ist es genug, nur das zu sagen.


Du schreibst in deinem Leben, durch dein Leben,

gewiss einen Roman,

jedoch vielleicht kein Lehrbuch.




PS:

Diese Zeilen sind natürlich nicht die Wahrheit,

die ich sage.

Sie sind nur eine mögliche Sichtweise,

die ich auf- zeige.


Andre' Heller würde vielleicht sagen:

"Das ist nur eine Meinung,

von einem, der meint,

er habe eine Meinung."


Doch kann ich sagen:

"Ich hab' sie geschrieben."

Du kannst sagen:

"Ich hab' sie gelesen."










Am Ende gleich


Es gibt Bäche, Flüsse, Ströme,

schmale, breite, kurze, lange.

Sie sind viele, fließen anders.

Doch am Ende münden alle

in dasselbe eine Meer.


Es gibt Arme, es gibt Reiche,

gibt Gesunde und gibt Kranke.

Menschen leben ganz verschieden.

Doch am Ende aller Leben

steht für jeden gleich der Tod.





Kommentar:



Regen, Hagel und Schnee sind verschieden.

Doch wenn sie gefallen sind,

werden sie alle zum gleichen Wasser

des Flusses im Tal.


Viele Wege führen den Berg hinauf.

Doch auf dem Gipfel sehen wir alle

den einen strahlenden Mond.


(Ikkyù, Gedichte von der verrückten Wolke)








Die letzte Zeile


Wie wäre es für mich, schon jetzt zu sagen

(und nicht erst dann, wenn ich es sagen muss):

„Die letzte Zeile hab’ ich nun geschrieben.

Auf keinem Blatt wird eine weitere steh’n.“

Wäre ich traurig, wäre ich erleichtert?

von Druck entlastet, Zwang und Last befreit, ,

oder verarmt, gehemmt, behindert durch mich selbst ?

Würde ich sagen: „Endlich muss ich nichts mehr schreiben,

krampfhaft nach Worten suchen, die im Rhythmus fließen.“

Oder: „Ich hab’ mir selber Fesseln angelegt.“


Ich weiß nicht, wie es wirklich für mich wäre.

Vielleicht würde ich beides fühlen, merkwürdig vermischt:

leichtherziges Froh-Sein und entspanntes Ruh’n im Frieden

neben gebremsten Lebenswillen und gestauter Kraft.







Kommentar:


Die letzte Zeile, wohl geformt aus Worten

das letzte Bild, "mit Licht gemalt" (Photographie)

der letzte Schritt auf unbetretenes Land

das letzte Gespräch, hilfreich geführt


das hat die entlastende, befreiende Endgültigkeit des Todes.

Es stirbt und wird nicht mehr neu geboren, hat keine unberechenbare, unklare, ungewisse, vielleicht belastende und bedrohliche Zukunft mehr, sondern erstarrt zur klaren Gewissheit und Sicherheit, zur gelassenen Ruhe und zum Frieden der Vergangenheit. Es geht nicht weiter. Ich muss nicht mehr weitergehen. Ich bin angekommen.


Und doch scheint es in uns eine starke Kraft zu geben, die sich gegen die Beschränkung auf das so angenehme In-Sich-Ruhen der Vergangenheit wehrt, eine Bereitschaft, dieses harmonische Gleichgewicht aufzugeben, immer wieder das Risiko des Versagens und Scheiterns in Kauf zu nehmen, ein mächtiger Wille, gestaltend zu wachsen und dadurch am Weiterschreiten des Lebens zu immer höheren Formen teilzunehmen.





An Karoline


Zu leben ist der Güter höchstes nicht.

Der Güter höchstes ist es, gut zu leben.

Nicht mehr zu leben, ist der Übel größtes nicht.

Der Übel größtes ist es, schlecht zu leben.

(frei nach Schiller)





»Glückliche, denen vergönnt ist,

zu sterben in der Blüte der Freude,

die aufstehen dürfen vom Mahle des Lebens,

ehe die Kerzen blind werden

und der Wein sparsamer perlt."

(Karoline von Günderrode)






Das ist nicht Negation des Lebens aus Müdigkeit und Dekadenz,

es ist die Negation eines Lebens, das diesen Namen nicht verdient.

(Richard Wilhelm, Die Günderrode)








Kommentar:


Hochrot

Du innig Rot,

bis an den Tod,

soll meine Lieb' dir gleichen,

soll nimmer bleichen.

Bis an den Tod,

du innig Rot,

soll sie dir gleichen.

(Karoline von Günderrode)



Du gabst dir, Karoline, selbst den Tod,

als deine Liebe (scheinbar!) nicht mehr hochrot glühen konnte,

als deine Liebe - wie du dachtest - bleichen musste.


Du hast geglaubt, was du geschrieben hast.

Du hast gelebt, was du geglaubt hast.





Andere Naturen -


ohne deine durch Kargkeit klare, kühne "Männer"-Seele, himmels-stürmend, auf die Erde gezwängt in einen unpassenden, dir fremden Frauenkörper ;

ohne deine Schwermut, die dir ernsthaften Mut gab, dir jedoch auch dein Leben schwierig machte,

ohne deine stand-hafte Charakter-Festigkeit, die keine halbherzigen Kompromisse duldete, dich dazu zwang, einen Weg konsequent zu Ende zu gehen,

ohne deine engende Tiefe, die Handeln im Einklang mit deinen Idealen forderte, dir keinen Spielraum, kein Abweichen erlaubte,

ohne deine Gewissenhaftigkeit, die dich wissen ließ, was du dir schuldig warst, du anderen schuldig bliebst, die dich so lange vorwärts trieb, bis du nichts mehr schuldig warst und bliebst,

ohne deine sowieso stark ausgeprägte Sehnsucht nach dem Tod als Tor zu einem weiteren, höheren, besseren Leben, zum erhabenen Wieder-Eins-Sein mit dem Weltgeist -

hätten vielleicht einen anderen Weg gesehen und gewählt.




Deine Freundin Bettina Brentano,

die spielfreudig Kindliche, munter Leichtherzige,

manchmal Leichtsinnige, manchmal Leichtfertige,

flatterhaft Sprunghafte, Schmetterlingshafte

durchs Leben Huschende, beschwingt Hüpfende,

leichtfüßig durch den Ballsaal Tänzelnde,

die lebhaft Lebendige, vor Lebenslust Fiebernde,

Funken Sprühende, glitzernd Funkelnde,

schillernd in vielen Farben Glänzende,

die Vielbe-gabte, Vielbe-liebte,

vielfältig Liebende und Gebende,

an Oberflächen reich weit in die Breite Lebende,

die unbedacht, unschuldig, unbekümmert

zum Ausdruck brachte und auslebte,

was sie grad zufällig erlebte

hätte sich wahrscheinlich nie selbst das Leben genommen.






" O Jüngling, lern aus der Geschichte,

die dich vielleicht zu Tränen zwingt,

was für bejammernswerte Früchte

die Liebe zu den Schönen bringt.

Ein Beispiel wohlerzogener Jugend,

des alten Vaters Trost und Stab,

ein Jüngling, der durch frühe Tugend

zur größten Hoffnung Anlass gab;


den zwang die Macht der schönen Triebe,

Climenen zärtlich nachzugehn.

Er seufzte, bat um Gegenliebe;

allein vergebens war sein Flehn.

Fußfällig klagt er ihr sein Leiden.

Umsonst! Climene heißt ihn fliehn.

,Ja´schreit er, ,ja, ich will dich meiden;

ich will mich ewig dir entziehn.´

Er reißt den Degen aus der Scheide,

und-- o, was kann verwegner sein!

Kurz, er besieht die Spitz und Schneide,

und steckt ihn langsam wieder ein."

(Christian Fürchtegott Gellert, Der Selbstmord)






Wer A sagt,

muss nicht auch B sagen.


Er kann auch sehen, kann auch sagen,

dass A falsch war, B falsch wäre.

(frei nach Brecht)




















Leben und Tod - beides


Ich glaube an ein Leben nach dem Tod.

Ich glaube an ein Leben vor dem Tod.

Beides.

Hab' keine Angst vor dem Leben!

Es währt ja nicht ewig; es kommt doch der Tod.

Sag' "ja" zum Leben!

Lebe das Leben!

Danke dem Leben!

Liebe das Leben!

Hab' keine Angst vor dem Tod!

Er ist nur das Tor in ein anderes Leben.

Sag' "ja" zum Tod!

Danke dem Tod!

Liebe den Tod!

Lebe den Tod!

Liebe das Jetzt!

Leben und Tod zugleich -

beides.




Kommentar:


Sterben ist nicht nur das Einzige, was jeder sicher muss.

Sterben ist auch das Einzige, was jeder sicher kann.

(nicht immer jetzt, doch immer irgendwann)

Nicht jeder kann gehen.

Nicht jeder kann sehen.

Sterben kann jeder.

Sterben ist sicher.

Und der Tod ist das Einzige, was keiner verlieren kann.

Ich kann ein Bein verlieren.

Ich kann ein Auge verlieren.

Den Tod kann ich nicht verlieren.

Der Tod ist mir sicher.





Der K. d. R.

Die Regenwürmer hatten einen Kongreß einberufen.
Es war ein moderner Kongreß. Darum hieß er nicht der Kongreß der Regenwürmer, sondern der K.d.R. Der K.d.R. tagte im Garten an einer recht staubigen Stelle. Es wurden nur Fragen der Bodenkultur erörtert. Weiter geht der Horizont der Regenwürmer nicht. Sie kriechen auf der Erde und essen Erde. Es sind arme bescheidene Leute, aber sie sind nützlich und notwendig. Die Erde würde ohne sie nicht gedeihen. Ihre Arbeit muß verrichtet werden. Es war Abend. Die Dämmerung lag auf den Wegen, auf denen der K.d.R. zusammengekrochen war.
Ein langer alter Regenwurm hatte den Vorsitz übernommen. Er besprach Fragen lokaler Natur, die Bodenverhältnisse des Gartens, in dem man arbeitete. Es waren erfreuliche Resultate.
»Wir sind schon recht tief in die Erde eingedrungen«, sagte der Präsident des K.d.R. »Wir haben viele Erdschichten an die Oberfläche befördert, von denen niemand vorher etwas wußte. Wir haben sie zerlegt und zerkleinert. Aber die Erde scheint noch tiefer zu sein, als wir dachten. Sie scheint noch mehr zu bergen, als wir heraufgeschafft haben. Wir müssen fleißig weiter überall herumkriechen und Erde essen. Es ist eine große Aufgabe. Damit schließe ich den K.d.R.«
Er ringelte sich verbindlich.
Der offizielle Teil des K.d.R. war erledigt.
Man bildete zwanglose Gruppen mit Nachbarn und Freunden und sprach über die Praxis der Gliederbildung. Man wollte allerseits lang werden. Darin sah man den Fortschritt. Neue Methoden hierfür waren stets von Interesse. –Die allerneueste Methode, lang zu werden«, sagte ein junger Regenwurm, »heißt ›Ringle dich mit dem Strohhalm‹. Das stärkt die Muskeln und zieht die Glieder auseinander. Sehen Sie – so!«
Er tastete nach einem Strohhalm und demonstrierte die neue Methode energisch und mit Überzeugung. Dabei stieß er an etwas an. Er fühlte, daß es rauh und haarig war. »Nanu, was ist denn das? Das hat ja Haare und bewegt sich!« Er ringelte sich ängstlich vom Strohhalm los.
»Verzeihen Sie, ich war so müde. Da hab ich mich auf den Strohhalm gesetzt«, sagte das Etwas mit Haaren. »Wer sind Sie denn?« fragte der Regenwurm und kroch vorsichtig wieder näher.
»Ich bin Raupe von Beruf. Ich hätte mich gewiß nicht auf den Strohhalm gesetzt, aber ich bin so sehr müde. Ich habe einen so langen Weg hinter mir. Ich bin immer im Staub gekrochen. Nur selten fand ich etwas Grünes. Ich bin ein bißchen schwächlich, schon von Kind an. Es ist auch so angreifend, bei jedem Schritt den Rücken zu krümmen. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich bin zu müde. Sterbensmüde.« Die Raupe war ganz verstaubt und erschöpft. Ihre Beinstummel zitterten.
Der gesamte K.d.R. kroch teilnahmsvoll heran.
»Sie müssen sich stärken«, sagte ein Regenwurm freundlich. »Sie müssen etwas Erde zu sich nehmen.«
»Nein danke«, sagte die Raupe, »ich bin zum Essen zu müde. Mir ist überhaupt so sonderbar. Ich will nicht mehr auf der Erde kriechen.«
»Aber ich bitte Sie«, sagte der Präsident des K.d.R. »Das ist das Leben, daß man auf der Erde kriecht und Erde ißt. Wenn man das nicht mehr kann, stirbt man. Man soll aber leben und recht lang werden. Ich kann Ihnen verschiedene Methoden empfehlen. Es ist Makrobiotik.« »Ich glaube, daß man nicht stirbt«, sagte die Raupe. »Wenn man zu müde ist und nicht mehr auf der Erde kriechen kann, verpuppt man sich, und nachher wird man ein bunter Falter. Man fliegt im Sonnenlicht und hört die Glockenblumen läuten. Ich weiß nur nicht, wie man es macht. Ich bin auch viel zu müde, um darüber nachzudenken.«
Die Regenwürmer ringelten sich aufgeregt und ratlos durcheinander.
»Fliegen? – Sonnenlicht? – Was heißt das? – So was gibt's doch gar nicht! – Sie sind wohl krank?«
»Sie gebrauchen solche kuriosen Fremdworte«, sagte der Präsident des K.d.R. »Ihnen ist einfach nicht wohl!« Die Raupe antwortete nicht mehr. Sie war zu müde. Sterbensmüde. Sie klammerte sich an den Strohhalm. Dann wurde es dunkel um sie.
Aus ihr heraus aber spannen sich feine Fäden und spannen den verstaubten sterbensmüden Körper ein. »Das ist ja eine schreckliche Krankheit«, sagten die Regenwürmer.
»Es ist ein Phänomen«, sagte der Präsident des K.d.R. »Wir wollen es beobachten.«
Einige Kapazitäten nickten zustimmend mit den Kopfringeln.
Es vergingen Wochen. Der Präsident des K.d.R. und die Kapazitäten krochen täglich an das Phänomen heran und betasteten es. Das Phänomen sah weiß aus. Es war ganz versponnen und lag regungslos am Boden.
Endlich, in der Frühe eines Morgens, regte sich das versponnene Ding. Ein kleiner bunter Falter kam heraus und sah mit erstaunten Augen um sich. Er hielt die Flügel gefaltet und verstand nicht, was er damit sollte. Denn er hatte vergessen, was er als Raupe geglaubt und gehofft hatte – und wie müde er gewesen war, sterbensmüde .. .
Die Flügel aber wuchsen im Sonnenlicht. Sie wurden stark und farbenfroh.
Da breitete der Falter die Schwingen aus und flog weit über die Erde ins Sonnenlicht hinein.
Die Glockenblumen läuteten.
Unten im Staube tagte der K.d.R.
Man hatte die leere Hülle gefunden, und alle Kapazitäten waren zusammengekrochen.
»Es ist nur ein Mantel«, sagte die erste Kapazität enttäuscht.
»Die Krankheit ist allein zurückgeblieben«, sagte die zweite Kapazität.
»Der Mantel ist eben die Krankheit«, sagte die dritte Kapazität.
Hoch über ihren blinden Köpfen gaukelte der Falter in der blauen sonnigen Luft.
»Nun ist es ganz tot", sagten die Regenwürmer.
»Resurrexit!« sangen tausend Stimmen im Licht.

(Manfred Kyber, Tiergeschichten)




Leben ist Tod.

Tod ist Leben.


Für die Seele, die vom Himmel kommt,

ist die Geburt ein Tod (Empedokles).

Für die Seele, die zum Himmel geht,

ist der Tod eine Geburt.









Ein Weg



Vor deinen Füßen liegt ein Weg, der schwierig ist?

Du klagst, der Weg sei dir zu eng und steil?



Sei froh und freu‘ dich: Du siehst einen Weg.

Du hattest keinen mehr so lange Zeit.

Du warst auf einem Weg, der keiner war.

Du gingst auf einem Weg, der zu nichts führte.

Du liefst im Niemandsland ins Nirgendwo.

Du gingst durch flaches Land,

doch drehtest dich im Kreis.



Dein Weg ist eng? Dein Weg ist steil?

Sei froh! Denn du hast einen Weg.

Und jeder Weg ist besser als im Kreis zu laufen.






Falsche Wege

Solang' ich falsche Wege geh',

weiß ich: "Ich kann noch geh' n.

gelähmt sind meine Füße nicht.

Sonst blieben sie ja steh' n."

Solang ich falsche Dinge tu,

weiß ich: Ich kann was tun.

Gefesselt sind die Hände nicht.

Sonst müssten sie ja ruh' n."








Richtungen


Ich bin in viele Richtungen gegangen.

Und keine davon war die einzig richtige.

In jeder Richtung war mein Blick befangen –

weil ich sie ansah als die einzig wichtige.


Doch jede habe ich im Lauf der Zeit verloren,

für eine andere, scheinbar bessere verraten.

Bei jeder nächsten fühlte ich mich neu geboren,

mit frischem Wind bereit zu Jugendtaten.


Jetzt hab’ ich auch den letzten Weg verlassen:

Abseits vom Lärm der Straße – ganz alleine

kann ich hier aus der Ferne nun erfassen:

Jede war richtig, einzig richtig keine.











Im Ruhe-Stand
(Rentnerlied)



Ich bin jetzt kein Gestalter mehr,

bin nur noch ein Verwalter,

der, was schon ist, lebendig hält,

gleich jung in jedem Alter.


kein Schöpfer mehr, nur noch Geschöpf;

ich bin jetzt, was ich schuf,

erschaffe es für immer neu,

bin nicht mehr im Beruf.

Ich bin zu nichts berufen mehr,

niemand ruft mich zur Pflicht.

Kein Anderer sagt mir noch: "Du musst!" -

und auch ich selber nicht.

Ich will jetzt keine Worte mehr

fügen zum Reim-Gedicht,

will sie nicht mehr bedeutsam machen,

belasten mit Gewicht.

Erleichtert will ich lachen,

weil nichts ich wichtig nehm' ,

nicht Tongefäße brennen,

matschen im feuchten Lehm.






Kennen und können
(In der Tanzschule auf Level 4)


Das, was wir kennen, ist nicht viel -

das, was wir können, auch nicht.
Doch, was wir können, wissen wir.

Wir können, was wir kennen.









Flache Wege, steile Wege


Ich kann noch Wege geh’n, die eng und steil sind,

nicht nur die breiten, flachen und bequemen.

Dafür danke ich Gott, für den gesunden Körper,

den er mir gnädig unverdient gegeben hat.

Dass der noch stark genug für solche Wege ist,

dazu hab’ ich nur wenig beigetragen:

dass ich ihn nicht durch Gifte, Laster, Raubbau selbst geschädigt,

dass ich ihn nur in Maßen selbst geschwächt hab' .


Ich will noch Wege geh’n, die eng und steil sind,

nicht nur die breiten, flachen und bequemen.

Dafür dank' ich mir selbst, für diese Haltung,

die ich aus eigenem Willen frei für mich gewählt,

für mich geschaffen und erhalten hab’,

die auch kein Gott mir jemals gnädig schenken könnte,

weil ich mich immer wieder neu für sie entscheiden muss.


Ich will nicht nur behäbig und gemütlich schlendern

über gepflegte Promenaden und durch Schlossalleen,

auf Prachtboulvards, vorbei an Stadtpalästen,

nicht nur spazieren über schnurgerade Straßen,

geglätteten Asphalt bei jedem leichten Schritt,

den meine Füße auch alleine sicher fänden,

mit offenen Augen träumend - oder sogar blind.


Ich will auch wandern auf gewundenen Hirtenpfaden,

die ich mit Kraft ersteigen muss von Stein zu Stein,

auf denen ich die wachen Augen dazu nutzen muss,

vor jedem nächsten Schritt achtsam zu prüfen,

ob ich ihn sicher auch auf festen Boden setze

statt auf Geröll, das rutscht oder Gestein, das bröckelt.


Doch will ich nicht dort übermütig klettern,

wo Mauern oder Balken nicht mehr sperrend schützen,

Seile dem Griff der Hände keinen Halt gewähren,

Leiter die Füße nicht mehr sichernd stützen,

wo in der Schlucht hoch in der glatten Felswand,

tödlicher Absturz droht bei jedem falschen Schritt,

der ja geschehen kann, obwohl ich wachsam bin,

nicht Schrammen, Wunden oder schlimmstens Brüche,

wenn ich auf steilen Wegen stolper, rutsche oder falle.



Wer nur noch im Berechenbaren lebt,

im schon Vertrauten und schon lang Gewohnten,

erschlafft, ermüdet und schläft gähnend ein.

Ein Leben, nur entspannt, ist nicht mehr spannend.

Ich steiger' meine Kraft nur, wenn ich steige,

auf flachem Grund schwindet sie mehr und mehr.

Und meinen Mut kann ich mir nur dadurch bewahren,

dass ich mich immer neu in Unbekanntes wage.

Das Spiel des Lebens macht nur Sinn durch vollen Einsatz.

Jedoch es tollkühn-leichtsinnig aufs Spiel zu setzen,

das ist nur Unsinn, Wahnsinn - Übermut, kein Mut.









Noch immer - nicht mehr


Heute will ich immer noch.

Morgen will ich nicht mehr.

So geht es hin und her.

Dies Hin-und-Her,

will ich das noch,

will ich das jetzt nicht mehr?

Ich weiß es nicht.

Dies Hin-und-her,

das will ich manchmal immer noch,

will es manchmal nicht mehr.














Ein guter Tag zum Sterben


Ich denke wie die alten Indianer:
„Heute ist doch ein guter Tag zum Sterben.“
Nicht, weil ich Gold und Silber in den Händen halte,
sondern weil nichts mehr vor den Händen liegt,
wonach zu greifen sich noch scheinbar lohnt.


Die Götzen, die es gab, sind alle fort, endlich gestorben -
nicht mit Gewalt vertrieben und im Kampf getötet,
sondern gelangweilt freiwillig gegangen,
verhungert und verdurstet eingeschlafen,
weil ich sie nicht mehr durch Beachtung an mich band,
sie zwar noch wahr-, jedoch nicht länger ernst nahm,
nicht mehr durch Wichtigkeit ernährte und am Leben hielt.
Bestimmt wird es mal wieder neue geben,
vielleicht schon bald; es gibt so viele Götzen.
Doch heute ist kein einziger mehr da,
kein einziger, der lügt: „Ich wende Not.“


Nichts trübt daher mein Glück, stört meinen Frieden;
kein Traum, der mich verführt, kein Ziel, das täuschend lockt,
auch keine Frage, die auf Antwort drängt.
Ich blick´ auf nichts, was offen bleibt, zurück,
nichts, was noch wartet darauf, dass ich es gestalte,
niemand, der wartet darauf, dass ich etwas sage.


So gut wie heute wird kein Tag mehr werden.
Von nun an kann es nur noch abwärts geh’n.
Der Strom der Zeit, er sollte nicht mehr weiterfließen,
zum sel’gen Glück des ewigen Augenblicks gerinnen,
das, was jetzt da ist, so erstarren, wie es ist.
Die Uhren müssten heute einfach stehen bleiben,
das Rad der Stunden dürfte sich nicht weiterdreh’n.
Wäre das möglich, es wär wunderschön.










Zuletzt




Wohl ist es wahr, in Kurzem wird verhallen

das Zischen und das Klatschen um uns her.

Und Lob und Tadel hören wir nicht mehr.

Wir treten ab, - der Vorhang ist gefallen.


Denn einer großen Bühne gleicht das Leben,

wo jeder Mensch als Künstler sich versucht.

Wohl uns, wenn als des Spieles letzte Frucht

die Edlen uns ein leises „Bravo“ geben.


Das Stück ist aus, die Fackeln sind verglommen.

Doch noch ein unsichtbarer Zeuge bleibt,

der in sein Buch mit ew’ gen Lettern schreibt

das Gute, das er hat von uns vernommen.


(Stine Andresen, leicht geändert)






Kommentar:


Auf der Bühne ist der Platz begrenzt.

Den Platz, den wir ein-nehmen,

nehmen wir anderen weg.

Wir müssen ihnen Platz machen.

Nur, wenn wir abtreten,

können sie auftreten.

Nur, wenn wir keine Rolle mehr spielen,

können sie eine Rolle spielen, ihre Rolle spielen.

Und das Stück geht weiter -

auch ohne uns.




Steve Jobbs

(als er schon wusste, dass er Krebs hatte):

„Der Tod ist das Fortschrittlichste, was es gibt.

Er schafft Platz für Neues.“






Moorhenne ergriff während eines Treffens das Wort und fragte:

"Maulwurf erzählte mir, dass Ihr vor einiger Zeit sagtet,

man gebe sein gesamtes Hab und Gut weg, wenn man stirbt.

Ich habe darüber nachgedacht,

es ist mir jedoch immer noch nicht klar geworden."

"Was ist daran nicht klar?", fragte Meister Rabe.

"Bleibt irgendetwas zurück?", fragte Moorhenne.

"Eine ganze Menge", entgegnete Meister Rabe,

"der Mond, der Wind, die Grashüpfer."

(Robert Aitken, Zen-Meister Rabe)



Napoleon


Er dehnte Frankreichs Grenzen aus.

Frankreich schrumpfte wieder.

Sein Code Civil gilt immer noch,

wirkt weiter - auch noch heute.





Es kann die Spur von meinen Erdentagen

nicht in Äonen untergeh’ n.
....

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt

geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

(Goethe)


















Silvester

(Jahrestod - Jahresgeburt)


„Das alte Jahr, das endet.

Ein neues Jahr fängt an“.


„Das muss man doch nicht sagen.

Das weiß doch jedermann.“


„Doch vielleicht sieht nicht jeder,

was auch weiß jedes Kind:

Nur weil das alte endet,

das neue Jahr beginnt.


Das alte muss versinken

Im Nebelland der Zeit –

Nicht mehr lebendige Frische,

tote Vergangenheit.


Vielleicht war das mal anders,

bevor die Zeit es gab.

Da gab es keine Wiege.

Da gab es auch kein Grab.


Doch ist für uns schon lange

die Ewigkeit verloren.

Es muss erst etwas sterben.

Dann wird es neu geboren.“



(geschrieben –

und damit in die Zeit erstarrt –

am Sterbetag

des 2018. Jahres

nach der Geburt Jeshuas, des Messias,

der geboren wurde,

um für alle zu sterben,

damit durch sein Sterben

alle neu geboren werden.)




Kommentar:


„Und solang du das nicht hast,

dieses Stirb und Werde,

bist du nur ein trüber Gast

auf der dunklen Erde.“

(Goethe)


«Ex deo nascimur.

In Christo morimur.

Per spiritum sanctum reviviscimus»


Aus dem Gotte sind wir geboren.

In dem Christus sterben wir.

Durch den Heiligen Geist werden wir auferstehen.

(Spruch der Rosenkreuzer)







Kolumbus


Er wollte nach Osten.

Er fuhr nach Westen.


Er suchte den Osten.

Er fand den Westen.

Er fuhr nicht weit genug.



Wenn du weit genug fährst,

ist nach Westen nach Osten,

ist nach Osten nach Westen,

ist nach Westen von Osten,

ist nach Osten von Westen.









Immer weiter


Die Welt ist keine Scheibe.

Die Welt hat keinen Rand.

Die Welt ist eine Kugel.


Wo sie anscheinend endet,

hört sie nur scheinbar auf.

Auch da geht es noch weiter.


Irgendwohin.

Irgendwie.

Immer.









Durchgang



Geburt ist kein Anfang.

Tod ist kein Ende.

Beide sind Durchgang.


Schreiten durch Tore.

Gleiten durch Tore.

Irgendwoher.

Irgendwohin.
















Fluch und Segen


Dass nichts stehen bleiben kann;

dass alles weiter gehen muss:

ein Fluch

Dass nichts stehen bleiben muss;

dass alles weiter gehen kann:

ein Segen