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Wollen und Wissen

 

Manchmal sagt jemand:

„Ich will mein Ich nicht aufgeben.“

Und ich antworte dann - vielleicht:

„Das kannst du auch gar nicht.

Es geht dabei nicht darum, was du willst.

Du kannst dabei nicht wählen, was du tust.

Ob es ein Ich gibt oder nicht, bestimmst nicht du.

Das bestimmt die Wahrheit.

Die kannst du nicht erschaffen, nur erkennen.

Aufgeben kannst du nur dein Ego.

Das hast du geschaffen,

damit du das, was wahr ist, nicht mehr sehen musst.

Doch Irgendwann wirst du es nicht mehr schaffen,

dich gegen das, was wahr ist, mühevoll zu wehren.

Dann wirst du einfach ohne Zweifel wissen,

ob du ein Ich hast - oder nicht.

Du kannst dich ja darum bemüh’ n, dein Ich zu retten.

Wenn es dein Ich nicht gibt,

wird dir das nicht, kann dir das nicht gelingen.

Du kannst nicht retten, was es gar nicht gibt,

oder was dann, wenn es doch da sein sollte,

gar nicht gerettet werden muss und kann.

 

Was du versuchst zu retten,

was du auch retten kannst erst mal für lange Zeit,

ist nur dein Ego, von dir selbst gemacht.

Doch kann das Ego, trügerischer Schein,

auf Dauer nicht der Wahrheit widersteh’ n,

dein wahres Ich nicht länger mehr verdecken.

Irgendwann kannst du nicht mehr verhindern, zu erwachen.

Dann wirst du einfach wissen, wer du bist,

ob du wirklich ein Ich bist - oder nicht.“

 

 

 




 

Kommentar:

 

 

„Aber“, wirst du, lieber Leser, vielleicht fragen, „was ist denn das Ich, was ist denn das Ego?“

 

 

Ich bin - das ist das Ich.

Alles, was danach folgt - das ist das Ego.

(oder mindestens ein wesentlicher Teil davon, der Vergangenheitsteil des Egos)

 

 

„Ich denke, dass ich ein ehrlicher Mensch (ein Lügner) bin.“

„Ich denke“- das ist das Ich.

„..., dass ich ein ehrlicher Mensch (ein Lügner) bin“- das ist das Ego.

Dass ich denke - das ist das Ich.

Was ich über mich denke - das ist das Ego.
 

Mein Ich, das ist mein in der Gegenwart erkennender und handelnder Geist (Denken, Wahrnehmen, Urteilen, Entscheiden) und die Haltungen, die ich mit diesem Geist in der Gegenwart einnehme (Präsenz, „Geistes-Gegenwart“, Aufmerksamkeit, Wachheit, Offenheit, Interesse, Akzeptanz, Respekt, Fürsorge).

 

Mein Ego, das ist das Bild, das ich von mir habe, das Selbst-Bild, das so falsch ist wie alle Bilder von einem Menschen, dem Eben-Bild Gottes, von dem man sich kein Bild machen soll; eine Vorstellung, die so unwirklich ist wie alle Vorstellungen (nicht Begriffe!), die ich mir vor die Wirklichkeit, die Wahrheit stelle.

Das Ego, das ist meine angesammelte Vergangenheit; das, was ich glaube, zu wissen; das, was ich glaube, zu haben; eine trügerische Gewissheit, eine täuschende Sicherheit.

 

 

 


 

 

Eine sehr schöne Veranschaulichung, was das Ego ist und was das Ich, gibt Richard Wagner in der „Götterdämmerung“, in der Gegenüberstellung von Gunther und Siegfried.

Gunther sitzt in seiner sicheren Burg, in dem Land, das ihm gehört, das er von seinen Vätern geerbt hat, inmitten seiner Brüder und seines Halb-Bruders Hagen.

Siegfried stürmt von draußen herein, ein Fremder in einem Land, das Anderen gehört. Er besitzt nichts, hat nichts, nur das, was er ist, seine Kraft und seinen Mut. Er hat auch von seinem Vater nichts geerbt als ein zerbrochenes Schwert. Aus den unbrauchbaren Stücken dieses Schwertes, eine Göttergabe, von seinem Großvater Wotan für Siegfrieds Vater erschaffen, das aber im Kampf gegen den Speer des Großvaters nicht standhalten konnte, hat er sich selbst ein eigenes Schwert geschmiedet. An diesem Schwert, vom Menschen selbst geschaffen, nicht mehr von einem Gott geschaffen und geschenkt, wird umgekehrt später Wotans Speer zerbrechen. Siegfried kommt mit nichts als diesem Schwert, dem Werkzeug seiner Taten. Er kommt mit dem Ruf: „Kämpf mit mir oder sei mein Freund!“ Und da keiner sich traut, mit ihm zu kämpfen, verbreitet er mit dem Schwert Freundschaft und Frieden über die Welt. Und er kommt allein, ohne Brüder, ohne Gefolgsleute, nur auf sich selbst gestellt.

Ich kann beides sein - Gunther und Siegfried, Ego und Ich.

Es sind zwei Gestalten, die ich annehmen kann, in die ich mich wie ein Zauberer verwandeln kann.

Ich kann wählen.

Ich kann wählen, der Wind zu sein, der heute hier weht, morgen dort, der gar nicht mehr weiß, wo er gestern geweht hat, und der sich nicht fragt, wo er morgen wehen wird.

Und ich kann wählen, ein Mann zu sein, der verzweifelt einen Schatz sucht, den er in Kriegszeiten irgendwo vergraben hat, nicht mehr weiß, wo, und ihn jetzt nicht wiederfindet.

Doch ich kann nicht wählen, beides zur selben Zeit zu sein.

Wer Wind ist, kann keine Schätze suchen.

Wer Schätze sucht, kann nicht Wind sein.

 

 


 

 

PS: Du kannst nicht wollen, ob du ein Ich bist.

Du kannst nur wollen, dass du ein Ego hast.

Doch du kannst wollen, wie stark das Ich ist, das du bist.

Es hängt von deinem Willen ab, wie sicher du urteilst, wie klar du entscheidest, wie wach du dich der Welt (und Anderen) zuwendest.

Die Stärke deines Ichs, die hängt ab von dir.


 

Publiziert am: Dienstag, 17. März 2020 (77 mal gelesen)
Copyright © by Rudolfo Kithera

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