Was sind automatische Gedanken? Wie unterscheiden sie sich vom Denken?


Denke nicht, gedacht zu haben!

Denn Sich-Denken von Gedanken

sind Gedanken ohne Denken.


Diese Zeilen sprechen von Denken und Gedanken-Haben. Das ist nicht dasselbe. Du denkst, lieber Leser, wenn du eine Reihe von Zahlen addierst, die untereinander auf einem Blatt Papier stehen. Dieses Rechnen kommt ohne deine Initiative nicht zustande. Es kann nicht ohne deine absichtliche, gewollte Beteiligung ablaufen. Es passiert nicht, wenn du es nicht willst. Es passiert nicht, wenn du es nicht tust. Du erschaffst wirklich dieses Denken aus dem Nichts, wie der „liebe Gott“. Wenn du diese Gedanken nicht denkst, gibt es sie gar nicht. Denken ist eine Tätigkeit deines gegenwärtigen Geistes, eine Form deiner Geistes-Gegenwart.

Du denkst nicht, sondern du hast einen Gedanken, wenn dir plötzlich einfällt, dass du dich gestern über eine Bemerkung von Tante Frida geärgert hast oder dass du morgen unbedingt den Brief an das Finanzamt in den Briefkasten werfen musst. Diese Gedanken brauchen dich nicht, um in deinem Geist, deinem Bewusstsein zu erscheinen - außer natürlich, dass dein Bewusstsein da ist, dass du wach bist und nicht gerade schläfst. Wenn du wach bist, tauchen sie ohne deine aktive Beteiligung in deinem Bewusstsein auf, wie Gegenstände, die in einem Spiegel sichtbar werden, ohne dass der Spiegel darauf einen Einfluss hat. Diese Gedanken sind nicht Schöpfungen deines gegenwärtigen Geistes, sondern Wahrnehmungen, die schon da sind, wenn du sie bemerkst. Es sind Ereignisse in deiner Innenwelt, die du nicht erschaffst, sondern wahrnimmst, so wie du äußere Ereignisse wahrnimmst, die du nicht erschaffst. Wenn du in die Außenwelt schaust, siehst du da vielleicht einen Baum. Der ist schon da, wenn du ihn siehst. Du pflanzt ihn ja nicht in dem Augenblick, in dem du ihn siehst, da hin. Wenn du in deine Innenwelt schaust, dann ist auch der Gedanke schon da. Auch den erschaffst du nicht in dem Moment, in dem du ihn bemerkst.




Im folgenden werden wir uns mit den Gedanken, die sich selbst in mir denken, befassen, nicht mit dem Denken. Die meisten Menschen leiden nicht an ihrem Denken. Sie leiden nicht dadurch, dass sie Zahlen addieren. Rechnen ist vielleicht anstrengend, aber nicht schädlich. Sie leiden vielleicht durch die Absicht, mit der sie rechnen, durch den Zweck, für den sie rechnen. Ich kann meine Geldeinlagen bei verschiedenen Banken zusammenrechnen, weil sich in mir die Sorge denkt, sie könnten vielleicht als Altersvorsorge nicht ausreichen, oder weil ich eventuell noch mehr Geld brauche, da ich unbedingt eine Weltreise machen will. Wünsche, Ängste und Sorgen denke ich meistens nicht. Sie denken sich selbst in mir, denken sich in sich selbst. Die Absicht, mit der ich rechne, die eben kein Denken ist, sondern Gedanken-Haben, kann schädlich sein, das Rechnen selber nicht. Daher ist es nicht notwendig, eine richtige Haltung zum Denken zu finden. Die haben wir einfach dadurch, dass wir das Denken sind. Not-wendig ist, eine günstige Haltung zum Gedanken-Haben zu finden, denn das wendet Not, befreit von Leiden.



Worin besteht denn nun dieses Leiden?


Zunächst einmal. Ich bin in ihnen unfrei.

Nicht ich habe sie, im Grunde haben sie mich. Nicht ich besitze sie, sie besitzen mich. Sie besetzen mich. Nicht ich entscheide, ob und wann sie kommen, dass sie wieder gehen, wann sie wieder gehen. Das entscheiden sie selber. Sie kommen und gehen ohne meinen Willen, auch gegen meinen Willen.

Nun könntest du, lieber Leser, ja sagen: „Das schreckt mich eigentlich wenig. Solange es mir dabei gut geht, mir etwas gefällt, bin ich gerne unfrei.“

Aber meistens geht es mir ja in den automatischen Gedanken nicht gut. Sie sind ja meistens lästig und belastend.

Meistens ist es so, daß sie ausgesprochen negativ-pessimistisch gefärbt sind. In den meisten Fällen sind sie keine Phantasien von einem Südseestrand mit Palmen, sondern Selbstvorwürfe, die mir nicht helfen, etwas besser zu machen, Angstphantasien, die nicht dazu beitragen, der Gefahr wirkungsvoller zu begegnen, oder Mut und Antrieb behindernde Vorurteile, daß etwas sich ja sowieso nicht lohnt oder viel zu schwierig und daher nicht zu schaffen ist.


Sie drängen sich auf und stören. Ich wäre sie gerne wieder los, werde sie aber nicht los. Wie gesagt: Sie entscheiden, ob und wann sie gehen, nicht ich. Und deshalb fühle ich mich ihnen gegenüber ohnmächtig, ihnen ausgeliefert.

Sie drehen sich entweder in mir sinnlos im Kreis, wiederholen sich hartnäckig penetrant immer wieder, oder sie „spiralen sich runter“, werden immer negativer. Ich steigere mich in sie rein, oder besser: sie steigern sich rein, werden immer düsterer, so dass ich schließlich nur noch schwarz sehe, und weiten sich dabei aus, so dass ich am Ende alles schwarz sehe. Jedenfalls führen sie zu nichts, zu keiner Einsicht, keiner Entscheidung; höchstens zu dem Entschluss, mich zu besaufen, damit sie endlich aufhören, mich mit Alkohol zu betäuben, um sie zum Abschluss zu bringen.

Schlimmstenfalls zu dem Entschluss, mich umzubringen, um die Menschheit von diesem Versager, dieser Niete zu befreien. Auch das ist dann natürlich ein Abschluss.

Oder sie bringen mich dazu, mich gehetzt und getrieben in sinnlose Aktivitäten zu stürzen, weil ich weiß: Solange ich etwas tue, ist es nicht so schlimm. Meine Aufmerksamkeit ist ja irgendwie, irgendwo gebunden, durch etwas, an etwas: an die Wand, die ich anstreiche, an den Menschen, mit dem ich rede. Erst wenn ich nichts mehr zu tun habe, alleine auf dem Sofa sitze, wird die bisher gebundene Aufmerksamkeit frei, flutet zurück. Und dann entwickeln die automatischen Gedanken eine enorme Saugkraft, einen Sog, der die ganze Aufmerksamkeit absorbiert, mein Bewusstsein völlig einnimmt, keinen Platz für etwas anderes lässt. Sie verschaffen sich gewissermaßen eine Monopolstellung.

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Was gar nicht geht und was nur schlecht geht


Was gar nicht geht


Manchmal versucht man etwas, was gar nicht gehen kann, unmöglich ist: zu kontrollieren, dass Gedanken überhaupt ins Bewusstsein kommen, im Geist auftauchen. Das geht deshalb nicht, weil wir diese Gedanken ja nicht wirklich selber denken, sondern die Gedanken sich selber in uns denken, teilweise ja sogar gegen unseren Willen. Die automatischen Gedanken brauchen uns ja nicht, um in unser Bewusstsein zu kommen. Wenn du ein kleines Kind in den Armen hältst, das noch nicht laufen kann, entscheidest du, ob das Kind ins Haus kommt oder nicht. Wenn du es nicht rein trägst, kommt es auch nicht rein. Bei den automatischen Gedanken ist es aber so, als ob du auf der Treppe vor der Tür gestanden hast, um zu sehen, on sich jemand dem Haus nähert. Weil keiner da ist, drehst du dich um und gehst ins Wohnzimmer zurück. Und du siehst erstaunt, dass da mehrere Gestalten schon im Zimmer stehen. Durch die Tür können sie nicht gekommen sein, da standest du ja, und die Fenster waren auch alle zu. Sie sind wie Gespenster einfach durch die Wände gegangen. Also es ist völlig unmöglich, zu kontrollieren, dass Gedanken in unserem Bewusstsein auftauchen, zu bestimmen, welche in unserem Geist erscheinen, jedenfalls, solange man nicht wirklich selber denkt, sondern nur Gedanken hat.



Was zwar geht, aber nur schlecht und zu einem hohen Preis

Nun könntest du ja auf folgende naheliegenden Gedanken kommen: Nun gut, wenn ich schon nicht verhindern konnte, dass diese Kerle, die ich im Moment hier gar nicht gebrauchen kann, in mein Haus eindringen, dann kann ich sie ja wenigstens möglichst schnell wieder loswerden.

Das geht zwar, aber nur schlecht und zu einem hohen, meistens zu hohen Preis. Um das zu veranschaulichen, erzähle ich dir mal eine Geschichte:

Der Penner auf der Party

Stelle dir, lieber Leser, mal vor, du gibst im Sommer eine große Party. Der Garten ist überall mit Lampions geschmückt, im Haus hast du schön dekoriert, neben vielen anderen Gästen ist auch der Bundespräsident als Ehrengast eingeladen. Als alles fertig ist und der Bundespräsident auch schon mit der Staatskarosse vorfährt, sagt dir deine Freundin, die das Fest mit dir zusammen vorbereitet hat: „Hör mal, da hat sich ein Penner in den Garten eingeschlichen, hat sich eine Flasche Bier geschnappt und sitzt jetzt damit unter der großen Eiche.“ Jetzt kannst du natürlich versuchen, den Penner los zu werden. Du versuchst vielleicht zuerst, ihn zu überzeugen bzw zu überreden, den Garten zu verlassen, was aber vergeblich ist, weil du versuchst, jemanden in Bewegung zu bringen, der sich ja gar nicht bewegen will. Schließlich gehst du dazu über, ihm mit der Polizei zu drohen, was endlich dazu führt, dass er murrend der Gewalt weicht, um nach kurzer Zeit wieder über die Gartenmauer zu klettern, sich eine neue Flasche Bier zu schnappen und sich unter den nächsten Baum zu setzen.

Während dieser ganzen Zeit sind alle Partygäste, angelockt von dem spannenden Geschehen, um den Penner und dich zusammengeströmt, haben einen Pulk um dich gebildet; alle sind zunehmend aufgeregt, angespannt, verärgert; die fröhliche, heiter-unbeschwerte Stimmung, die du dir erhofft hattest, ist gestört. Während des Zwischenfalls ist der Bundespräsident eingetroffen. Du wolltest ihn eigentlich sofort mit einem Gläschen Sekt begrüßen. Statt dessen schlägst du dich jetzt mit dem Penner herum. Der Bundespräsident ist verunsichert, weiß nicht, was er tun soll, fährt nach einer halben Stunde wieder zur Enttäuschung vieler anderer Partygäste ab, ohne dass du überhaupt mit ihm sprechen konntest.

Einfacher wäre es, gelassen auf den Eindringling zuzugehen und ihm zu sagen: „Weißt du was. Du bist jetzt nun mal da. Versprich mir, dass du keinen Ärger machst, dann kannst du auch da bleiben. Eine Pulle Bier hast du dir ja schon geschnappt. Bleib hier ruhig sitzen, trink deine Flasche Bier aus, nimm dir von mir aus auch noch eine zweite! Und dann gehst du einfach wieder genauso unauffällig, wie du gekommen bist.“ Das wird der Penner wahrscheinlich auch tun, der ganze Vorfall wird von den meisten Ihrer Gäste gar nicht bemerkt, du kannst dich sofort um den Bundespräsident kümmern, und es entwickelt sich ungestört eine tolle Stimmung, an die sich alle noch lange zurückerinnern.


Wenn die Gespenster erst einmal im Wohnzimmer stehen, kann ich sie nicht einfach wieder sofort aus dem Wohnzimmer vertreiben. Wenn ich das versuche, flüchten sie vor mir durch das ganze Haus. Ich muss sie dann verfolgen, hetze hinter ihnen her, die Treppen rauf, die Treppen runter. Wenn ich sie endlich vertrieben habe, bin ich völlig erschöpft. Und die Suppe auf dem Herd ist inzwischen übergekocht.



Die Gedanken, die sich selbst in mir denken, sind nicht mein Kern. Der Kern meines Ichs ist das Denken. Doch sie gehören doch zu mir, an der Peripherie. Wenn ich sie bekämpfen will, fange ich einen Bürgerkrieg an, einen Krieg mit mir selber, bei dem ich nur verlieren kann. Es ist so, als ob ich Armbeugen mit mir selbst mache. Keine Seite kann den Kampf gewinnen, denn beide Seiten bin ja ich. Ich strenge mich ( auf beiden Seiten) nur sinnlos an. Wenn der Kampf endlich aufhört, weil ich einen Krampf im Arm habe, habe ich keine Kraft mehr, etwas Sinnvolles zu tun.









Dass der Versuch, die lästigen und belastenden Gedanken mit aller Gewalt los zu werden, ein krampfhaftes Bemühen ist, das einen viel zu hohen Preis hat, verdeutlicht auch folgende Geschichte:

Filmgeschichte


Stell' dir mal vor, du bist ein Regisseur und hast vor 2 Jahren einen Film gedreht: einen Science Fiction-Film, Horrorfilm, in dem Außerirdische die Erde angreifen und vernichten. Damals fandst du deinen Streifen großartig, hieltest ihn für ein Meisterwerk der Filmkunst. Ein Jahr später allerdings hat sich deine Ansicht darüber, was ein guter Film ist, grundlegend geändert. Du siehst ihn dir noch einmal an und bist entsetzt. Der Film ist ja furchtbar schlecht; niemand darf ihn je zu sehen bekommen. Und wieder ein Jahr später sitzt du zu Hause vor deiner Monitoranlage – du interessierst dich auch privat für Filme und Fernsehen, drückst auf den Knopf für den WDR, und was siehst du: da läuft dein „grottenschlechter“ Film.

In dieser Situation kannst du mehrere Fehler machen:

Fehler Nr.1 würde jetzt darin bestehen, ganz aufgeregt den dir persönlich bekannten Intendanten des WDR anzurufen und etwa Folgendes zu sagen: „Egon, das kannst du doch nicht machen! Du kannst doch nicht unseren schrecklichen Film senden. Lass dir irgendetwas einfallen: eine Sendestörung oder bei euch ist der Strom ausgefallen. Jedenfalls darf der Film nicht weiter ausgestrahlt werden.“

Und Egon würde darauf vermutlich antworten: „Wie stellst du dir das vor? Vor zwei Jahren warst du von deinem Film völlig überzeugt und hast ihn uns geradezu aufgedrängt, und jetzt soll er plötzlich miserabel sein. Wir haben ihn dir damals für viel Geld abgekauft; und das tut mir auch nicht leid. Er ist ja wirklich ein toller Film. Jetzt gehört er uns, und wir bestimmen, ob, wann und wie oft er gesendet wird. Er steht jetzt in allen Programmzeitschriften, wird in den nächsten 2 Wochen noch drei mal gesendet. Außerdem haben wir da so eine Lückenbüßerliste mit "Publikumslieblingen". Wenn bei uns wirklich mal was schief läuft, schieben wir etwas von dieser Liste ein, und dein Film steht auch auf dieser Liste. Und vor allem – auch das hast du damals ausdrücklich so gewollt, haben wir deinen Film allen Sendeanstalten weltweit zur Verfügung gestellt. Du musst also damit rechnen, dass dein Film unvorhersehbar und unberechenbar immer mal wieder gesendet wird, vielleicht in einem halben Jahr in China, in einem Jahr in Uruguay, in 3 Jahren in Madagaskar. Damit musst du jetzt einfach leben.“

Du würdest an diesem Fehler festhalten und ihn immer wiederholen, wenn du jetzt jedes Mal, wenn dein Film, der ja nicht mehr dein Film ist, wieder im WDR gesendet wird, wieder Egon anrufst und jammerst:

„Egon, wie lange soll ich das denn noch ertragen? Drei mal ist mein schrecklicher Film jetzt schon wieder gesendet worden. Kannst du denn da wirklich nichts tun?“ und Egon wird bei jedem Anruf immer wieder sagen, dass er da nichts machen kann, auch gar nichts machen will.

Noch schlimmer wäre es, wenn du so fixiert darauf bist, zu verhindern, dass dein Film irgendwo gesendet wird, dass du dir alle Fernsehzeitschriften weltweit besorgst und jetzt den ganzen Tag nichts anderes tust - zu was Anderem kommst du auch gar nicht mehr -, als alle diese Programmzeitschriften danach abzusuchen, ob irgendwo dein Film gesendet wird. Du hast extra drei Jahre lang Spanisch gelernt, damit du auch die Fernsehzeitschriften aus Lateinamerika lesen kannst, um gegebenenfalls, wenn du einen Titel entdeckst, der auf Spanisch dein Film sein könnte, sofort den Intendanten in Uruguay anzurufen. Du würdest krampfhaft etwas versuchen, was keinen Erfolg hat, was deine ganze Zeit in Anspruch nimmt, so dass du das, was sich lohnt und was erreichbar ist in deinem Leben, versäumst. Und du gehst auf eine Endlosstraße, auf der du nie ankommen wirst. Denn spätestens bei den chinesischen Programmzeitschriften kommst du erst mal nicht weiter. Du musst nämlich erst mal fünf Jahre lang Chinesisch lernen, um sie lesen zu können. Und wenn du das geschafft hast, stehst du bei den japanischen Zeitschriften vor dem selben Problem.

Den 2. Fehler würdest du machen, wenn du genauso aufgeregt oder sogar fast verzweifelt den US-Präsidenten in Washington anrufst und ganz entrüstet fragst, warum er denn nicht schon längst den Befehl an das Pentagon gegeben hat, sämtliche Atomraketen der USA auf die Außerirdischen abzuschießen. Die gibt es nicht wirklich. Die gibt es nur in deinem Film.
Auf diesen zweiten Fehler kommen wir später noch mal zurück.




Dass es völlig sinnlos ist, die automatischen Gedanken zu bekämpfen, hat noch einen weiteren Grund:

Jedes Bekämpfen, jedes Kontrollieren gibt den Gedanken zusätzliche Bedeutung und Macht.
Ich füge hier noch mal die kleine Geschichte ein, die du, lieber Leser, auch im Kapitel über den Umgang mit Angst findest:

In einem Science-Fiction-Film, (der tatsächlich einmal im Fernsehen gesendet wurde), wird die schon geeinte Erde (wie in unserer erfundenen Filmgeschichte) von Außerirdischen angegriffen. Die haben einen „Ball des Bösen“ gebaut, einen großen Meteoriten, der alle denkbaren Übel in sich vereinigt: todbringende Waffen, Gifte, resistente Viren, schädliche Stoffe. Und lassen ihn jetzt auf die Erde zurasen. Die Weltregierung kommt auf die nahe liegende Idee, sämtliche Atomwaffen, die noch als Überbleibsel einer Gott sei Dank vergangenen Zeit irgendwo auf der Erde existieren, auf diesen „Ball des Bösen“ zu schießen, um ihn aufzuhalten oder zu zerstören. Man setzt diesen Plan auch in die Tat um. Die Atomraketen treffen auch. Man sieht auch die Explosionen des Einschlags. Und leider sieht die Menschheit zu ihrem Entsetzen nach jedem Treffer auch noch etwas Anderes, womit man nicht gerechnet hatte. Der „Ball des Bösen“ ist noch größer geworden. Man hat ihn nur mit der eigenen Energie gefüttert, noch stärker, noch bedrohlicher gemacht.



Und es gibt noch einen dritten Grund, die automatischen Gedanken nicht zu bekämpfen:

Das haben sie nicht verdient. Es wäre ihnen gegenüber ungerecht und unfair. Den Film, den ich jetzt nicht mehr mag, habe ich ja schließlich irgendwann selbst gedreht. Irgendwann habe ich geglaubt, die Gedanken, die ich jetzt (völlig zu Recht) für störend und schädlich halte, für lästig und belastend, seien nützlich und hilfreich. Und jeder Gedanke, der in meinem Bewusstsein auftaucht, glaubt das immer noch. Er ist mir wohlgesonnen, kommt mit einer "guten" Absicht. Er kommt, um mich zu unterstützen, zu warnen, zu schützen. Dass ich diesen Schutz, diese Warnung nicht mehr brauche, kann er nicht wissen.

Jeder Gedanke, der sich selbst in mir denkt, war ein Bunker, den ich für den Krieg gebaut habe, den ich im Krieg vielleicht auch gebraucht habe, um zu überleben. Jetzt ist schon lange Frieden. Der Bunker, der das noch nicht gemerkt hat, ruft mir trotzdem immer noch zu: "Komm rein und bleibe in mir! Hier bist du sicher vor Kugeln und Granaten." Wenn ich dieser Einladung heute folgen würde, sperrte ich mich freiwillig in ein Gefängnis. Was früher einmal Schutz gewährend, vielleicht auch not-wendig war, wäre jetzt etwas, was un-nötig behindert.

Doch das kann der Bunker nicht wissen. Das muss ich ihm sagen.






Auch Ablenken ist keine effektive Strategie.

Wenn auf meiner rechten Seite ein hässlicher Müllhaufen liegt, kann ich natürlich nach links auf eine japanische Kirsche sehen, die gerade wunderschön blüht. Doch ich werde dadurch den Müllhaufen nicht wirklich los. Durch die Absicht, mit der ich auf den Baum gucke, nehme ich ihn mit. Wenn ich irgendwo hingehe, weil ich von etwas weg will, funktioniert das nur halb. Ganz kann ich nur gehen, wenn ich zu etwas hin will. Ich sehe wirklich den Baum, ohne dass etwas Anderes mitschwingt, wenn ich einfach entzückt zu ihm hingucke. Wenn er mich einfach anzieht, zu sich zieht. „Hin zu“ funktioniert, nicht „weg von“. Wenn ich ihn nur sehen will, um etwas Anderes nicht mehr zu sehen, geht es mir ja gar nicht wirklich um den Baum. Ich benutze ihn ja nur als Mittel zum Zweck. Ich benutze eine Erfahrung, um eine andere Erfahrung zu vermeiden. Und das geht, aber es geht - Gott sei Dank – nicht gut.

Wir können nur wahrnehmen, nicht absichtlich Nicht-Wahrnehmen. Wenn ich versuche, etwas nicht wahr zu nehmen, nehme ich es immer noch wahr.

Genauso wenig können wir nicht absichtlich nicht denken. Wir können zwar das Nichts denken, können etwas denken, was nicht da ist, aber wir können nicht absichtlich nicht denken. Wenn wir versuchen, an etwas nicht zu denken, denken wir es nur noch stärker. Mache Sie mal ein kleines Experiment: versuchen sie mal, fünf Minuten lang nicht an einen rosaroten Elefanten zu denken! Sie werden merken, dass Sie fünf Minuten an den rosaroten Elefanten denken.



III. Was gut geht


Natürlich kann ich darauf achten, selber zu denken, anstatt Gedanken, die sich selber denken, in mir ablaufen zu lassen. Wenn ich mein Bewusstsein mit eigenem Denken ausfülle, bleibt da einfach kein Platz für automatische Gedanken. In einen Krug, der mit Wein gefüllt ist, kann kein Essig eindringen, keine Jauche.

Selber denken hat viele Vorteile.

Es ist aber sicher schwierig oder sogar unmöglich, einen solchen Grad an Eigenaktivität immer aufrechtzuerhalten. Und es ist auch gar nicht sinnvoll. Denn ich sperre mich damit aus von etwas sehr Wertvollem. Auch kreative Ideen, „Einfälle“, fallen mir ja ein, treten als automatische Ideen in meinem Bewusstsein auf. Es gibt also gute Gründe, den Gedanken, die sich selber denken, einen gewissen Spielraum zu geben, sie wenigstens zeitweise in unserem Bewusstsein zuzulassen.


Wie gehe ich aber dann mit ihnen um?

Sie bekämpfen, sich ablenken geht nur schlecht. Alle aggressiven, gewaltsamen Lösungen funktionieren nicht wirklich gut. Es macht keinen Sinn, gegen sie vor zu gehen oder von ihnen weg zu laufen. Das haben wir ja inzwischen verstanden.
Sie einfach laufen lassen geht aber auch nicht. Dann wirken sie ja schädlich, verursachen das Leiden, das wir ja leider allzu gut kennen.

Wir brauchen eine dritte Lösung in der Mitte, die einerseits gewaltfrei ist, akzeptiert, dass die Gedanken da sind, andererseits - auf der Basis dieser Akzeptanz - einen aktiven Umgang mit ihnen anbietet.



Der erste entscheidende Schritt:

sich den Gedanken gegenüberstellen


Das ist deshalb nötig, weil ich mich gewöhnlich mit den automatischen Gedanken identifiziere. Ich glaube, ich sei der Gedanke, weil ich Gedanken-Haben und Denken verwechsle.

Natürlich bin ich mein Denken. Während ich denke, bin ich dieses Denken, kann auch gar nichts anderes sein. Das Denken beansprucht meinen Geist vollständig, so dass gar kein Platz für etwas Anderes bleibt.

Ich bin jedoch nicht die automatischen Gedanken. Die sind nur eine Wahrnehmung in meiner Innenwelt, eine Wahrnehmung unter vielen anderen, neben anderen Wahrnehmungen in der Innenwelt – Gefühlen und Erinnerungsbildern – und Wahrnehmungen in der Außenwelt – dem Baum, den ich sehe, der Vogelstimme, die ich höre, dem Rosenduft, den ich rieche.

Und alle diese Wahrnehmungen habe ich, aber bin ich nicht. Ich habe sie in mir, als Teil in einem sie alle umgreifenden Ganzen, meinem Bewusstsein. Nur Verrückte - und Erleuchtete! – glauben, sie seien der Baum, den sie sehen.



Wenn ich mich den automatischen Gedanken gegenüber stelle, stelle ich mich gleichzeitig auch über sie. Ich verschaffe mir nicht nur einen Blick von außen auf sie, sondern auch von oben, einen Überblick.


Dass Gedanken, die sich selbst denken, in mir kreisen, ohne zu einem Ergebnis zu führen, hat ja eine Ähnlichkeit mit dem Herumirren in einem Irrgarten: dem, dass man die Gedanken nicht abschließen kann, entspricht im Irrgarten, dass man keinen Ausgang findet.

Stelle dir einmal vor, du läufst in einem solchen Irrgarten herum, auf einem engen, schmalen Weg, der rechts und links von hohen Hecken begrenzt wird, die den Blick zur Seite behindern, so dass du nur vorwärts und zurück sehen kannst, eindimensional, in einer Linie. Zwar gibt es ab und zu Lücken in der Hecke, die es möglich machen, abzubiegen, Verzweigungen des Wegs. Aber von jeder Abzweigungsstelle kannst du nur eine kurze Strecke überblicken, siehst nicht, ob dieser Weg direkt zum Ausgang führt, zu einer weiteren Verzweigung, an der sich wieder die selbe unlösbare Frage stellt, oder ob er schon nach wenigen Metern in einer Sackgasse endet.

Nachdem du eine Zeit lang vergeblich den Ausgang gesucht hast, kommst du auf die Idee, dir einfach gewaltsam einen Weg nach außen zu schaffen, indem du dir in einer bestimmten Richtung Lücken in die Hecken schlägst. Aber du merkst sofort, dass das nicht geht: Die Hecken haben Dornen und du hast keine Axt oder Machete dabei. Eine aggressive, gewaltsame Lösung ist also nicht möglich.

Aber als du bemerkst, dass eine Abzweigung zu einem Aussichtsturm führt, den man mit einer Wendeltreppe besteigen kann, siehst du darin sofort deine Chance, dem Irrgarten zu entkommen. Und als du dann tatsächlich oben auf der Aussichtsplattform stehst, hat sich deine Situation schlagartig zum Positiven verändert. Das liegt daran, dass du deine Position zum Irrgarten verändert hast. Anstatt innerhalb des Irrgartens gefangen zu sein, stehst du jetzt außerhalb, dem Irrgarten gegenüber. Anstatt in einem Moment nur das gerade Wegstück des Irrgartens sehen zu können, auf dem du dich gerade befindest, nur nacheinander die einzelnen Wegstücke, kannst du nun auf einen Blick den ganzen Irrgarten, alle Linien und Wege gleichzeitig von oben übersehen.


Die automatischen Gedanken und das eigene Denken bilden gewissermaßen zwei Stufen einer Hierarchie. Das Denken ist den sich selbst denkenden Gedanken übergeordnet. Und es gilt für diese Hierarchie, was für jede Hierarchie gilt. Von einer höheren Ebene kann ich Einfluss auf die untere nehmen. Wenn ich als Mitarbeiter mit anderen Mitarbeitern nicht klar komme, wende ich mich an den Chef. Wenn ich als Bürger der Bundesrepublik Deutschland irgendwelche Schwierigkeiten mit anderen Bürgern habe, wende ich mich an das zuständige Gericht als Vertreter des Staates, dessen Bürger ich bin, der übergreifenden Einheit, der Ganzheit, die alle Teile umfasst und in sich enthält.

Das Bewusstsein ist gegenüber den einzelnen Wahrnehmungen dieses übergeordnete Ganze.


Grafik der einzelnen Wahrnehmungsbereiche(wird noch eingefügt)


Es ist so, als ob ich irgendwo auf der Tribüne einer Arena sitze. In dieser Arena gibt es verschiedene Bühnen: Auf der einen Bühne wird gerade eine Pantomime aufgeführt, auf einer anderen wird ein Konzert gegeben, auf einer dritten kann man selber tanzen. Ich nehme wahr, was auf den einzelnen Bühnen geschieht, bin es aber nicht. Ich bin der Blick auf alle Bühnen. Ich bin die ganze Arena.


Wie mache ich nun diesen ersten entscheiden Schritt, mich den automatischen Gedanken gegenüber zu stellen? Dadurch, dass ich gewissermaßen etwas Paradoxes tue. Ich füge dem ganzen Gedankenwust, der ja schon jetzt selbst-behindernd und selbst-schädigend ist, noch einen Gedanken hinzu. Aber dieser Gedanke, den ich selbst hinzufüge, ist ein eigener Gedanke, eigenes Denken. Ich füge die Frage hinzu: "Was denke ich denn gerade?" Mit dieser Frage stelle ich mich außerhalb der Gedanken, stelle ich mich über die Gedanken.

Wenn ich diesen ersten Schritt gemacht habe, mir meine Gedanken jetzt genauso gegenüber stehen wie ein Baum, kann ich diese Außenposition jetzt auf zweierlei Art nutzen. Diese beiden Hauptstrategien im Umgang mit automatischen Gedanken werden in folgender Geschichte veranschaulicht:




Tribünengeschichte

Stell' dir vor, du bist die Königin eines Landes. Du hast heute Geburtstag, und alle Untertanen deines Landes sind gekommen, um dir ein Geburtstagsgeschenk zu machen. Jeder hat auf ein Schild etwas geschrieben, von dem er annimmt, dass es für die Königin eine wichtige Information ist. Einer hat auf sein Schild geschrieben, dass in einem Bergwerksstollen über seinem Haus einige Stützen morsch sind und die Gefahr besteht, dass sie zusammenbrechen und der Stollen einstürzt; ein anderer, dass der letzte Sturm einen Baum an der Landstraße sehr stark hin und her geschüttelt hat und er befürchtet, dass der Baum beim nächsten Unwetter umfällt; ein Dritter war bei einer Wahrsagerin und hat von ihr erfahren, dass in zwei Monaten die Welt untergehen wird. Und wieder ein Anderer will die Königin darüber in Kenntnis setzen, dass in einem Grenzdorf eine Räuberbande einen Bauernhof überfallen und ausgeraubt hat. Und du sitzt auf einer Tribüne und die Untertanen ziehen mit ihren Schildern wie in einer Parade an dir und unter dir vorbei.

Du hast im Laufe der Jahre gelernt - diese Parade zu Ehren deines Geburtstags ist schon lange Tradition - mit diesem Ritual folgendermaßen umzugehen:

Einerseits verwehrst du keinem Untertan den Zugang zum Palast. Du lässt jeden mit seinem Schild zu dir kommen. Du weißt und wertschätzt es, dass ja jeder mit einer guten Absicht kommt, dass er dir ja etwas Gutes tun, dir etwas geben will, was er für wichtig und wertvoll hält. Wenn du die Untertanen zurückweisen würdest, würden sie sich nicht richtig verstanden und ungerecht behandelt fühlen. Sie würden vielleicht einen Aufruhr, sogar einen Aufstand provozieren, und würden dann vielleicht mit Gewalt in den Palast eindringen.

Andererseits hast du aus der Erfahrung vieler Jahre gelernt, dem, was auf den Schildern geschrieben steht, keine große Beachtung zu schenken, weil du weißt, dass der Inhalt der Schilder fast immer für dich bedeutungslos ist. Die Gefahr, dass der Bergwerksstollen einstürzt, ist schon längst behoben. Der Untertan ist nicht auf dem neuesten Stand, war zuletzt vor einem Jahr in diesem Stollen und hat gar nicht bemerkt, dass das Bergbauamt die morschen Stützen inzwischen ersetzt hat. Das Straßenbauamt hat den angeblich vom Sturm gefährdeten Baum überprüft und festgestellt, dass die Wurzeln kräftig und tief genug sind, so dass diese Gefahr unbegründet ist und gar nicht besteht. Was die Prophezeihung angeht, dass in zwei Monaten die Welt untergeht, so kann das vielleicht wirklich eintreffen, was aber nach den bisherigen Erfahrungen mit Weltuntergangsprognosen nicht sehr wahrscheinlich ist, aber dann würde auch deine Macht als Königin nicht ausreichen, um es zu verhindern. Und vom Überfall auf den Bauernhof hast du schon von deiner gut informierten Geheimpolizei erfahren, und weißt darüber hinaus außerdem, dass sich die Räuber schon längst in das Nachbarreich abgesetzt haben, wo sie nicht weiter verfolgt werden können.

Da die Königin also weiß, dass das, was auf den Schildern geschrieben steht, der Inhalt der Schilder, fast immer bedeutungslos ist, kann sie einerseits allen Untertanen Zugang zum Palast gewähren, kann freundlich mit der Hand grüßen und huldvoll lächeln, wenn sie an ihr vorbeiziehen, und kann sie andererseits schließlich einfach wieder nach Haus zurückkehren lassen. Sie muss nicht eingreifen, Partei ergreifen, etwas als bedeutsam aufgreifen, festhalten und weiterführen. Sie kann einfach allem zustimmen, was die Untertanen tun, kann einfach alles geschehen lassen, was geschehen will.

In dieser Haltung des Lassens kann die Königin jedoch nur so lange bleiben, solange sie sofort durchschaut, dass der Inhalt eines Schildes unbedeutend ist.

Vielleicht taucht irgendwann ein Schild auf, auf dem geschrieben steht: "General XY bereitet in der Provinz Z einen Putsch vor." Und das weiß die Königin von ihrem Geheimdienst noch nicht, das ist wirklich neu für sie. Und sie kann nicht einschätzen, inwiefern diese Information eine wirkliche Bedrohung für sie darstellt. Der Inhalt dieses Schildes könnte durchaus bedeutend sein.

Dann wird sie die Parade anhalten, einen Soldaten ihrer Leibgarde nach unten schicken, den Untertan heraufholen lassen und ihn so lange befragen, bis ihr klar geworden ist, ob der Inhalt des Schildes wichtig ist oder nicht. Während dieser Zeit stockt die Parade, die Reihe der Untertanen staut sich auf, und dieser Stau löst sich erst dann wieder auf und die Parade kann wieder weiterfließen, wenn die Königin ein klares Urteil gefunden und den Untertanen weiterziehen lassen kann.


Die Schilder, die vor der Königin
in der Parade vorbeigetragen werden, sind natürlich ein Bild für die sich selbst denkenden Gedanken, die durch unser Bewusstsein ziehen. Sie treten irgendwann von selbst auf, füllen für einen Moment unseren Geist und verschwinden dann wieder, machen Platz für andere Gedanken, die ihnen (meistens in einer lückenlosen Reihe) folgen.

Dass die Königin außerhalb und oberhalb der Parade auf einem Tribünenplatz sitzt, von dem aus sie mit gelassenem Abstand die sich bewegenden Untertanen in Ruhe betrachten kann, spiegelt einen Zustand, in dem wir uns nicht mehr mit den Gedanken identifizieren, uns schon von ihnen distanziert haben. Solange wir glauben, unsere Gedanken zu sein, laufen wir in der Parade mit. Wir sind gar nicht die Königin, die souverän Herrin ihres Reiches ist, sondern nacheinander jeder einzelne Untertan.

Und es ist wichtig, dass wir auf dem Tribünenplatz sitzen bleiben. Denn wenn wir ihn verlassen, vergessen wir sofort, dass wir die Königin sind, und laufen wieder in der Parade mit, sind wieder die ganze Parade.


Die Geschichte weist aber noch auf eine weitere wichtige Unterscheidung hin: die zwischen inneren Ereignissen und äußeren Ereignissen. Dass die Untertanen vor der Königin Schilder vorbeitragen, ist eine eindeutige Realität, eine nicht zu leugnende Tatsache. Dass auf den Schildern etwas Bestimmtes geschrieben steht, auch. Doch das, was auf den Schildern steht, ist nicht unbedingt eine Realität außerhalb der Parade. Die Schilder sind Realität. Das, worauf die Schilder hinweisen, nicht. Der Stollen ist schon repariert, der Baum wird nicht einstürzen. Und da die Schilder nur wichtig sind durch das, worauf sie hinweisen, sie ja nur durch ihre Bedeutung etwas bedeuten, kann die Königin gelassen und ruhig mit ihnen umgehen. Sie sind unbedeutend.

Dass ein Gedanke sich in unserem Bewusstsein denkt, ist eine innere Tatsache, ein Ereignis in meiner Innenwelt. Diesem inneren Ereignis entspricht aber nicht unbedingt ein Ereignis in der Außenwelt. Was es innen gibt, zweifelsfrei, eindeutig, gibt es nicht automatisch außen.

Genau das nehmen wir aber meistens an. Wir haben uns angewöhnt - ich vermute, lieber Leser, du genauso wie ich - unbewusst zu glauben: Wenn ich etwas denke, dann ist das auch so.

Dass es diese Entsprechung zwischen inneren und äußeren Ereignissen meistens nicht gibt, zeigt eine wichtige Untergruppe automatischer Gedanken, die Sorgenphantasien. Dazu gibt es eine schöne Anekdote von Winston Churchil:

Als der im hohen Alter auf sein Leben zurückblickte, hat er sich auch die Frage gestellt: „Worüber habe ich mir eigentlich Sorgen gemacht?“ Winston Churchill gilt ja als sehr kluger, weitsichtiger, umsichtiger (Staats)-Mann. Außerdem hatte er mit Adolf Hitler zu tun - und da kann man natürlich schon Sorgen haben. Also könnte man annehmen, dass Churchill sicher eine große Zahl berechtigter Sorgen hatte.

Tatsächlich hat Churchill jedoch als Resumé seines Lebensrückblicks gesagt: „97% meiner Sorgen waren völlig unberechtigt.“

Ich kannte diesen Ausspruch nicht. Ein Patient hat ihn mir während einer Therapiesitzung erzählt. Ich hab‘ mir dann auch mal selbst diese Frage gestellt.

Und kam auf einen ähnlich hohen Prozentsatz. Und viele Patienten, denen ich diese Geschichte seitdem erzählt habe, genauso.

In 97% aller Sorgenphantasien gibt es keine Entsprechung zwischen inneren und äußeren Ereignissen.

Dass ich mir Sorgen mache, ist real, ist eine innere Wirklichkeit. Doch mit einer Wahrscheinlichkeit von 97 % entspricht dieser inneren Wirklichkeit keine äußere. Ich mache mir Sorgen um ungelegte Eier, die nie ein Huhn legen wird.


Erinnerst du dich noch, lieber Leser, an die Filmgeschichte? Dass der von mir mal früher gedrehte Horrorfilm im Fernsehen läuft, ist eine Tatsache (die ich ja eben nicht verhindern kann). Dass Außerirdische die Erde zerstören, ist in dem Film auch eine Tatsache. Doch nicht außerhalb des Films. Nicht jetzt draußen im Weltraum. Dort gibt es die Außerirdischen nicht. Es macht daher keinen Sinn , wegen ihnen den US-Präsidenten anzurufen.




Die erste Hauptstrategie: auf der Tribüne sitzen bleiben



Die erste Hauptstrategie im Umgang mit automatischen Gedanken besteht darin, auf der Tribüne sitzen zu bleiben. Damit löse ich die Verschmelzung zwischen dem Ich als Subjekt und den Gedanken auf.

Von dieser Außenposition aus kann ich dann auch die Verschmelzung zwischen inneren und äußeren Ereignissen auflösen. Ich kann die automatischen Gedanken einfach kommen und gehen lassen – wie die Königin die Untertanen mit ihren Schildern.

Ich kann sie als das sehen, was sie sind: Innere Ereignisse, die kein Hinweis auf etwas anderes sind, die keine Zeichen sind, die auf nichts deuten, die nichts bedeuten.


"Wie mache ich das denn nun praktisch, ganz konkret", wirst du, lieber Leser, mich an dieser Stelle vielleicht fragen.

Als Antwort stelle ich dir eine Übung vor, in der Fassung, in der ich sie schon mit vielen meiner Patienten durchgeführt habe.

In dieser Übung wird die Aufmerksamkeit erst mal in einem Bereich der Außenwahrnehmung, dem Sehen, verankert. Es fällt dann leichter, auf dem Tribünenplatz sitzen zu bleiben, anstatt wieder in der Parade mit zu laufen. Wenn sie nicht das Zentrum der Erfahrung darstellt, sondern Peripherie, kann die Innenwelt, in unserem Fall besonders die automatischen Gedanken, nicht so leicht ihre Macht entfalten, sich überwichtig zu machen, die ganze Aufmerksamkeit aufzusaugen, sich eine Monopolstellung zu verschaffen. Erst als letzter Wahrnehmungsbereich wird dann das „Heimkino“ dazu genommen. Es ist dann nur ein Wahrnehmungsbereich unter anderen, nicht mehr und nicht weniger.

Du wirst, lieber Leser, an dieser Stelle der Übung dazu eingeladen, "mit den Ereignissen, die in unserer Innenwelt ablaufen, genauso umzugehen wie mit Ereignissen in der Außenwelt. Wir versuchen ja normalerweise nicht, zu verhindern, etwas in der Außenwelt
(z. B ein Geräusch) wahr zu nehmen, halten diese Außenwahrnehmung jedoch auch nicht fest, wenn sie wieder verschwindet und dadurch Platz macht für die nächste Wahrnehmung. Wir wehren uns ja nicht dagegen, zu hören, dass sich ein Auto nähert, lassen aber auch genauso zu, dass dieses Hören schwächer wird, das Geräusch leiser wird, abklingt und schließlich verklungen ist, wenn sich das Auto wieder entfernt. Ereignisse in der Außenwelt lassen wir normalerweise einfach kommen und gehen. Es wäre in den meisten Fällen nicht günstig und sinnvoll, es nicht zu tun.

Genau so wehren wir uns nicht gegen einen Gedanken, ein Bild oder Gefühl, das in unserem Bewußtsein auftaucht und halten den Gedanken, das Bild, das Gefühl nicht fest, wenn er oder es wieder verschwindet.

Wir verhalten uns gegenüber den Inhalten der Innenwelt wie ein unbeteiligter Zuhörer, ein „objektiver“ Zuschauer, so als ständen wir auf einer Tribüne und sähen zu, wie vor uns eine Parade abläuft, ohne in das Geschehen vor uns einzugreifen und ohne Partei zu ergreifen. Wir beobachten nur, was in unserer Innenwelt geschieht, lassen die Ereignisse in unserer Innenwelt einfach geschehen, lassen sie kommen und gehen, wie einen Vogel, der am Himmel vorbeifliegt, ein Schiff, das auf dem Meer vorbeisegelt."

Indem ich diese Haltung gegenüber den automatischen Gedanken einnehme, entscheide ich mich dafür, sie für die Dauer der Übung nur als innere Ereignisse zu sehen und die Frage, ob sie auch eine Entsprechung in der Außenwelt haben, nicht wichtig zu nehmen. Ob sie auf etwas Äußeres hindeuten, in diesem Sinn etwas be-deuten, ist unbedeutend. Ihre einzige Bedeutung ist, dass sie als inneres Ereignis in meiner Innenwelt auftauchen. Das ist ihre Wirklichkeit, das ist ihre Wichtigkeit. Nicht mehr und nicht weniger.



Hier nun die Aufmerksamkeitsübung

Du kannst sie, lieber Leser bedenkenlos alleine, ohne persönliche Anleitung durchführen. So oft du willst, so lange du willst. Du kannst sie nicht überdosieren. Schlimmstenfalls klappt sie nicht. Doch das ist nicht wahrscheinlich. Und vielleicht machst du die Erfahrung, das sie sich lohnt.












Die zweite Hauptstrategie: Fragen stellen

Die Königin kann aber eben nur so lange die Schilder einfach an sich vorbeiziehen lassen, wie sie sofort durchschaut, dass sie bedeutungslos sind. Sobald ein Schild auftaucht, dass ihr wichtig zu sein scheint, geht sie ja dazu über, den Schilderträger zu sich bringen zu lassen und ihm Fragen zu stellen.

Auch in unserem Geist tauchen sicher einige Gedanken auf, die wir für wichtig halten, die für uns etwas bedeuten, weil sie auf etwas in der Außenwelt deuten, weil wir annehmen oder wenigstens nicht sicher ausschließen können, dass sie eine Entsprechung in der Außenwelt haben. Wir müssen sie erst bedeutungslos und unbedeutend machen. Eine ungelöste Frage müssen wir erst zu einer Antwort auflösen, durch ein klares, sicheres Urteil, eine Entscheidung zu einem Abschluss bringen. Erst dann können wir sie loslassen.

Es empfiehlt sich deshalb, im Umgang mit Gedanken, die anscheinend oder scheinbar Bedeutung haben, meine Außenposition ihnen gegenüber dazu zu nutzen, Fragen an sie zu stellen, sie durch Fragen in Frage zu stellen, sie durch Fragen zu verwandeln, Fragen durch Fragen in Antworten zu verwandeln. Hier liegt der entscheidende Unterschied zum "Kommen-und Gehen-Lassen", bei dem mich der Inhalt der Gedanken ja gar nicht interessiert, weil bei bedeutungslosen Gedanken, die nur ein inneres Ereignis darstellen, der Inhalt unbedeutend ist.

Die Fragen, die ich stelle, sind keine automatischen Gedanken, kommen nicht von selbst. Ich muss sie mir selbst aus-denken, er-denken, er-finden. Wenn ich Gedanken durch Fragen in Frage stelle, richte ich mein eigenes Denken auf die sich selbst denkenden Gedanken, lasse Denken auf Gedanken einwirken. Ich benutze meinen Platz in der Hierarchie außerhalb und oberhalb einer unteren Hierarchieebene, um von hier aus diese Ebene zu beeinflussen. So, als ob ein Chef einen Mitarbeiter zum Gespräch bittet, um ihn zu fragen, woran er denn gerade arbeitet und welche Projekte er plant.

Es gibt natürlich ganz unterschiedliche Untergruppen von Gedanken, davon abhängig, womit die Gedanken zu tun haben. Es gibt Gedanken, die sich auf die Zukunft beziehen, die Wünsche und Ängste auslösen. Es gibt Gedanken, die sich auf die Vergangenheit beziehen, auf das, was ich getan habe oder andere mir getan haben, die dann Schuldgefühle oder Rachegelüste auslösen. Es gibt andere Gedanken, die sich auf mich selbst beziehen, die dann mein Selbstvertrauen und mein Selbstwertgefühl bestimmen. Es gibt andere, die sich auf die Beziehung zwischen mir und anderen beziehen.

Zu jeder dieser Gruppen gibt es bestimmte, besondere Fragen, die sinnvoll sind, zu stellen.

Wenn ich z.B. weiß, dass ich dazu neige, alles, was jemand sagt oder was passiert, auf mich zu beziehen, kann ich mir angewöhnen, manchmal die Frage zu stellen: "Muss das denn unbedingt mit mir zu tun haben?" Wenn ich glaube, dass immer die Anderen Schuld sind, kann ich mich fragen: "Bin ich dafür nicht wenigstens zum Teil selbst verantwortlich?" Wenn ich mich damit belaste, dass ich unnötig an Vergangenem festhalte, kann ich mich fragen: "Spielt das denn für mich heute noch überhaupt eine Rolle?"

Zu jeder einzelnen Gruppe von Gedanken musst du, lieber Leser, die geeigneten Fragen finden und erfinden. Und das kannst du auch. Zu jedem Gedanken gibt es eine passende Frage.

Zu zwei Sorten von Gedanken kann und will ich dir diesen Aufwand des Suchens ersparen, indem ich dir einfach einige Fragen vorstelle, die sich bewährt haben. Natürlich kannst du über meine Vorschläge hinaus nach weiteren geeigneten Fragen suchen.

Zu einer sehr wichtigen Gruppe, den Sorgenphantasien (siehe Churchill) empfehle ich dir diese Fragen:

Eine weitere wichtige, oft auch sehr schädliche Gruppe stellen die Gedanken dar, in denen wir andere und anderes kritisch beurteilen und verurteilen. Für diese Gedanken haben sich folgende Fragen bewährt:



Die Amerikanerin Byron Katie hat ein System von vier Fragen entwickelt , das sich auch vor allem auf diese Gruppe bezieht, darüber hinaus aber auf alle Sorten automatischer Gedanken angewandt werden kann.