Überblick


zu "Vom U zum A", S.17
(Weit und tief)


zu „Warum ich Rudolfo Kithera heiße“, S. 26

zu „Mein Weg - ...“, S. 32

(Ich und du)

zu "Alles getan, alles gescheh' n", S. 36

(Sindbads Heimkehr)

(Aufbruch)


zu "Noch jung, schon alt", S. 68

(Most, Rost und Frost)



zu „Beim Ölbaum“, S. 80

(Ist das nichts – Udo Jürgens)

(Fußwaschung – Christian Morgenstern)

zu „Rosten, rasen, rasten“, S. 82

(Proportionen)

zu „Stufen: von ,un´zu ,über´“, S. 84

(Die Treppe)

(Stufen – Hermann Hesse)

zu "Paradies und Schlange", S. 87

(Die Amalfiküste)

zu „Spielen mit Rheingold“, S. 100

zu „Nicht mehr noch mehr“, S.103

(Sucht des Suchens)

zu „Schlusslicht“, S.106

(Auf La Gomera)
(Zwei Schwestern)


zu „Geh einfach los“, S. 114

(Einfach machen)

zu „Berg und Himmel“, S. 132

(Imagine – John Lennon)

zu "Nicht alles, doch genug", S. 134

(Schwarz und Weiß)

Neufassung von „Himmel und Erde", S. 137 :

Als Frau und als Mann

(Das Männerkaufhaus)

(Lups - Manfred Kyber)

(Frauen denken anders)

zu „Glauben an mich, glauben an Gott“, S. 148

(Götterwahl)

(Christus und die Kreuzritter)

(Der für die Menschheit starb – Erich Mühsal)

(Menschheitlich)

zu „Es steht geschrieben“, S. 152

(Der neben mir am Tisch sitzt)

zu „West-östliche Harmonie“, S. 158

(Von den Kindern – Kahlil Gibran)

(Der goldene Ball – Börries von Münchhausen)

zu „Was mich etwas angeht“, S. 176

zu „Dem Lieben folgen“, S. 200

(Die Leine loslassen – Nikos Kazantzakis)

zu „Messer im Dschungel", S. 210

(Kleiner machen, größer machen)

zu „Blicke auf das andere Ufer“, S. 223









zu "Vom U zum A", S. 17




Weit und tief


Die Erde ist für uns nur Oberfläche.

Geh’ auf ihr in die Weite, in die Breite!

Wer in die Tiefe will, der kommt nicht weit.

Denn Tiefe ist nun mal nicht Weite.


Die Augen sehen weit, nicht tief.

Die Ohren hören weit, nicht tief.

Doch etwas gibt es, das geht tief.

Fühlen und Denken gehen tief.





Kommentar:


Was immer du siehst, sieh es!

Doch bleib’ nicht dabei steh’ n!

Es ist nur eines der 10000 Dinge.



O Mensch! Gib acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

„Ich schlief, ich schlief;

aus tiefem Traum bin ich erwacht:

Die Welt ist tief,

und tiefer als der Tag gedacht.

Tief ist ihr Weh;

Lust tiefer noch als Herzeleid.

Weh spricht: ,Vergeh!'

Doch alle Lust will Ewigkeit,

will tiefe, tiefe Ewigkeit."

(Nietzsche, Also sprach Zarathustra)









zu "Warum ich Rudolfo Kithera heiße"
S. 16: "Als ich nach einem Pseudonym für den Autor dieser Gedichte suchte, kam ich schließlich an bei dem Namen ,Rudolfo Kithera´."


Ursprünglich hatte ich mich für Adolfo als Vornamen entschieden. „Adolfo“ weckt natürlich sofort Erinnerungen an einen gewissen Adolf H., die Verkörperung dunkler und böser Mächte schlechthin. Doch es ist schade, dass dieses Monster und Scheusal einen Namen so sehr mit einer schrecklichen Bedeutung belastet hat, dass wohl kaum einer in absehbarer Zukunft seinem Sohn diesen Vornamen geben wird ( selbst ein überzeugter Neo-Nazi würde es wohl nicht wagen; oder vielleicht doch?), obwohl er vom Klang her eigentlich sehr schön ist. Er beginnt mit dem „A“ wie mit ausgebreiteten Armen und mit nach oben geöffneten Händen, geht dann über in die auf das Du weisende Geste des „D“, fließt weiter in das umarmende „O“, das Lebendiges symbolisierende „L“, das gleichmäßige Blasen des „F“ wie ein sanfter, milder Wind, und in der klangvollen italienischen Form geht er zum Schluss wieder in das offene „0“ über, endet und bleibt in der Umarmung.

Ich wollte also das "böse" Adolf von seinem Makel befreien und in das unbelastete, schöne (und damit gute) Adolfo verwandeln - nach dem Motto Christian Morgensterns: "Mache das Böse gut!"

Das „Gute“ besteht darin, sich dem „Bösen“ zuzuwenden, sich mit ihm auseinanderzusetzen und es zu verwandeln. Ohne eine solche Auseinandersetzung ist scheinbares Gut-Sein nur Flucht vor einem Teil der Realität, Nicht-Sehen-Wollen, Nicht-Wissen-Wollen, das bei Buddha neben dem Begehren und dem Hass das dritte „Geistesgift“ ist.

Dass diese Auseinandersetzung mit und Verwandlung des „Bösen“ nicht anstrengend und schwierig sein muss, daran erinnert mich immer wieder ein Bild, das über dem Klavier in meinem Wohnzimmer hängt. Ich habe eine Zeit lang Bilder, die mich beeindruckten, mit Wachsfarben nachgemalt, und eines dieser Bilder ist ein Aquarell von Emil Nolde gewesen. Auf diesem Bild wird eine recht kleine Sonne von übermächtig erscheinenden rot-schwarzen Wolken bedrängt und bedroht. Aber mit welcher Souveränität macht die Sonne dennoch klar, dass sie letztlich das Bild beherrscht, nicht etwa dadurch, dass sie etwas gegen die sie angreifenden Wolken tut, sondern indem sie einfach da ist und ausdrückt, was sie ist, Licht, das sich ausdehnt, nach außen strahlt, alles Dunkle dabei auflösend, erlösend und verwandelnd.

Und das Licht leuchtet in der Finsternis,

und die Finsternis hat es nicht eingenommen.

(Joh1, 5)

Von mir „gefälscht“: Emil Nolde, Abendglut, 1939



Ich hatte also gute Gründe, „Adolfo“ als Vornamen zu wählen. Doch als ich den Textentwurf meiner Frau vorlas, äußerte sie Bedenken (gelinde ausgedrückt; tatsächlich erhob sie Einspruch). „Adolfo“ war ihr zu skurril und provokativ. Ich ließ mich von ihr überzeugen. Die Wahrscheinlichkeit, damit unnötig Anstoß zu erregen, war zu groß. Ich folgte der alten Karate-Regel „Jeder vermiedene Kampf ist ein gewonnener Kampf“, und begann, nach Alternativen zu suchen. Der neue Name sollte eine ähnliche Harmonie zwischen Vokalen und Konsonanten enthalten. Um zusammen mit dem Nachnamen Kithera einen rhythmischen Fluss zu ergeben, sollte es wieder ein dreisilbiges Wort mit der Betonung auf der zweiten Silbe sein. Weibliche Vornamen kamen von Vorneherein nicht infrage. Ich wollte nicht so verrückt sein, mir als Mann ein weibliches Pseudonym zuzulegen. Mir fiel zuerst „Adelpho“ ein. „Adelpho“ heißt auf Altgriechisch Bruder, außerdem weckt es Anklänge an Delphi, die berühmte Orakelstätte des Sonnengotts Apoll. Es hätte ja auch zum ebenfalls griechischen Nachnamen gut gepasst. Aber „Adelpho“ war kein gebräuchlicher Name, war eine Neuschöpfung, die sofort wieder Fragen aufwarf. Also probierte ich weiter aus, kam auf Gandolfo, Orlando, Anselmo, Umberto, Alfonso, Aljoscha, Arjuna ( den Freund Krishnas im Mahabharata), Ananda (den Vetter und nahen Schüler Buddhas). Aber die Klangfolgen dieser Namen gefielen mir alle nicht so gut wie die von „Adolfo“. Es war wirklich eine Schande, dass dieser so schöne Name so unselig besudelt war. Schließlich hatte ich den erleuchtenden Einfall: Rudolfo. Darin war die schöne Klangfolge von Adolfo weitgehend erhalten. Als ich dann im Gesamtnamen Rudolfo Kithera die schon im ersten Gedicht angesprochene Vokalabfolge U O I E A entdeckte, war mir klar, dass ich sogar noch einen besseren Vornamen gefunden hatte, und bin dabei geblieben.












zu "Mein Weg - nach, mit und vor Anderen", S.32


Ich und du


Ich bin ich, und du bist du.

Du bist du, und ich bin ich.


Ich bin auf der Welt,

um zu lieben,

was mir liebenswert ist.

Ich bin in der Welt,

um zu tun,

was ich für wichtig halte,

was ich für richtig halte.


Und du bist auf der Welt,

um zu lieben,

was dir liebenswert ist.

Du bist in der Welt,

um zu tun,

was du für wichtig hältst,

was du für richtig hältst.


Wenn wir uns dabei begegnen,

ist das schön.

Wenn es geht,

können wir ein Stück gemeinsam geh’ n.

Wenn es nicht geht,

kann ich es nicht ändern.

(frei nach Fritz Perls)





zu "Alles getan, alles gescheh' n", S.36

Sindbads Heimkehr


Es ist vorbei, ich bin zurück,

vom Weg, der ohne Ausweg war.

Dass ich zurück bin, ist mein Glück.

Er war von Anfang an nicht gehbar.

Doch das ist mir erst heute klar.


Ich könnte ja den Tag verfluchen,

an dem ich mich entschloss, zu geh‘ n.

Doch würde das ja nichts mehr ändern.

Das, was gescheh‘ n ist, ist gescheh‘ n.


Doch was gescheh‘ n ist, ist vergangen.

Es wirkt nicht bis zu diesem Tag.

Ich bin nicht mehr darin gefangen,

bin frei für das, was kommen mag.


Das, was ich nahm, das, was ich gab,

ist längst des Todes reife Beute,

ruht friedlich still in seinem Grab.

Nur Weniges lebt fort bis heute.


Von allen Schritten, die ich machte,

bleibt hier im Boden keine Spur.

Die Lieder, die ich schrill krakehlt hab’,

hört keiner hier, ob Moll, ob Dur.


Die Wand, die ich so grell beschmierte,

aus Übermut wie einst als Kind,

ist übertüncht mit weißer Farbe,

wieder gebleicht von Licht und Wind.


Die Vase, die ich hektisch umstieß,

die Schätze, die ich ungeborgen,

die Äpfel, die ich faulen ließ,

(zu faul, um sie vom Baum zu pflücken)

sind weder heute da noch morgen.


Das Geld, vergeudet und verschwendet,

im Rausch verspielt bei Wein und Bier,

ist nicht mehr wirklich, nicht mehr wichtig

in meinem Da-Sein jetzt und hier.


Ich bin zurück von langer Irrfahrt,

geh nicht mehr fort, bleib nun zu Haus.

Das Unbekannte lockt mich nicht mehr,

sieht nicht mehr vielverheißend aus.


Der Reiz des Neuen ist verflogen.

Ich suche keine andere Braut.

Was er verspricht, ist doch gelogen.

Ich trau’ jetzt dem, was mir vertraut.



PS.

Zeit ist Entstehen, ist Bestehen, ist Vergehen.

Das, was vergänglich ist, ist nun vergangen.

Vergänglichkeit vergeht jetzt in Beständigkeit.







Kommentar:

Um in der Gegenwart zu leben, muss ich zuerst einmal Vergangenes los lassen, das mich unnötig belastet.
Erst frei von Vergangenheit bin ich frei für die Gegenwart.


Und es ist mehr unnötig, als wir glauben.
Nur das, was wirklich ist, ist wichtig.
Von der Vergangenheit ist nur das heute noch wichtig, was immer noch wirklich ist.

Und immer noch wirklich ist nur das, was immer noch wirkt, bis in die Gegenwart hinein.

Was einmal wirklich war, doch nicht mehr ist, das ist auch nicht mehr wichtig.
Halte es nicht fest!
Es ist Ballast, schwere Steine in deinem Rucksack, die für nichts nützlich sind, die du nicht brauchst.
Schleppe sie nicht weiter mit!


Nur Schulden, die noch beglichen werden müssen, belasten.

Schulden, die schon längst getilgt sind, nicht.

Und die meisten Schuldscheine sind längst verfallen.


Viele Straftaten sind längst verjährt.

Viele sind nie angezeigt worden.

Und die meisten sind nicht einmal bemerkt worden.







Doch vielleicht sagt sich Sindbad ja schon nach ein paar Jahren wieder Folgendes:



Aufbruch

Aufbruchswille – doch wohin?

Neuland ist nicht in Sicht.

Was vor mir liegt, ist schon bekannt,

braucht den Entdecker nicht.


Wo liegt ein Goldschatz immer noch versteckt?

Wo ist die Quelle, die bisher noch nicht entdeckt?

Es gibt schon Häfen da, wo Flüsse münden.

Wo ist die Wahrheit, die noch zu verkünden?


Den Hof der Väter hab’ ich aufgegeben.

Ich wollte dort nicht sicher weiterleben.

Das mir so lang Vertraute war ich satt.

Viel wagt nur der, der keine Heimat hat.


Dass ich doch eine Antwort find’ ,

kann ich nur drängend hoffen.

Sonst bleiben, wenn der Vorhang fällt,

all' diese Fragen offen.











Zu „Noch jung, schon alt“, S. 68

Most, Rost und Frost



Lang ist es her, da war ich frischer Most,

noch rohes Eisen in des Feuers Glut.

In diesen Jahren da ging ab die Post.

Mir fehlte der Verstand, doch nicht der Mut.


Jetzt sagt mein Bauch mir: „Änder’ deine Kost!

So viel zu essen, das ist nicht mehr gut.

An altem Eisen frisst zu schnell der Rost,

wenn man nur sitzt, nicht aufsteht und was tut.


Und irgendwann muss ich wohl schließlich sagen:

„game over, paradise is lost.“

Doch hab’ ich keinen Grund, das zu beklagen.

Im Winter gibt es nun mal Kälte, Eis und Frost.













zu "Beim Ölbaum", S. 80




Ist das nichts


Du bist jung und du sagst:

Es gibt nichts, was dich hält.

Da wär nichts,

was sich lohnen könnt,

in deiner Welt.

Und du sagst:

Du siehst wirklich in nichts einen Sinn.

Und dann wirfst du alles hin.


Ist das nichts,

dass du suchst,

dass du zweifelst und fragst?


Ist das nichts,

dass du traurig warst

und wieder lachst?


Ist das nichts,

dass du sagen kannst:

„ich esse mich satt“,

während irgendwo jemand kein Reiskorn mehr hat?


Ist das nichts,

dass du helfen kannst,

wenn du nur willst?


Ist das nichts,

dass du Sehnsucht nach irgendwas fühlst,

dass du lebst,

wo die Freiheit ein Wort nicht nur ist?

Ist das nichts, ist das nichts,

ist das wirklich nichts?



Hör mir zu,

meinst du nicht,

du, es wär ´endlich Zeit

für ein wenig Dankbarkeit?


Du verkriechst dich und sagst,

du siehst nirgends ein Ziel.


Schau dich um auf der Welt:

Auf dich wartet so viel.

Es gibt Menschen,

die würden gern tauschen mit dir.

Es liegt sehr viel auch an dir.


Ist das nichts,

dass du weißt,

wo du schläfst heute Nacht.


Ist das nichts,

wenn ich sag:

„Ich hab´ an dich gedacht“?


Ist das nichts,

wenn du ahnst,

dass es irgendwen gibt,

an den du zwar nicht glaubst

und der trotzdem dich liebt?


Ist das nichts

Dieser Sonnenstrahl auf deiner Haut?

Ist das nichts,

dass ein Mensch dir verzeiht und vertraut?


Ja, du lebst,

wo die Freiheit ein Wort nicht nur ist.

Ist das nichts, ist das nichts,

ist das wirklich nichts?


Hör mir zu ,

meinst du nicht,

du, es wär ´endlich Zeit

für ein wenig Dankbarkeit?

(Udo Juergens)








zu S. 82, "Rosten, rasen, rasten"

Die Liste sprach-spielerischer „Besser als“-Sprüche ließe sich beliebig erweitern:



lieber sich selbst ins Hemd scheißen als einem anderen ins Herz schießen

besser einen „Tatort“ sehen

als wirklich einen Mord begehen

besser sich einbringen als sich umbringen.

lieber an etwas dran gehen als bei etwas drauf gehen

besser lässig als nachlässig

lieber gelassen als verlassen


besser wochenlang die Grippe als für immer ein Gerippe

lieber in einem Schacht fest stecken als in einer Schlacht verrecken




besser ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach.
lieber zehn Tauben in der Hand als ein Spatz auf dem Dach (Alexis Sorbas)




lieber horchen als gehorchen

besser auf das achten, was man hört, als auf das achten, was sich gehört.

lieber den achten, den man hört, als auf das achten, was man hört


lieber hören als sich ver-hören.

besser sich verhören als jemanden verhören




besser etwas bieten als etwas ver-bieten

besser etwas anregen als sich aufregen




lieber mit einem jungen Schatz in die Kiste geh’n

als einen alten Schatz in einer Kiste suchen


besser nackt in der Sauna schwitzen als nackt in eisiger Kälte sitzen

lieber Schamlippen küssen als Schlamm schippen müssen
(Spruch auf einem Klo)



Lieber ne kesse Lesbe als ne freche Wespe.

Lieber ne schwule Hand als ein schwüles Land.


lieber prassen in Rom als beichten im Dom


lieber schön träumen bis zum Morgen als schon aufwachen mit Sorgen


besser ein lustiges Gelage als ein lästiges Gefrage


besser beengt im engen Turm als draußen frei im wilden Sturm

lieber Wochen ohne Sonne als zwei Tage ohne Wonne


besser eine Fackel, die die Nacht erhellt,

als ein Dackel, der den Mond anbellt


lieber Schwein haben als Schwein sein

besser mit dem Hund gehen als auf den Hund kommen




besser herrlich als herrisch

lieber damenhaft als dämlich

besser kindlich als kindisch






besser auf dem Teppich bleiben als unter den Teppich kehren.

lieber auf einem Teppich fliegen als auf dem Teppich bleiben




lieber laufen als sich ver-laufen

lieber lieben als sich ver-lieben

(Man könnte die beiden letzten Sätze zu einer Proportion zusammenfassen:

Lieben verhält sich zu Sich-Ver-Lieben
wie
Laufen zu Sich-Ver-Laufen)


lieber sich verlassen können als verlassen müssen









zu S. 84, "Stufen: von 'un-' zu 'über' "
( und auch zu "Drei-Schritt des Urteilens" aus Teil 2, S. 144)



Die Treppe

Der Weg ist eine Treppe - gebaut aus vielen Stufen.

Du kannst nicht seh'n, wo sie beginnt;

siehst auch nicht, wo sie endet.

Nur ein paar Stufen kannst du seh'n,

am klarsten die, auf der du stehst,

dann noch die letzten hinter dir

und vor dir schon die nächsten.



Keine der Stufen kannst du überspringen.

In festgelegter Folge musst du geh'n.

Denn jede Stufe gründet auf der letzten

und bildet selbst den Boden für die nächste.

Sei deshalb mit Geduld auf deiner Stufe!

Treib dich nicht hastig weiter, lass dir deine Zeit!

Nur wenn du diese Stufe voll und ganz durchlebt hast,

kannst du mit sicherem Fuß zur nächsten weiterschreiten.

Doch steh' auch nicht zu lang' auf einer Stufe!

Sie lädt nicht ein zum ewigen Verweilen.

Sie ist ein Rasthaus, ist kein Ort zum Wohnen.

Der Sinn der Treppe ist das Aufwärts-Steigen.

Wenn die Zeit reif ist, sei dazu bereit!

Dann
ruft dich eine mächt'ge Stimme:

"Komm' doch zu mir nach oben!"

Und wenn du sie nicht hören willst,

wenn du zu träge bist, zu feig',

fällst du zurück nach unten.


Die Treppe insgesamt ist wie ein Fluss.

Schiebe den Fluss nicht an!

Halte den Fluss nicht auf!

Lass' ihn nur fließen!




Kommentar:


Stell dir mal, lieber Leser, zwei Menschen vor! Der eine ist blind, kann aber gehen. Der andere ist gelämht, kann aber sehen.

Dann ist es durchaus sinnvoll, dass der Gelähmte den Blinden trägt und für ihn, mit ihm geht, und dass der Blinde für den Gelähmte sieht, ihm sagt, wohin er gehen kann.

Nun haben die beiden Glück. Der Blinde kann wieder sehen, der Gelähmte wieder gehen.

Wenn sie dann so weiter machen wie bisher, ist das nicht mehr sinnvoll.

Jetzt behindern sie sich gegenseitig dabei, das zu leben, was sie können. Der eine lernt nicht, seine Augen zu nutzen, der andere nicht, seine Füße.

Auf beiden Stufen pflegen sie eine sogenannte symbiotische Beziehung. Doch wie das zu bewerten ist, hängt davon ab, wo sie stehen.

Was auf einer Stufe Fortschritt ist, wird auf der nächsten Stillstand und Rückschritt.




Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

in andere, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

der und beschützt und der uns hilft, zu leben.


Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

an keinem wie an einer Heimat hängen.

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen.

Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise,

und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen.

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

uns neuen Räumen jung entgegen senden,

des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse)





zu "Paradies und Schlange", S. 87


Es gibt ein italienisches „geflügeltes Wort“: „Vedere Napoli e morire“ (Neapel sehen und sterben). Genauso gut oder besser könnte es heißen: „Vedere Amalfi e morire“.
Die Amalfiküste bietet den Augen einen Rausch, so großartig, so einzigartig, dass sich die Frage aufdrängt: „Was gibt es denn jetzt noch, was ich unbedingt gesehen haben muss?“

In der Villa Rufolo von Ravello sah Richard Wagner den Garten des Zauberers Klingsor. Doch Zauberer zaubern nicht umsonst. Rumpelstilzchen fordert von der Müllerstochter einen Preis dafür, dass es Stroh in Gold verwandelt.

Und wer den „Sentiero degli dei“, wandelt, den „Weg der Götter“, ohne wirklich ein Gott zu sein, wird für diese Überheblichkeit bestraft.

Meine Strafe bestand in unzähligen Mückenstichen und einer heftigen Erkältung. (Die Mücken der Amalfiküste waren im Jahr 2016 wirklich hinterlistig und heimtückisch. Sie verrieten sich nicht durch Summen, waren so klein, dass man sie nur schwer entdecken konnte, doch sie waren angriffslustig und ihre Stiche hochgiftig, entzündeten sich leicht und hinterließen große Narben.)

In jedem Paradies gibt es mindestens eine Schlange. An der Amalfiküste waren die Mücken nicht die einzige. Es gab noch drei weitere: Steile Treppen, die endlos zu sein scheinen, superreiche Amerikaner, die die Preise verdarben, und überfüllte Busse, wenn man eben nicht zu den Superreichen gehörte und sich ein Taxi leisten konnte, das jedoch auch auf der verstopften Küstenstraße im Stau stecken blieb. Gegen diese Schlangen kann man sich nur schwer schützen – auch dann, wenn man nicht so naiv und unvorsichtig ist, wie wir es waren.

Doch der Garten Klingsors ist so bezaubernd, dass ich den Preis jederzeit erneut bezahlen würde. Und den „Weg der Götter“ zu gehen, ist so beeindruckend und überwältigend, dass ich ihn immer wieder gehen würde. Das Paradies bleibt ja auch mit den Schlangen ein Paradies.








zu "Spielen mit Rheingold", S. 100

Wenn ich etwas wichtig nehm’,

dann geb’ ich ihm Gewicht,

dann mache ich es schwer,

dann mach ich es mir schwer.

Denn das, was schwer ist,

das ist oft auch schwierig.

Viele Erstgeborene und Einzelkinder gehen mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und Schwere durchs Leben.

Warum?

Sie wurden von ihren Eltern viel zu wichtig genommen.

Daher nehmen auch sie vieles zu wichtig.


Ich spreche da aus eigener Erfahrung.

Ich bin selber der Erstgeborene eines Erstgeborenen,

der älteste Sohn eines ältesten Sohns.


Manchmal will ich meiner sicher auch selbst gewollten Wichtigkeit und Schwere entkommen. Und dann ergreift mich folgende Stimmung, folgende Sehnsucht nach Unbeschwertheit, Lockerheit und Leichtigkeit:


Manchmal erträum’ ich mir, ich wäre schwerelos,

wünsch’ mir, ohne Gewicht luftig zu schweben,

oder zumindest nur so leicht zu sein,

dass ich die Erde mit den Füßen kaum berühr’,

dass ich kaum Spuren hinterlasse auf dem Boden;


da mitzuspielen, wo es um nichts geht,

da, wo ich nichts gewinnen, nichts verlieren kann,

das, was ich tu, genauso lassen könnte,

das, was ich sage, wichtig ist für keinen;

das, was ich mache, einfach keine Wirkung hat,

wo zwar die Lage hoffnungslos, jedoch nicht ernst ist,

weil es nicht um ein Ziel, nicht ein Ergebnis geht.

Ich kann nur springen, tanzen, ausgelassen hüpfen,

wenn meine Füße nicht belastet sind durch Kugeln

aus schwerem Blei, die ich nur mühsam schleppe.


Manchmal ersehn’ ich mir ein Leben,

das leicht und seicht ist wie ein Rosenmontagszug,

wo ich gedankenlose Narrheit plappern kann,

sinnloses Zeug, bedeutungslos, belanglos

das niemand ernst nimmt, niemand hinterfragt.


Ich wünsch mir manchmal, da zu gehen,

wo es mir selber um nichts geht,

da, wo ich gar kein eigenes Ziel hab’,

das ich erreichen will, erstreb’,

da, wo ich selbst nirgendwo hin will,

ich nur gelassen, heiter, unbefangen,

Andere begleit’ auf ihrem Weg,

auf dem ich einfach mitlauf',

den ich gar nicht kenn' .







zu "Nicht mehr noch mehr", S. 103


Sucht des Suchens


die nie findet,

(auch nicht finden will und kann),

weil vom Finden sie nichts weiß,

die nicht kennt gelöschte Flamme,

nur ein Feuer – lodernd heiß,


die erschaudert vor dem Finden,

weil das ist ihr sicherer Tod,

immer Neues sich erfindet

ohne Sinn und ohne Not.


die uns hält gehetzt, getrieben

immer vorwärts ohne Rast,

nicht ersterben will im Frieden;

sie gedeiht ja nur in Hast.


Nur in ihrem Tode kann erst

wahres Leben aufersteh’ n.

Weil das Glück im Frieden gründet,

muss sie gründlich untergeh’ n.





















zu "Schlusslicht", S. 106

Auf La Gomera


Auf La Gomera gibt es keine Fragen.

Einfach zu leben ist hier Sinn und Zweck.

Auf La Gomera darf man alles tragen.

Und was nicht hier ist, ist zum Glück weit weg.


Hier kann man überall gut wandern.

Hier kann man so sein, wie man ist.

Auf La Gomera schätzt man noch den Ander’n.

Auf La Gomera gibt’s viel Tolles, wenig Mist.


Das ganze Jahr herrscht hier ein mildes Klima.

Jedoch im Winter ist es schöner als im Sommer.

Im Sommer wütet öfter die Kalima.

Wer einmal kommt, ist oft ein Wiederkommer.


Am Strand, da gibt es abends Feuertanzen.

Hier kann man alles sagen, was man denkt.

Auf La Gomera gibt es keine Abhörwanzen.

Nicht alles wird von Geld und Macht gelenkt.


Hier ist der Ort, wo ich gern länger bliebe.

Auf dieser Insel gibt es wenig, was mich stört.

Auf La Gomera gibt es vieles, was ich liebe.

Hier kann ich leben, was zu mir gehört.



Einige Bilder







Am liebsten haben ist Unsinn

(August Macke)


Zwei Schwestern



Ich gehe in ein Haus mit sieben Schwestern.

(Genau genommen sind es sogar acht;

die letzte jedoch ist nur zwergengroß,

wird deshalb von den meisten übersehen.)


Ich stelle euch nun zwei von ihnen vor:

Sie sehen ähnlich aus, sie sind ja beide Töchter

der Erdentiefe und des Feuerzorns.

In ihrem Wesen sind sie jedoch sehr verschieden.


Die eine ungeschminkt und ungeschmückt,

mit wilder Haarpracht, nicht einmal gekämmt,

ein armes Straßenkind in einem Bauernkittel,

das ihrer Schönheit gar nicht klar bewusst,

unschuldig, unverdorben, ungekünstelt

noch unbekümmert, unbefangen herzlich.

Im Grunde müsste sie so heißen wie die and’re.

Da sie die ältere ist, hat sie mehr Falten.

Doch gerade die machen sie umso schöner.

Sie ist viel kleiner, auch etwas gedrungen,

nicht hochgewachsen schlank wie ihre Schwester.


Die andere war mal reich, bekannt, sogar berühmt,

lud Gäste in ihr Haus aus aller Welt.

Sie trägt voll Stolz das goldene Diadem,

das ihr geblieben ist aus frohen Jugendjahren.

Noch immer ist sie launenhaft wie eine Diva,

verschleiert und enthüllt sich wie sie will.

Ihr Kleid ist grün – mit farbenfrohen Bändern.

Die Stirn ist oft verdeckt durch grauen Wolkenkranz.

Die Strümpfe, die sind schwarz und manchmal weiß der Hut;


Sie zu vergleichen, das macht keinen Sinn.

Jede ist wunderschön auf ihre eigene Art.

Die eine, die heißt einfach La Gomera,

die andere nennt sich selbstbewusst La Palma.
















zu "Geh einfach los", S.114

Einfach machen

Es war einmal ein Löwe, der lebte im Wald. In diesem Wald gab es auch ein Wasserloch mit wunderbar frischem Wasser. Das war der Lieblingsplatz des Löwen; hier lag er besonders gern. Da in diesem Wald immer Wind wehte, war das Wasser immer in Wellen, und nie spiegelte sich etwas in diesem Wasser.

Eines Tages ging der Löwe auf die Suche nach Beute. Weil ihn das Jagdfieber packte, merkte er gar nicht, dass er den Wald verließ und in die Wüste lief. Erst als er schon zu weit von seinem Wasserloch entfernt war, spürte der Löwe einen starken Durst. Doch er roch, dass es auch ganz in der Nähe Wasser gab. Er lief deshalb in diese Richtung und sah auch schon bald einen kleinen See, tiefblau, ohne Wellen, spiegelglatt. Der Löwe freute sich schon darauf, das frische Wasser zu schlürfen, doch als er seinen Kopf über den Uferrand streckte, sah er einen anderen Löwen und erschrak. Er lief zurück zu einem Platz im Schatten, wollte sich einen Moment auszuruhen, weil er dachte: „ Ich warte einfach ab. Irgendwann wird der Andere ja weg gehen, und dann kann ich trinken."

Aber als er nach einiger Zeit zum zweiten Mal versuchte, seinen Durst zu löschen, war der Andere immer noch da. Enttäuscht schlich der Löwe zu seinem Schattenplatz zurück. Als er wieder da lag, begann er, sich über sich selbst zu ärgern, sich selbst mit Vorwürfen fertig zu machen.

Irgendwann geschah es - irgendwie, dass dieser Ärger sich wieder nach außen richtete, auf diesen unverschämten anderen Löwen, und er rannte auf den See zu, um ihn zu verjagen. Er riss das Maul möglichst weit auf und brüllte so laut er konnte. Doch der andere Löwe riss das Maul genauso weit auf und brüllte genauso laut zurück. Er trottete also zu seinem Platz zurück und war jetzt ratlos und hilflos.

Der starke Durst zwang ihn, es trotzdem ein 4. Mal zu versuchen. Dieses Mal starrte ihn ein verängstigter Löwe an. Damit hatte er nun gar nicht gerechnet, das brachte ihn völlig durcheinander.

Zermürbt von all diesen gegensätzlichen Gefühlen - Hoffnung und Enttäuschung, Ärger und Angst - und verwirrt durch die widersprüchlichen Erfahrungen, geriet der Löwe schließlich in einen Gemütszustand, in dem er nichts mehr zu verlieren hatte, ihm alles egal war und er sowieso nicht mehr wusste, was günstig oder ungünstig, richtig oder falsch war.

In einer solchen Stimmung raffte er sich doch noch einmal zu einem letzten Versuch auf und schlenderte mit einer merkwürdigen Gelassenheit auf den See zu. Zu seiner Verwunderung hörte er in sich eine Stimme, die sagte:

Ich mach es einfach, mach es einfach.

Ich bin einfach, bin einfach.

Der Löwe kam an das Ufer, streckte den Kopf über das Wasser, achtete gar nicht mehr auf den anderen Löwen und trank einfach. Sein Schlürfen brachte das Wasser in Bewegung, es warf Wellen, und es war kein anderer Löwe mehr da.



Einfach machen ist einfach machen;

etwas einfach machen, sich einfach machen.

Einfach machen bedeutet, zu sehen,

dass etwas einfach ist, dass ich einfach bin,

das ich einfach bin.






zu"Berg und Himmel", S. 132


Vielleicht ist der Berg ein Hindernis

für den Blick auf den Himmel.

Der Himmel ist vielleicht ein Hindernis

für das Leben am Berg.


Männer -

es sind (mal wieder) fast ausschließlich Männer - ,

die mit verbissenem Eifer zornig dafür kämpfen,

sogar so blind sind, dass sie dafür morden,

dass nur der Himmel auf der Erde Macht hat,

über die Menschen er alleine herrscht ,

gebietet und verbietet, und als Richter straft,

verhindern nur mit schrecklicher, erschreckender Gewalt

dass Frieden waltet auf der Erde,

dass Liebe Lebensfreude bietet,

unter den Menschen Freiheit herrscht.




Imagine there's no heaven

It's easy if you try

No hell below us

Above us only sky

Imagine all the people

Living for today... Aha-ah...


Imagine there's no countries

It isn't hard to do

Nothing to kill or die for

And no religion, too

Imagine all the people

Living life in peace... You...


You may say I'm a dreamer

But I'm not the only one

I hope someday you'll join us

And the world will be as one

(John Lennon, Imagine)




freie Übersetzung:

Stell' dir mal vor: Es gibt gar keinen Himmel.

Versuch es doch! Dann siehst du, es geht leicht.

Unter uns, da gibt es keine Hölle.

Und über uns leuchten allein die Sterne.

Stelle dir vor, dass alle Menschen

nur leben für das Hier und Heute.


Stelle dir vor, es gibt gar keine Staaten!

Das kannst du doch, es ist ja gar nicht schwer.

Nichts, um dafür zu töten und zu sterben.

Religion, die gibt es auch nicht mehr.

Stelle dir vor, dass alle Menschen,

einfach ihr Leben leben - in Frieden!


Du sagst vielleicht, ich sei ein Träumer.

Doch steh ich damit nicht allein.

Ich hoffe, irgendwann gehörst auch du zu uns.

Und die Welt, sie wird geeint sein - dann.








zu „Nicht alles, doch genug“, S. 134




Schwarz und Weiß



Sieh (manchmal ) schwarz!

Sieh (manchmal) weiß!

Sieh schwarz und weiß!



Sieh nicht nur immer

schwarz oder weiß!



Es gibt auch grau.

Es gibt auch rot und Blau.










Neufassung von "Himmel und Erde", S. 137
Als Frau und als Mann


Der Mensch ist Mensch als Mann und Frau,

als Frau auch Mann, als Mann auch Frau,

auch als Mann Frau, auch als Frau Mann.


Als Mann denke ich „nur“.

Als Frau denke ich „auch“.


Als Frau sagst du "und".

Als Mann sagst du "aber".


Als Frau denke ich „mit“.

Als Mann denke ich „ohne“.


Als Frau sagst du „hier“.

Als Mann sagst du „dort“.


Als Frau denke ich „jetzt“.

Als Mann denke ich „dann“.





Als Frau gleich' ich dem A,

dem Delta, breit und flach.

Als Mann gleich ich dem U,

der Treppe, eng und steil.

Als Mann gleichst du dem E,

Gräben, die Abstand schaffen.

Als Frau gleichst du dem O,

Händen, die sanft umfassen.











Als Frau gleichst du dem Kreis.

Als Mann gleichst du dem Kreuz.




Das Kreuz geht auseinander, in vier Richtungen, nach außen ohne Grenzen offen.

Es teilt die Welt in oben und unten, links und rechts.

Rechts ist verwandt mit Recht und richtig.

Wenn rechts Recht ist, dann ist links Un-Recht.

Und wenn rechts richtig ist, dann ist links falsch.

Das Kreuz teilt die Welt in vier Gebiete -

durch klare Linie scharf und streng getrennt.

Und jede Erfahrung wird in eine der vier Gebiete einge-ortet, einge-ordnet.

Jede Erfahrung ist entweder oben oder unten, richtig oder falsch.

Und sie kann nicht oben und auch unten, richtig und auch falsch sein.


Als Mann ordne ich die Welt durch Denken in Gegensätzen,

unter-scheidend und unter-schiedlich wertend.

Ich ordne ein, ich ordne zu,

ich ordne über, ordne unter.


Und


Der Kreis ist eine Grenz-Linie, in sich geschlossen,

die innen und außen trennt.

Er blickt nach innen - als ein-zige Richtung.

Was außen liegt, ist Hintergrund - unbeachtet, unbedeutend.

Alles, was innen liegt, fasst der Kreis zusammen, hält er zusammen, ver-einheit-licht er, ver-eint er -

bezieht es auf die Mitte.

Der Kreis macht ein-fach, ist ein-fach, ist eins-fach.

Und er stellt nebeneinander in Gleichheit

Alle Punkte auf dem Kreis sind dem einen gemeinsamen Mittelpunkt gleich nah.


Als Frau füllst du das Leben aus,

von der Grenze des Leb-baren, Mach-baren, Lieb-baren bis zur Mitte.

Alles, was diesseits der Grenze liegt, fasst du zusammen

zu gleich-wertiger Ein-heit,

ver-einst, ver-einigst und verbindest das Neben-einander

zu einem Mit-einander.

Jenseits der Grenze liegt das Extreme,

das nicht mehr leb-bar, nicht mehr machbar, nicht mehr lieb-bar ist.









Dehn' grenzen-frei dich aus als Kreis!

Füll' innig reich dich ein als Kreuz!


Werde Kreiskreuz!

Werde Kreuzkreis!



Bleib’ als Mann ein Mann!

Du musst nicht Nur-Mann bleiben!

Sei als Mann auch Frau!



Bleib’ als Frau ne Frau!

Du musst nicht Nur-Frau bleiben.

Sei als Frau auch Mann!


Werde Voll-Mensch –

heil und ganz!














Es gibt sicher ein "männliches" und ein "frauliches" Prinzip -

das "Ewig-Weibliche" und "Ewig-Männliche".

Beide sind Pole des Mensch-Seins, zwischen denen das Mensch-Leben,

Einseitigkeit ausgleichend, hin und her schwingt.

in jedem Menschen -

ganz gleich, ob Frau, ob Mann.


Es gibt "Männliches" auch in Frauen.

Und es gibt "Frauliches" auch in Männern.


Es gibt Männerseelen (Männergeist) in Frauenkörpern.

Und es gibt Frauenseelen (Frauengeist) in Männerkörpern.


Es gibt Männer in Frauenrollen.

Und es gibt Frauen in Männerrollen.



Selbstverständlich verwirklicht ein männlicher Feinschmecker, der gemütlich von seinem Gourmettempel zu der heutigen Weinprobe schlendert, mehr das „frauliche“ Prinzip des Ankommens und Genießens in der Gegenwart als eine Frau, die erst zufrieden ist, wenn sie auch noch das letzte Staubkörnchen beseitigt hat (ein Ziel, was sie vielleicht nie erreicht). Und natürlich greift eine Frau wie Rosa Luxemburg, die eine politische Vision hat, die sie mit konsequenter, hartnäckiger Zielstrebigkeit verfolgt, mehr nach den Sternen als ein Mann, der sich damit begnügt, abends mit einer Pulle Bier vor der Glotze zu sitzen.

Natürlich können beide Grundprinzipien von Männern und Frauen gleichermaßen gelebt werden.





Kommentar:

Zu dem unerschöpflichen Thema "Frauen/Männer" einige ernst gemeinte und einige weniger ernst gemeinte Zeilen:



Das Männerkaufhaus


Das ist nicht etwa ein Haus, in dem Männer einkaufen. Es ist ein Haus, in dem Frauen einkaufen, in dem Männer von Frauen gekauft werden können.


Am Eingang erklärt eine große Tafel die Einkaufsregeln:


„Das Geschäft darf nur einmal besucht werden.

Es gibt sechs Stockwerke.

Auf jeder Etage werden die Qualitäten der Männer besser.

Sie können sich einen Mann aussuchen aus der Etage, in der Sie sich gerade befinden.

Oder Sie können ein Stockwerk weiter hochgehen und sich dort umsehen.

Sie können aber nicht zurück auf ein niedrigeres Stockwerk gehen.“


Eine Frau betritt das Geschäft:


Im ersten Stock liest sie auf einem Schild:

Diese Männer haben Arbeit.


„Das ist mir zu wenig“, denkt sie sich. „Arbeit ist doch nicht alles.“


Im zweiten Stock steht auf dem Schild:

Dies Männer haben Arbeit und mögen Kinder.


„Das ist ja schon besser, aber noch nicht gut genug“, sagt sie sich.


Im dritten Stock hängt ein Schild.

Diese Männer haben Arbeit, mögen Kinder und sehen gut aus.


„ Das ist ja schon ganz gut“, denkt sie sich. „aber vielleicht gibt es ja

noch was Besseres“.


Sie geht in den vierten Stock und liest:

Diese Männer haben Arbeit, mögen Kinder, sehen verdammt gut aus und helfen gerne im Haushalt


„Besser geht ja wohl nicht“, denkt sich die Frau. Aber andererseits – es sind ja noch zwei Stockwerke da. Wer weiß, was es da noch alles gibt.“


Im fünften Stock steht zu lesen:

Diese Männer haben Arbeit, mögen Kinder, sehen verdammt gut aus, helfen gerne im Haushalt, haben eine romantische Ader und fragen Frauen immer nach ihrer Meinung.


Sie ist begeistert. „Das ist ja nicht mehr zu toppen.“

Doch sie gehört zu den Frauen, die kein Schuhgeschäft verlassen können, bevor sie nicht jedes einzelne Paar Schuhe wenigstens einmal in der Hand hatten, und steigt die Treppe hoch in den sechsten Stock.


Wieder findet sie ein Schild.

Sie sind die Besucherin Nummer 436089.

Auf dieser Etage gibt es leider keine Männer mehr.

Sie dient lediglich dazu, zu beweisen, dass Mann es Frauen niemals Recht machen kann, dass es unmöglich ist, Frauen zufrieden zu stellen.


Vielen Dank für Ihren Besuch im Männerkaufhaus!




Wegen der Gleichberechtigung gibt es auf der anderen Straßenseite ein Frauenkaufhaus – auch mit sechs Stockwerken und den gleichen Einkaufsregeln.


Im ersten Stock steht auf einem Schild:

Diese Frauen sehen gut aus.


Im zweiten Stock kann man lesen:

Diese Frauen sehen gut aus und lieben Sex.


Im dritten Stock steht.

Diese Frauen sehen gut aus, lieben Sex und haben viel Geld.


Im vierten, fünften und sechsten Stock ist noch nie ein Mann gesehen worden.

(frei nach www.nip-atelier.de)










Männer tanzen nicht.

(Jedenfalls meistens nicht gerne;

die meisten nicht gerne)

Sie bauen die Mauern,

zwischen denen Frauen

-geschützt und eingeengt-

tanzen können.

Sie legen den Boden,

den sicheren Grund,

auf dem Kinder spielen können.

Und oft spielen sie nicht mit.


Das müsste nicht so sein.

Es könnte anders sein.

Manchmal ist es auch nicht so.

Doch leider ist es oft so.











Viele Frauen sagen:

"Männer sollten mehr über ihre Gefühle reden"

Und kein Mann steht auf und sagt:

"Frauen sollten auch mal über ihre Gefühle schweigen."





Ein weit verbreitetes Klischee behauptet:

Männer reden mit Frauen,

um mit ihnen zu schlafen.

Frauen schlafen mit Männern,

um mit ihnen zu reden.

Beides ist ein Missbrauch einer Erfahrung als Mittel zum Zweck,

als Mittel zu einer anderen Erfahrung





Wenn Männer Schweine sind,

dann sind Frauen Schafe.

Männer sind Menschen,

Frauen sind Menschen,

Menschen sind Menschen,

sind keine Schweine,

sind keine Schafe





Frauen lösen für Männer Schwierigkeiten,

die die Männer ohne Frauen gar nicht hätten.

Frauen sorgen dafür, dass Männer viele Dinge haben,

die Männer ohne Frauen gar nicht bräuchten.


Männer lösen für Frauen Schwierigkeiten,

die Frauen ohne Männer gar nicht hätten.

Sie geben Frauen gegen andere Männer Schutz,

den Frauen ohne Männer gar nicht bräuchten.





Frauen weichen Regeln auf,

um nicht Gefühle zu verletzen.

Männer verletzen Gefühle,

um nicht Regeln zu brechen.

(nach Ken Wilber)








Wenn es darum geht, etwas zu wissen,

frag einen Mann!

wenn es darum geht, etwas zu tun,

frag eine Frau!

(angeblich Margret Thatcher)







Argentinischer Tango

Die Frau folgt dem Mann.

Der Mann dient der Frau.


Der Mann führt

so, dass die Frau folgen kann,

gerne folgen will -

mit Freude, Spaß und Lust.


So ist Männliches und Weibliches im Gleichgewicht.


Unser Tanzlehrer sagte:

„Der Herr muss so führen, dass die Dame immer gut aussieht.“





In einer weltweiten Fernsehreportage über Paare, die schon lang Jahre harmonisch zusammengelebt haben, wird ein alter Mann nach dem Geheimnis ihres Eheglücks gefragt: Der Mann sagt: „ Das Geheimnis ist ganz einfach: In der ersten Tageshälfte tut meine Frau, was sie will. In der Zweiten Tageshälfte tue ich, was meine Frau will.“





Eine mit sich und ihrem Mann sehr zufriedene Frau sagte:

"Mein Mann und ich haben eine klare Rollenverteilung:

Er ist dafür da, dass Geld reinkommt.

Ich bin dafür da, dass Geld rausgeht.

Er sorgt dafür, dass wir Geld einnehmen.

Ich sorge dafür, dass wir Geld ausgeben."





Ein Mann sagt seufzend: „ Wir werden nie einer Meinung sein."

Die Frau darauf: „Doch!“



Der Mann sollte immer das letzte Wort haben:

"Ja, Schatz."





Zum Schluss noch einige ernsthafte Worte:

Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch, das meine Frau und ich vor einiger Zeit im Auto geführt haben. Wir sprachen darüber, in welchen Bereichen von Kunst und Wissenschaft es namhafte, herausragende Frauenpersönlichkeiten gibt. Am größten ist der Anteil von Frauen wohl in der Literatur, wo es ja viele bedeutende Schriftstellerinnen und Dichterinnen gibt. In der Musik fiel uns auf, dass es zwar jede Menge begabter und bekannter reproduzierender Künstlerinnen gab und gibt, Geigerinnen, Pianistinnen wie Clara Schumann, natürlich jede Menge Sängerinnen, jedoch kaum bekannte Komponistinnen.Tanzen schien uns sogar überwiegend ein weiblich bestimmter Kunstbereich zu sein. Wir kamen schnell darin überein, dass es jedoch anscheinend zwei Bereiche des Geisteslebens gab, in denen Frauen fast ganz fehlen: Mathematik und Philosophie (wenn man die berühmten Mystikerinnen, Hildegard von Bingen und vor allem Theresa von Avila, mal nicht berücksichtigt, nicht zu den Philosophinnen zählt).

Inzwischen habe ich dazugelernt, erfahren, dass diese Annahme, es gebe fast keine Philosophinnen, ein Vorurteil und ein Irrtum ist. Als ich mich näher mit der Frage beschäftigte, ob und wodurch sich Frauen und Männer unterscheiden, stieß ich auf das Buch „Frauen denken anders“, von einer Philosophin, Margit Rullmann (zusammen mit einem männlichen Co-Autor, Werner Schlegel) geschrieben. Wenn du dich, lieber Leser, auch selbst mehr mit dieser Thematik befassen willst, sei dir dieses Buch herzlich empfohlen. Die Autoren zeigen darin auf, wie sehr die bisherige abendländische Philosophie durch männliches, dualistisches und hierarchisches Denken geprägt ist. Kein Wunder also, dass sich Frauen wenig eingeladen fühlten, sich an diesem „Männerprojekt“ zu beteiligen. Es muss aber doch einige mehr gegeben haben als üblicherweise bekannt ist.

Die Autoren weisen darauf hin, dass es immer Ausnahmen gegeben hat:

"Aber nicht immer stimmen diese Differenzen mit dem sogenannten biologischen Geschlecht überein, denn eines soll und darf keineswegs verschwiegen werden: Es gab in der Philosophie stets auch einige Denkerinnen mit eher „männlicher“ und Denker mit – auch dies ein Grund für die gemeinsame Autorenschaft - eher „weiblicher“ Denkart. Zumindest letzteres macht Hoffnung. Für die Zukunft – nicht nur der Philosophie."

Vielleicht ist einer der ersten, der gesehen hat, dass das vorherrschende männliche Denken ergänzungsbedürftig ist, ein gewisser Jeshua ben Joseph gewesen, den viele für den Messias hielten und halten und der deshalb mehr unter seinem griechisch-lateinischen Namen Jesus Christus bekannt ist. Liebe, Barmherzigkeit, Vergebung, Frieden und Toleranz sind alles typisch weibliche Werte.

Christ sein heißt, (auch als Mann) die Wirklichkeit (auch, nicht nur!) aus einer weiblichen Perspektive zu sehen und dementsprechend zu leben. Viele Christen wissen das nur noch nicht.














zu "Glauben an mich, glauben an Gott", S. 148



Götterwahl


„Wir bestimmen unser Schicksal

durch die Wahl unserer Götter.“

(Vergil)


Den Göttern, die du wählst

musst du dann (auch) dienen.

Wähle doch Götter aus,

die auch dir dienen!

Wähle dir Götter aus.

die dich verdienen!


Du musst das Gute tun,

das deine Götter fordern.

Forder’ von Göttern,

dass sie dich fördern!

Wähle dir Götter aus,

die dir auch gut tun!


Lass’ deine Götter nicht durch andere wählen!

Bestimme selbst dein Schicksal!

Wähl’ deine Götter selber!




Kommentar:


Viele Menschen haben vergessen,

dass sie gewählt haben.


Viele Menschen haben vergessen,

wen sie gewählt haben.


Viele Menschen wissen gar nicht,

dass sie wählen können.


Viele Menschen wissen nicht,

dass sie abwählen und neu wählen können.





Als Kardinal Richelieu gefragt wurde, warum denn das von ihm geführte katholische Frankreich sich mit dem protestantischen Schweden gegen den katholischen deutschen Kaiser verbünde, antwortete er sinngemäß:


„Natürlich bin ich Priester und guter Katholik.

Aber vor allem bin ich Franzose.“


Das war damals fortschrittlich, ein Schritt vom Mittelalter in die Neuzeit. Heute ist es – Gott sei dank – rückschrittlich geworden, irgendeine Nation „über alles, über alles in der Welt“ zu stellen.


Heute ist es in Europa schon selbstverständliche Gegenwart, in anderen Kulturen leider noch notwendige Zukunft, die Sicht Richelieus folgendermaßen zu erweitern:


„Natürlich bin ich Gottgläubiger und Gottdiener.

Aber vor allem bin ich Mensch.“


Die Tage, in denen ein Mensch gesteinigt wird, weil er das „göttliche“ Sabbatgebot nicht eingehalten hat, ans Kreuz geschlagen wird, weil er angeblich Gott gelästert hat, oder ermordet wird, weil er sich über den Propheten Mohammed lustig gemacht hat, müssen für immer vorbei sein.


Alle angeblich von Gott stammenden, von Gott gewollten Gesetze müssen mit den Mitteln der menschlichen Vernunft, nach dem Maßstab der menschlichen Vernunft, daraufhin überprüft werden, ob sie wirklich dem Menschen dienen.


„Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“

Das sagte schon vor knapp 2000 Jahren ein Mensch, von dem ein großer Teil der Menschheit glaubt, er sei ein Prophet, ein von Gott Gesandter, ein noch größerer Teil der Menschheit , er komme von Gott und sei sogar selber Gott.


Das von Menschen gemeinsam Geschaffene und Gewollte muss über dem angeblich von Gott Gewollten stehen: das Grundgesetz über den "zehn Geboten", das staatliche Scheidungsrecht über dem kirchlichen, das staatliche Strafrecht über der Scharia.


Gottsucher sollte es immer noch, immer wieder geben. „Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.“ (Blaise Pascal)

Doch Gotteskrieger darf es nicht mehr geben.


Dass jemand glaubt, es sei Gottes Wille, dass einer seiner Kinder oder Diener einen anderen seiner Kinder oder Diener tötet, nicht etwa deshalb, weil dieser Andere nicht an ihn glaubt, sondern nur, weil er einen anderen Namen für ihn hat, ein anderes, natürlich falsches Bild von ihm, das muss für alle Zeit der Vergangenheit angehören.


(Und der Fortschritt der Menschheit ist gewissermaßen rücksichtslos: Die Menschheit schreitet fort und sieht nicht zurück. Wer nicht mitgeht, bleibt einfach zurück. )





Christus und die Kreuzritter


Christus hätte nie ein Schwert ergriffen –

(nur einmal eine Peitsche, mit der er die Geldwechsler und Händler aus dem Tempel vertrieb)

Er hätte nie das Schwert gezogen

gegen Menschen, nur weil sie etwas anderes glauben.

Er hätte nie seinen Glauben mit dem Schwert verbreitet.

Er wäre auch nicht gemeinsam mit den Kreuzrittern, die an ihn glaubten, gegen die Stadt gezogen,

die ihn gekreuzigt hat.

Er hätte sich den Kreuzrittern in den Weg gestellt und gesagt:

„Senkt eure Schwerter! Habt ihr vergessen, dass ich euch gesagt habe:

Wer das Schwert erhebt, wird durch das Schwert umkommen?“

Kehrt um! Ich gebe euch diesen Weg nicht frei.

Wenn ihr auf ihm weitergehen wollt, müsst ihr mich erst kreuzigen – zum zweiten Mal.

Ihr kreuzigt mich, indem ihr diesen Weg geht.

Dass ihr ihn geht, ist meine Kreuzigung.

Wer glaubt, dass er sein Schwert erhebt, weil er an mich glaubt,

glaubt nicht an mich, er glaubt an einen Götzen.

Wer für mich gegen andere kämpft, kämpft nicht für mich,

kämpft gegen mich.

Wer für mich tötet, tötet mich..


Kämpft für mich nicht mit Schwertern, kämpft mit Worten,

und auch mit Worten kämpft für Menschen, kämpft nicht gegen sie!

Kämpft mit Worten, Worten des Friedens und der Liebe!






Kommentar




... Der für die Menschheit starb


Soll niemals denn der stille Stern des Friedens wieder leuchten,

wo alle Menschen doch so gern das Dunstgewölk verscheuchten?

Soll immer denn der blutige Strom das Glück der Welt verheeren?

Steht nirgendwo ein Gottesdom, der Todesflut zu wehren?


Starb nicht dereinst am Kreuz ein Mann, die Menschheit

vom Bösen, von Neid und Haß und Teufelsbann für immer zu erlösen?

– O Jesus, hör! Die Menschheit weint und fleht um deinen Segen.

Barhäuptig neigen Freund und Feind sich dir auf allen Wegen.


Tönt Antwort von dem Kruzifix? Mir scheint, das Bild hat Leben.

Die Augen seh ich zornigen Blicks sich übers Land erheben .

.. Schweigt! Eure Demut ist zu klug! Ich helfe nicht zum Siege.

Was schert’s mich, wer mit Lug und Trug gewinn’ und unterliege?

Der für die Menschheit starb, bereut’s! Spart euch Gebet und Klage!

Schlagt ihr doch euern Gott ans Kreuz mit jedem neuen Tage!

(Erich Mühsam)






Menschheitlich

„Was ihr für einen meiner gerinsten Brüder getan habt,

das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 40)




Nur, wer mensch-heitlich denkt,

mensch-heitlich handelt,

der denkt mensch-lich,

handelt mensch-lich.

Sieh jeden einzelnen Menschen!

Sieh jeden Menschen einzelnd!

Sieh die ganze Menschheit!

Sieh die ganze Menschheit

in jedem einzelnen Menschen!

Nur, wer den Christus sieht in jedem Menschen,

der folgt dem Christus nach,

nur der ist wirklich Christ.

Sieh, dass der Christus dir begegnet,

sieh, dass er gegenwärtig ist,

nicht nur im Christen, Christusfreunden,

auch in den Christenhassern, „Anti-Christen“!

Glaub , dass der volle Mensch, der Christus

auch werden kann im Islamisten,

im Dschihadisten, Terroristen!

Christ sein heißt doch,

zu glauben an die Menschheit,

zu glauben an die ganze Menschheit,

auch die, die sich noch nicht als Menschen sehen

sondern als Moslem - oder Christen.


Bekämpf den Wahn, der einen Glauben

über die Menschheit stellt, über die Menschlichkeit!

Bekämpf den Wahn, den Aber-Glauben,

doch nicht den Menschen, der ihn glaubt!

Wenn du den Terroristen töten musst,

weil er in seinem Wahn sonst andere tötet,

vergiss nicht, dass du Christus tötest!












Zu „Es steht geschrieben“, S.152


Schon in der hebräischen Bibel, der Tenach, steht: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! (Oder in der Übersetzung Martin Bubers, die sich am Engsten an das hebräische Original hält: Lieb sei dir dein Genosse, dir gleich! Lev 19,18) Christus greift diese Tenachstelle auf, indem er sie zitiert( ich erwähne das hier ausdrücklich, weil viele meinen, dieses Gebot sei eine Neuentwicklung des Christentums, eine Weiterentwicklung über das Judentum hinaus) und macht sie zum zentralen Gebot der christlichen Ethik (Mt19,19).


Das griechische „ ἀγαπήσεις τόν πλησίον σου ὡς σεαυτὸν ist viel-schillernd,
lässt ganz verschiedene Übersetzungen zu:


.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

Liebe deinen Nächsten!

Denn er ist wie du.


Liebe deinen Nächsten als dich selbst, als dein Selbst!

Liebe deinen Nächsten!

Denn er ist du,

und du bist er.








Der neben mir am Tisch sitzt


Wenn ich Kaviar esse,

wenn ich Champagner trinke,

muss der, der neben mir am Tisch sitzt,

nicht auch Kaviar essen,

nicht auch Champagner trinken.

Auch für mich wär’ es besser, Müsli zu essen.

Auch mir würd’ es gut tun, Molke zu trinken.

Doch der, der neben mir am Tisch sitzt,

er sollte Heringe essen

er sollte Bier trinken,

nicht trockenes Brot,

nicht Wasser.


Und der, der neben mir am Tisch sitzt,

darf nicht zu wenig,

darf nicht gar nichts

zu essen und zu trinken haben.



Wenn ich im Überfluss prasse, im Übermaß schwelge,

muss der, der neben mir am Tisch sitzt,

nicht auch im Überfluss prassen, im Übermaß schwelgen.

Er muss nicht schlemmen wie ich.

Auch ich sollte weniger essen.

Auch ich sollte maßvoller trinken.

Doch er sollte essen, sollte trinken, was ihm schmeckt.

Er sollte so viel essen, dass er satt wird.

Er sollte nicht hungern und dürsten.









zu "West-östliche Harmonie", S. 158

Es gibt ein klares Grundprinzip für das Zusammenleben der Generationen:

Verantwortung, Geben fließt immer von den Älteren zu den Jüngeren, von den Eltern zu den Kindern, auch von älteren Geschwistern zu den jüngeren, so wie Wasser immer vom Berg ins Tal fließt, von der Quelle zum Meer.


Daraus ergeben sich zwei grundsätzliche Spielregeln für die Älteren und die Jüngeren:

Eltern dürfen ihren Kindern alles anbieten, geben wollen, auch ungefragt.

Und Kinder dürfen sich von dem, was die Eltern anbieten, heraus-nehmen, was sie brauchen können und das, was sie nicht brauchen können, einfach liegen lassen, ohne sich weiter darum zu kümmern.


Die Eltern müssen dabei zweierlei lernen

Erstens: Zu akzeptieren, dass die Kinder nicht alles an-nehmen, was sie geben wollen.

Und zweitens, dass sie von den Kindern nichts nehmen können; dass sie ihnen nur etwas geben können;

Dass sie von den Kindern für das, was sie geben, nichts zurückbekommen können; und dass sie auch gar nicht darauf warten, etwas zurück zu bekommen, es nicht erwarten und fordern.




Von den Kindern



Eine Frau, die einen Säugling an ihrer Brust hielt, bat:

Sprich zu uns von den Kindern!

Und er sagte: "Eure Kinder sind nicht eure Kinder!

Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach Erfüllung.

Ihr Leben kommt durch euch, aber nicht von euch,

und wenngleich sie bei euch sind, gehören sie euch nicht.

Ihr könnt ihnen eure Liebe schenken, doch nicht eure Gedanken,

denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

Ihr könnt ihre Körper beherbergen, aber nicht ihre Seelen,

denn ihre Seelen wohnen in den Häusern von morgen,

die ihr nicht betreten könnt, nicht einmal in euren Träumen.

Ihr dürft versuchen, ihnen zu gleichen;

doch trachtet nicht danach, sie euch anzugleichen,

denn das Leben läuft nicht rückwärts

und hält sich nicht mit dem Gestern auf.

Ihr seid der Bogen,

von denen eure Kinder als lebendige Pfeile ausgesandt werden.

Der Schütze sieht das Ziel auf der Bahn der Unendlichkeit,

er spannt euch in seiner Macht,

damit seine Pfeile umso schneller und weiter fliegen.

Biegt euch freudig in der Hand des schützen,

denn ebenso wie er den fliegenden Pfeil liebt,

so liebt er auch den Bogen, der standhält."

(Kahlil Gibran, Der Prophet,

zitiert aus Gunthard Weber, Zweierlei Glück)





Der goldene Ball

Was auch an Liebe mir vom Vater ward,

ich hab’s ihm nicht vergolten, denn ich habe

als Kind noch nicht erkannt den Wert der Gabe

und ward als Mann dem Manne gleich und hart.


Nun wächst ein Sohn mir auf, so heißgeliebt

Wie keiner, dran ein Vaterherz gehangen,

und ich vergelte, was ich einst empfangen,

an dem, der mir ´s nicht gab – noch wiedergibt.

Denn wenn er Mann ist und wie Männer denkt,

wird er wie ich die eigenen Wege gehen,

sehnsüchtig werde ich, doch neidlos sehen,

wenn er, was mir gebührt, dem Enkel schenkt.


Weithin im Saal der Zeiten sieht mein Blick

dem Spiel des Lebens zu, gefasst und heiter,

den goldenen Ball wirft jeder lächelnd weiter,

- und keiner gab den goldenen Ball zurück.


( Börries von Münchhausen,

zitiert aus Gunthard Weber, Zweierlei Glück)



Die Kinder müssen erstens lernen, zu akzeptieren, dass die Eltern ihnen etwas geben wollen, auch unerbeten und unerfragt;

dass sie sich nicht verpfichtet fühlen, alles anzu-nehmen, auch wenn die Eltern es von ihnen erwarten und gekränkt sind, wenn sie etwas als unbrauchbar liegen lassen.

Und zweitens, dass sie den Eltern nichts geben können und dazu auch gar nicht auf der Welt sind.





zu "Was mich etwas angeht", S. 176


Wenn du ein Problem mit mir hast,

kann ich es nicht für dich lösen.

Nur du kannst es lösen.

Wenn du es nicht in dir lösen willst,

dann wirst du es behalten.

Es gehört ja dir.

Es gehört ja zu dir.

Doch ich kann es mit dir lösen,

wenn du es mit mir lösen willst.


Wenn ich ein Problem mit dir habe,

kannst du es nicht für mich lösen.

Nur ich kann es lösen.

Wenn ich es nicht in mir lösen will,

dann werd' ich es behalten.

Es gehört ja mir.

Es gehört ja zu mir.

Doch du kannst es mit mir lösen,

wenn ich es mit dir lösen will.











zu "Dem Lieben folgen", S. 200

Sorbas schüttelte den Kopf: „Nein, Chef, du bist nicht frei. Die Leine, an die du gebunden bist, ist etwas länger als die der Anderen. Das ist die ganze Geschichte. Du hast eine lange Leine, du gehst, du kommst, du glaubst frei zu sein, aber du schneidest die Leine nicht ab. Und wenn man die Leine nicht abschneidet...“

Ich werde sie eines Tages abschneiden!“sagte ich trotzig, weil seine Worte eine offene Wunde in meinem Innern berührten, die schmerzte.

„Das ist sehr schwer, Chef, sehr schwer. Dazu braucht es ein Bisschen Verrücktheit, hörst du?. Nämlich alles zu riskieren. Du aber hast einen handfesten Verstand, er ist dein Verderben. Der Verstand ist ein Krämer, er führt Buch: So viel habe ich ausgegeben, so viel eingenommen; das ist der Gewinn, das ist der Verlust. Er ist ein guter Gescäftsmann, er setzt nicht alles aufs Spiel. Er sorgt immer für Reserven. Er schneidet die Leine nicht ab, nein, der Spitzbube hält sie im Gegenteil fest in der Hand. Wenn sie ihm entgleitet, ist der arme Schlucker verloren. Aber kannst du mir sagen, wonach schließlich das Leben schmeckt, wenn du die Leine nicht abschneidest?. Nach kamillentee, ja, nach Kamillentee, nicht nach Rum, der dich umwirft!“

Er schwieg, goss sich ein, ließ das Glas aber stehen.

„Du musst entschuldigen, Chef, ich bin nur ein einfacher Bauer. Die Worte bleiben an meinen Zähnen hängen wie der Schlamm an den Füßen. Ich kann nicht schöne Redensarten formen und Höflichkeiten sagen. Ich kann es nicht. Du aber, du verstehst es.“

Er leerte sein Glas und sah mich an.

„Du verstehst es!“ wiederholte er heftig, als ginge der Zorn mit ihm durch. „Das ist dein Verderben! Wenn du es nicht verstündest, wärest du glücklich. Was mangelt dir schon! Du bist jung, du hast Geld, du bist gescheit, du bist gesund, du bist ein guter Kerl, dir mangelt nichts. Donnerwetter! Nichts außer einem, das ist ein Stück Übergeschnapptheit! Und wenn dir das fehlt, Chef...“

Er wiegte den dicken Kopf und schwieg von neuem. Um ein Haar hätte ich jetzt geheult. Was Sorbas sagte, war richtig.

Als Kind hatte ich tolle Pläne, übermenschliche Wünsche gehabt. Ich saß allein und seufzte, weil mir die Welt zu eng erschien.

Mit der Zeit wurde ich langsam vernünftiger. Ich setzte mir Grenzen, ich begann, das Mögliche vom Unmöglichen, das Menschliche vom Göttlichen zu unterscheiden. Ich ließ meinen Papierdrachen steigen, aber ich hielt ihn fest.

(Nikos Kazantzakis, Alexis Sorbas)






zu "Messer im Dschungel", S. 210

Kleiner machen, größer machen

Wenn er dich kleiner machen will,

damit du für ihn machst das, was er will,

dann kannst du was dagegen machen.

Du musst dich ja nicht kleiner machen lassen.

Du bist genauso groß wie er.

Wenn du dich selber kleiner machen willst,

damit er für dich macht das, was du willst,

dann kann er nichts dagegen machen.

Er muss dich ja dich kleiner machen lassen.

Du bist nicht mehr so groß wie er.


Wenn du ihn größer machen willst,

damit er für dich macht,

was du nicht machen willst,

dann kann er was dagegen machen,

Er muss sich ja nicht größer machen lassen.

Du bleibst genauso klein wie er.

Wenn er dich kleiner sehen will,

damit er besser auf dich runtersehen kann,

dann musst du nichts dagegen machen.

Wie er dich sieht, das kann dir ja nichts machen.

Sein Sehen macht dich ja nicht wirklich kleiner.

Du bleibst genauso groß wie er.



PS:

Natürlich kann man das „er“ auch durch „sie“ ersetzen.

Ich bin nur dem gängigen Klischee gefolgt, wonach Männer eher dazu neigen, sich größer zu machen (als sie sind), Frauen eher dazu, sich kleiner zu machen (als sie sind).

Selbstverständlich gibt es auch das umgekehrte.






Kommentar:


Augen machen nicht(s).

Sie bauen nicht auf, sie reißen nicht ab.


Nur Arme machen.

Nur Hände handeln.


Augen machen nicht klein.

Augen machen nicht groß.


Nur Arme machen klein.

Nur Hände machen groß.

Sie heben hoch, sie reißen nieder.











zu "Blicke auf das andere Ufer", S. 223
(zu der Zeile "Wenn du nicht mitkommen willst, ...., S. 227)

Manche Zeilen aus dem zweiten Band lohnen sich auch, wenn du auf dieser Seite des Flusses bleiben willst

Denken, um zu denken S. 14

Mit Kopf – ohne Kopf (erste Teil ) S. 50

Wenn du mir etwas sagst S. 65

Nicht viel Zeit S. 74

Schon auf dem Weg am Ziel sein S. 109

Weg ist Ziel – und umgekehrt S. 118

Ja und nein S. 165

Suche, will und frage S. 168

Zeit, Geld, Tun S. 183

Ist das nicht der, der…. S. 185

Kein Grund (Schluss des Kommentars) S. 213

Wenn ich mir etwas vorstelle (1. Teil) S. 217

Was ist, was war, was sein wird (relativer Teil) S. 224

Tore S. 255

Einladung, noch mal zu lesen (Doppelbedeutungen) S. 257